Diversität im Film Im deutschen Fernsehen sind nur 33 Prozent Frauen zu sehen

Gerade im Film, beim Erzählen von Geschichten sollte sich die Vielfalt der Gesellschaft spiegeln. Doch oft sind die Bilder sehr homogen, Frauen sind vor der Kamera unterrepräsentiert. Ganz zu schweigen von Menschen mit anderer Hautfarbe oder Behinderung. Die Branche diskutiert seit Langem, wie sich dieser Zustand verändern lässt. Lydia Jakobi hat sich bei der Filmkunstmesse in Leipzig einige Ideen angehört.

Albrecht Schuch, Burhan Qurbani, Welket Bungu , Annabelle Mandeng und Jella Haase
Albrecht Schuch, Burhan Qurbani, Welket Bungu , Annabelle Mandeng und Jella Haase bei der Präsentation des Films "Berlin Alexanderplatz" Bildrechte: imago images/Andre Lenthe

Burhan Qurbani ist Regisseur und Drehbuchautor. Dass er außerdem immer wieder als Kind afghanischer Kriegsflüchtlinge charakterisiert wird, ist ihm womöglich gar nicht ganz recht. Denn das Wort impliziere, nirgendwo dazuzugehören, so erklärte es Qurbani dem MDR, als sein Filmepos "Berlin Alexanderplatz" anlief. Er erzählt darin die Geschichte des Bootsflüchtlings Francis, der in Deutschland neu anfangen will.

Burhan Qurbani
Burhan Qurbani Bildrechte: imago images/snapshot

Für mich heißt Flüchtling auch nicht ankommen zu können. Und das ist ganz anders als Einwanderer oder Neuankömmling. Das sind Wörter, die die Möglichkeit von Ankunft erlauben, von Heimat erlauben. Flüchtling tut das nicht."

Burhan Qurbani, Regisseur

Zu viele eindimensionale Charaktere

Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" war eines der Highlights bei der Filmkunstmesse in Leipzig – und der Regisseur selbst ein geistreicher Gesprächspartner, wenn es um versteckte Vorurteile, Rassismen und Diversität ging.

Bei einer Podiumsdiskussion unter dem Titel "Fokus Vielfalt" im Passage Kino etwa, bei der die Frage gestellt wurde: Wie schaffen wir es, mehr Geschichten wie die von Qurbani im Kino zu erzählen? Andere Gesichter und Erfahrungen einzubinden? Denn die fehlen nach wie vor, konstatiert Schauspielerin Belinde Ruth Stieve. Sie sieht stattdessen viele eindimensionale Charaktere: "Im Fernsehen und auch im Kino wird immer argumentiert, das will niemand sehen, das will niemand sehen. Das kann man dem Publikum nicht zumuten. Man muss das und das erklären, wenn eine Figur vorkommt, die nicht weiß ist oder die eine Behinderung hat. Da muss man immer erklären, warum eine Person so ist, wie sie ist. Anstatt, dass sie einfach so ist."

Wenig Vielfalt im Fernsehen

Der Regisseur Faraz Shariat zeigt seinen Preis.
Regisseur Faraz Shariat Bildrechte: dpa

Ganz ähnlich hat das der Regisseur Faraz Shariat erfahren. Demnächst erscheint sein Film "Futur Drei", eine Coming-of-Age-Geschichte über iranische Jugendliche in Hildesheim. Shariat sagt: "Eine Sache, die beim Schreiben von 'Futur Drei' im Mittelpunkt stand, war halt eine Vielfalt, eine Pluralität von Stimmen anwesend sein zu lassen. Es geht um Migration, um Sexualität, um Gemeinschaft, um Jugendlich sein, um die erste Liebe, um Sexismus und strukturelle Gewalt." Diese Vielfalt ist noch längst nicht Standard. Allein, wenn man sich das Geschlechterverhältnis anschaut.

Frauenanteil gering

Im deutschen Fernsehprogramm sind im Schnitt aller Genres nur 33 Prozent Frauen zu sehen. Ab dem 30. Lebensjahr verschwinden sie sukzessive vom Bildschirm. Der Anteil der Kino-Regisseurinnen stagniert seit Jahren bei etwa 22 Prozent. Das geht aus Studien der Rostocker Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer hervor.

Elizabeth Prommer
Elizabeth Prommer Bildrechte: dpa

In Hollywood sieht es kaum anders aus. Wenige Frauen, kaum Afroamerikaner und Asiaten hinter der Kamera. Und fragt man nach Menschen mit Behinderung, wird es noch dünner. Einer Studie aus den USA zufolge stellten sie zuletzt nur knapp drei Prozent der Sprechrollen – obwohl sie fast 19 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen. Dabei ließen sich viel abwechslungsreichere Geschichten erzählen, wenn auch das Set diverser besetzt wäre, glaubt Prommer: "Wir haben geguckt, wenn Frau Regie führt, wenn Frau Drehbuch schreibt, Redakteurin ist, hat das einen Effekt für die Sichtbarkeit. Und in der Tat. Wenn eine Frau das Drehbuch schreibt, sehen wir dreimal so viele Frauen auf der Kinoleinwand, als wenn ein Mann das geschrieben hat. Und anzunehmen ist, dass, wenn schon allein der Effekt, dass eine Frau andere Geschichten erzählt, dann kann man davon ausgehen, das wird für die anderen Gruppen und Identitäten genauso sein."

Oscars sollen ab 2024 diverser werden

Immerhin: Die Oscars sollen ab 2024 inklusiver werden. Notwendig sind dem Bundesverband Regie zufolge aber auch politische Reformen. Im Filmfördergesetz müsse Diversität zum Beispiel eine größere Rolle spielen.

Ich glaube, es ist total wichtig, dass Stoffe, präzise dramaturgisch redigiert werden von Leuten, die auch Erfahrungswerte haben. Aber dann auch diverser besetzen und unkommentiert ein plurales Bild von Deutschland zeichnen.

Faraz Shariat, Regisseur

Doch was sagt das Publikum zu den Forderungen nach mehr Vielfalt im Film? Belinde Ruth Stieve zieht einen schlichten Vergleich, mit dem Kino sei es wie mit dem Essen – alles eine Gewohnheitsfrage.

Was gibt’s zu essen? Spaghetti, Spaghetti, Spaghetti! Mal mit 'ner anderen Soße, aber immer Spaghetti. Und dann hieß es: Wir brauchen mehr Abwechslung. Und dann hat man aber nichts völlig anderes gekocht, sondern dann hatte man Bandnudeln oder Tagliatelle oder wie die alle heißen. Aber es waren ja immer noch Nudeln.

Belinde Ruth Stieve, Schauspielerin

Jetzt sei es an der Zeit für etwas ganz Anderes, meint Stieve: Mehr Reis, Couscous und Kartoffeln im Kino – im übertragenen Sinne.

Filmszene

Christian Bräuer 10 min
Bildrechte: imago images / Photopress Müller
Regisseurin Anne Zohra Berrached am Sonntag zur Vorpremiere ihres preisgekrönten Films 24 Wochen im Luchskino. 4 min
Bildrechte: imago/VIADATA

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. September 2020 | 07:40 Uhr