Club Distillery
Blick auf den Club Distillery in Leipzig, der nun in eine neue Location umziehen muss. Bildrechte: Thyra Veyder-Malberg

Clubszene Leipziger Techno-Club Distillery muss umziehen

Seit über 25 Jahren ist die Distillery nicht nur eine feste Größe im Leipziger Nachtleben, sondern auch einer der berühmtesten Techno-Clubs des Landes. Nun muss der Club wieder umziehen. Es ist nicht das erste Mal in seiner bewegten Geschichte, die eng mit der Nachwendegeschichte von Leipzig verwoben ist.

von Thyra Veyder-Malberg, MDR KULTUR

Club Distillery
Blick auf den Club Distillery in Leipzig, der nun in eine neue Location umziehen muss. Bildrechte: Thyra Veyder-Malberg

Die Distillery an einem Montagnachmittag. Draußen scheint die Sonne, drinnen spielt leise elektronische Musik, während ein Mitarbeiter Kästen mit Altglas wegräumt. Steffen Kache, Mitbegründer und Betreiber des Techno-Clubs, ist bestens gelaunt – und das obwohl ihm einiges Ungemach ins Haus steht: Die Distillery muss in naher Zukunft umziehen, weil auf dem stillgelegten Bahngelände hinter dem Haus ein neues Wohngebiet entstehen soll. 

Umzug in vier Jahren

Wohin die Reise geht, ist noch nicht klar. "Unsere rote Linie ist einfach die, dass wir sagen: Der Club Distillery, das Projekt Distillery soll weiter bestehen bleiben, das ist nicht an den Ort gebunden“, sagt Kache. "Es gibt die Perspektive, dass wir bis 2022 hier bleiben können."

Das heißt, wir müssen jetzt innerhalb von vier Jahren einen Umzug hinbekommen, und wenn sichergestellt ist, dass wir innerhalb dieser Zeit an einem neuen Ort wieder neu anfangen können, dann hab ich kein Problem umzuziehen, wenn es auch finanziell umsetzbar ist.

Steffen Kache, Betreiber der Distillery

Seit über einem Vierteljahrhundert ist die Distillery nun eine feste Institution im Leipziger Nachtleben. Hier haben schon Stars wie Paul Kalkbrenner, Laurent Garnier und Sven Väth aufgelegt. Das hat die Distillery zu einem der wichtigsten Clubs für elektronische Musik im Osten Deutschlands gemacht. 1992 hat Kache den Laden gemeinsam mit einigen Freunden gegründet.

Techno ist Freiheit, Techno ist Liebe, Techno ist Energie, und das hat uns damals so mitgenommen, so mitgerissen, das hat uns so beeindruckt, dass wir das unbedingt selber hier in Leipzig haben wollten.

Steffen Kache, Betreiber der Distillery

Beginn ohne Genehmigung

Kache und seine Leute seien damals auf die Idee gekommen, einen Club aufzumachen, "um halt die ganze Nacht diese Musik hören zu können, die wir woanders nicht hören konnten". Und so räumte er mit einigen Freunden 1992 einen Haufen Bierkisten aus einem Brauereikeller in Connewitz, um dort zu feiern – ohne Genehmigung, versteht sich.

Steffen Kache
Clubbetreiber Steffen Kache Bildrechte: Steffen Kache

"Das Gute war, dass damals die Behörden noch mit sich selbst beschäftigt waren. Und damals waren noch wahnsinnig viele Flächen frei, man konnte sich im Prinzip aussuchen, wo man jetzt irgendwas macht", erinnert sich Kache. "Und wir wurden ein Jahr lang auch gar nicht entdeckt, ein Jahr lang wurde nicht festgestellt, dass da überhaupt was stattfindet."

Doch irgendwann fiel es doch jemanden auf, und die Distillery musste umziehen, allerdings nicht ohne durch Demos mit Betreibern und Gästen noch einen Aufschub von anderthalb Jahren erwirkt zu haben. Seither gibt es den Club am heutigen Standort am Rande der Südvorstadt.

Stars und lokale DJs

Dort wurde sie zu einem relevanten Faktor für die Szene, sagt Matthias Tanzmann, international gebuchter DJ, Produzent und einer der Köpfe hinter dem Leipziger Label Moon Harbour Recordings.

Die Distillery ist eigentlich – vor allem, wenn man mit dem Wissen von heute zurückschaut – der wichtigste und entsprechend auch der beständigste Club mit dem relevantesten Booking, was die internationalen Künstler betrifft, die nach Leipzig geholt wurden.

Matthias Tanzmann, DJ und Produzent

Doch die Distillery holte nicht nur die Stars der Szene nach Leipzig, sie bot auch den Leipzigern wie Tanzmann eine erste Bühne. "Ein Freund von mir und ich sind über drei Ecken auf einer Gartenparty zum Auflegen gekommen“, erinnert sich Tanzmann. Die Party habe bei einem der vier Distillery-Betreiber oder im Freundeskreis dieses Betreibers stattgefunden. "Über diese Gartenparty und über ein Demotape sind wir dann in die Distillery zum Auflegen gekommen", sagt Tanzmann.

Damals war alles noch offline, da gab's noch Tapes. Und man hat sich tatsächlich über Gartenparties qualifizieren können für einen Club.

Matthias Tanzmann, DJ und Produzent

Vom Club zum Kulturgut

Was einen guten Club ausmacht, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dagegen nicht wirklich geändert, findet Steffen Kache. Und das ist mehr als gute Musik und ein guter Sound:

Einen guten Club macht aus, dass die Menschen, die hier sind, sich wohlfühlen, dass sie so sein können, wie sie sind, dass sie nicht das Gefühl haben, irgendwie beobachtet, belästigt, irgendwas zu werden. Also letztlich ihre eigene persönliche Freiheit leben zu können, ohne sich Gedanken machen zu müssen: Darf ich das jetzt?

Steffen Kache, Betreiber der Distillery

Dass es diesen Freiraum auch in Zukunft noch geben soll, dafür gibt es auch im Leipziger Stadtrat eine Mehrheit. Und selbst der Oberbürgermeister betonte, dass er vom Investor für das Areal eine Lösung für den Club erwartet. Vom illegalen Club zum schützenswerten Kulturgut – eine bemerkenswerte Entwicklung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. März 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2019, 17:35 Uhr

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