Szene aus Ballettaufführung Diva am Theater Magdeburg
Nur wenige öffentliche Frauen haben den Ruf einer glamourösen Diva Bildrechte: Andreas Lander

Premiere in Magdeburg Ballett "Diva" erntet Standing Ovations, lässt aber Tiefe vermissen

Die Magdeburger Oper gibt sich glamourös: am Samstag hatte dort das Ballett "Diva" Premiere. Unser Kritiker ist zwiegespalten: die Inszenierung ist zwar eindrucksvoll, jedoch hätte ihr etwas mehr Tiefgang gutgetan. Geschwelgt wird in Bildern der Schönheit, Erotik und der Glamourwelt, was aber teilweise zur tänzerischen Modenschau verkommt. Dem Publikum scheint es jedoch zu gefallen, es spendete bei der Premiere stehende Ovationen.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Kritiker

Szene aus Ballettaufführung Diva am Theater Magdeburg
Nur wenige öffentliche Frauen haben den Ruf einer glamourösen Diva Bildrechte: Andreas Lander

Am Samstag hatte in Magdeburg das Ballett "Diva" Premiere und passend zum Namen war die Aufführung recht glamourös. Doch zu Beginn gab es eine Überraschung, denn der Abend begann mit einem Vorgang, der auf dem Theater immer nichts Gutes verheißt: Bevor sich der Vorhang hob, richtet sich ein Spot auf die Bühne und aus der Seitengasse trat jemand hervor, um dem Publikum etwas mitzuteilen. Es war der Chefchoreograph und seine Botschaft betraf seine Diva, den Hauptpart des Abends. Die australische Tänzerin Leah Allen musste aus gesundheitlichen Gründen passen, so seine kurze und bedauernde Botschaft.

Nun weiß man natürlich, dass man am Ballett solche Rollen immer alternierend besetzt, das Risiko des kurzfristigen Ausfalls ist eben, wie hier zu sehen, sehr groß. Und so wurde es der Premierenabend der russischen Tänzerin Anastasia Gavrilenkova.

Große Ansprüche

Szene aus Ballettaufführung Diva am Theater Magdeburg
Unser Kritiker Wolfgang Schilling meint: Ein Abend des schönen Scheins. Bildrechte: Andreas Lander

Das eigentliche Ballett versprach ja schon im Titel eine Diva, was wie gemacht scheint für einen großen, glänzenden Abend. Chefchoreograf Gonzalo Galguera klingt im Programmheft jedoch eher nach großer Botschaft und einem Anspruch, der mehr will als den Glamourfaktor, indem er verkündet: "Wir brauchen die Diva heute mehr denn je. In einer durch Globalisierung zunehmend vereinheitlichten und uniformiert erscheinenden Welt verkörpert sie für mich das Außergewöhnliche und Unverwechselbare, Extravaganz und Kreativität. Sie hat den Mut zur Grenzüberschreitung und stellt sich widerborstig der Gewöhnlichkeit entgegen."

Galguera ist ja ein Geschichtenerzähler. Er wechselt in seiner Arbeit in Magdeburg gerne zwischen den klassischen Handlungsballetten und seinem grundeigenen Erfindungen, bei denen er sich technisch und stilistisch aber auch stark am neoklassischen und der sanften Moderne orientiert.

Man kann es auf den Punkt bringen: Hier wird immer sehr schön, nicht verstörend getanzt. Er liebt seine Tänzer und lässt sie glänzen. Und er hat auch ein Faible für die große Bühnenwirkung, die Ausstattung. Da kommt bei diesem Thema also erst mal rein äußerlich zusammen, was zusammengehört. Wer sich an schönen, extravaganten Kostümen, schönen Körpern und schwelgerischer Musik erfreut, der wird bei diesem Abend voll auf seine Kosten kommen.

Facetten des Divahaften

Die Aufführung ist thematisch in acht Bilder aufgeteilt, die verschiedene Situationen aus dem, ich nenne es jetzt mal "Werden und Sein einer Diva" zeigt. Das beginnt mit einer Art Vorspiel. Der Vorhang hebt sich und die Mitte der Bühne wird von einem riesigen Auge beherrscht, in dessen Pupille sich fünf Tänzerinnen posierend bewegen - divenhaft à la Grace Kelly aufgebrezelt, mit Hochfrisur und Sonnenbrille.

Szene aus Ballettaufführung Diva am Theater Magdeburg
Die Diva (Anastasia Gavrilenkova) schreitet eindrucksvoll über die Bühne Bildrechte: Andreas Lander

Ein tänzerisches Shooting als Entrée ist ein schönes Bild - aus dem in das nächste gewechselt wird, die Geburt der Diva. Hier ist die Bühne leer. Eine junge Frau, nur im hautfarbenen Tanzhemdchen, steht da von vier Männern umstanden und beginnt ihren Tanz mit ihnen, in Gruppenkonstellationen, die dann in einzelne Pas de Deux übergehen. Dazu gibt es eine elektronische, etwas elegisch grundierte, aber auch von schnellen Beats getriebenen Musik.

Das hat etwas faszinierendes, verlangt der Diva, sprich der Tänzerin Anastasia Gavrilenkova auch viel akrobatisches, vor allem in der Höhe der zweiten, der Überkopfetage ab. Ja, das sind die guten, mich noch überzeugenden Momente, am Anfang dieses Abends.

Zu wenig Tiefgang

Doch es gibt auch weniger überzeugende Momente, denn Galguera wird in meinem Augen seinem hier Anfangs von mir zitierten Anspruch an das Thema nicht gerecht. Er schwelgt geradezu in Bildern der Schönheit, Erotik und der Glamourwelt. Das wird teilweise zur tänzerischen Modenschau, wenn die Diva sich in einem Bild nacheinander in fünf oder sechs immer extravaganteren Roben präsentieren darf. Wenn Sie von einem Mischwesen aus jungem Mozart und Karl Lagerfeld zum Fächertango gebeten wird und immer wieder von schönen Männern umtanzt wird. Da ist dann auch schon mal so eine Art Christiano Ronaldo in seiner Mission als Unterwäsche-Model dabei.

Das hat viel eher etwas mit einer prinzessinnenhaften Traumwelt zu tun. Es geht aber nicht in die wirklichen Tiefen im Leben der echten Diven. Ganz deutlich wird das, wenn es um eine solche geht. Marlene Dietrich taucht auf, aber eben auch nur von Männern umschwirrt. Und die Tragik dieser Frau, die sich am Ende ihres Lebens und ihrer Schönheit in ihrer Pariser Wohnung versteckte, die wird komischerweise ausgeblendet. Bei Galguera entledigt sich die Tänzerin Anastasia Gavrilenkova am Ende der Marlene-Perücke und des Kostüms, um sich wieder in das unschuldige Mädchen des Anfangs zu verwandeln. Ganz allein steht sie auf der Bühne in deren Himmel eine endlos lange rote Robe entschwindet.

Der schöne Schein

Es ist also ein Abend des schönen Scheins. Der ist schön und opulent und tänzerisch auch anspruchsvoll. Doch auch da muss ich sagen, dass die Diva der Anastasia Gavrilenkova perfekt aber irgendwie seelenlos wirkt. Der Abend schaut sich sehr schön an, geht einen aber, wenn man ehrlich ist, sehr wenig an. Wer gerne in Hochglanzmagazinen blättert, wird seine helle Freude daran haben. Wer mehr über das Wesen der Diva erfahren wollte, wird das Magdeburger Opernhaus wohl eher ratlos verlassen. Wobei, das will ich nicht verhehlen, beim Premierenpublikum ist er gut angekommen, denn das spendete in der Mehrzahl Standing-Ovations.

Zur Aufführung "Diva" - Ballett von Gonzalo Galguera am Opernhaus Magdeburg

Musik von Thomas Duda, Balanescu Quartet, Armand Amar und Luca D'Alberto
Bühne: Christiane Hercher
Kostüme: Stephan Stanisic
Dramaturgie: Thomas Schmidt-Ehrenberg

Premiere am 29. September 2018

Weitere Aufführungen:
07.10.2018 - 18:00 Uhr
21.10.2018 - 19:30 Uhr
27.10.2018 - 19:30 Uhr
04.11.2018 - 16:00 Uhr
24.11.2018 - 19:30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2018 | 14:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2018, 17:38 Uhr

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