Premiere "Hannibal" in Weimar: Das rechte Netzwerk der Bundeswehr im Theater

Vor zehn Jahren wurde die rechte Terror-Gruppe NSU enttarnt. Wenige Jahre später deckten Recherchen ein rechtes Netzwerk innerhalb deutsche Behörden auf: In Hannibal bereiteten sich unter anderem Polizisten und Soldaten auf den Umsturz vor. Im gleichnamigen Theaterstück versucht der Autor Dirk Laucke die Radikalisierung eines Soldaten nachzuerzählen. Es ist nicht seine erste Auftragsarbeit für das Nationaltheater Weimar. Am Donnerstag feiert das Stück Uraufführung und Premiere.

Hauptdarsteller Marcus Horn mit Sturmgewehr im Anschlag 3 min
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In dem Theaterstück radikalisiert sich ein Elite-Soldat der Bundeswehrsoldat, bis er bereit ist zu töten. Autor Dirk Laucke hat sich von der Realität inspirieren lassen.

MDR KULTUR - Das Radio Do 30.09.2021 06:00Uhr 03:17 min

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Inspiriert von einer ganze Reihe an Verstrickungen der Sicherheitsbehörden in rechte Netzwerke hat der in Halle aufgewachsene Autor Dirk Laucke mit "Hannibal" ein Theaterstück geschaffen, in dem der Werdegang eines Bundeswehrsoldaten der Eliteeinheit KSK geschildert wird, der sich radikalisiert, bis er sogar zu töten bereit ist.

"Richtige reale Gefahr für Menschen"

Bewaffnetter und maskierter Schauspieler
Anlass für das Theaterstück "Hannibal" war das gleichnamige Netzwerk deutscher Sicherheitskräfte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Anknüpfungspunkt diente dem 1982 geborenen Autor verschiedene Recherchen zu radikalen Bewegungen. So beispielsweise das 2018 von der taz aufgedeckte rechte Netzwerk "Hannibal", in dem sich Akteure aus Bundeswehr, Polizei und Verfassungsschutz miteinander vernetzten, Waffen und Munition sammelten und auf einen "Tag X" vorbereiteten. Ein Netzwerk, zu dem nach Recherchen der "taz" auch Franco A. gehören soll: Ein Bundeswehr-Soldat mit rechtsextremer Gesinnung, der sich gerade vor dem Oberlandesgericht Frankfurt a. M. in einem Strafprozess zu verantworten hat. Ihm wird vorgeworfen, sich als syrischer Geflüchteter ausgegeben und mit seiner gefälschten Identität Anschläge geplant zu haben, um Ressentiments zu schüren.

Vorfälle, die nach Lauckes Geschmack zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Sie seien nicht nur ein Skandal, sondern eine reale Gefahr für Menschen, sagt der Autor. "Teile dieses Netzwerkes haben sich schon Leichensäcke gekauft und hatten auf ihren Todeslisten viele verschiedene Leute", erzählt er.

Roman als Vorlage für Weimarer Theaterstück

Um diesen Stoff auf die Bühne zu bringen, nimmt Laucke den Roman von Ödön von Horváth "Ein Kind unserer Zeit" als Struktur. In dem 1938 veröffentlichen Werk macht ein junger Soldat bei der Reichswehr einen Radikalisierungsprozess durch. Der über 80 Jahre alte Stoff ist auch heute noch modern. 

Zwei Darsteller, hockend auf der Bühne
"Hannibal" am Deutschen Nationaltheater Weimar begleitet die Radikalisierung eines Soldaten. Bildrechte: Candy Welz/DNT

Und so handelt "Hannibal" von dem Soldaten Rico, der aus Patriotismus zum Bund geht und es dort in die Eliteeinheit KSK schafft. Aus einfachen Verhältnissen stammend scheint er dort einen Platz in der Gemeinschaft für sich gefunden zu haben, in der jedoch rechtes Gedankengut zum guten Ton dazugehört. Die Gesinnung jenseits der freiheitlich-demokratischen Grundordnung wird in Lauckes Stück nicht explizit verhandelt. Der Autor stellt sie nicht plakativ zur Schau, sondern er lässt die Gesinnung beiläufig einfließen. Absichtlich – denn genau das zeige, so Laucke, wie sehr dieses Gedankengut in den Kreisen Konsens sei und nicht mehr verhandelt werden müsse.

Bei einem Einsatz in Afghanistan wird Rico dann verletzt und letztlich dienstuntauglich. Er wird Teil eines Vereins, das Zivilisten in Militärpraktiken schult und Gleichgesinnte versammelt, die den Glauben daran verloren haben, dass die Bundesregierung die Interessen der deutschen Bevölkerung schützt. Er rutscht immer tiefer ins rechte Netzwerk – bis er selbst zu einer grausigen Tat bereit ist. 

Baseballschläger-Jahre in Halle

Dirk Laucke, Autor
Der Autor Dirk Laucke erzählt am liebsten von Menschen. Bildrechte: Karoline Bofinger

Dirk Laucke erschafft dabei einen Soldaten Rico, an dem Schwächen, Fehler und Zukunftsängste erkennbar sind. "Menschen sind ambivalent, sie sind nicht einfach nur böse, sondern sie haben natürlich Motivationen, die sie uns erklären können", Laucke sein menschlich gezeichnetes Portrait des sich radikalisierenden Soldaten Rico. Diese Empathiefähigkeit sei eine Grundbedingung von Theater.

Der 1982 in Schkeuditz geborene Autor Dirk Laucke schreibt für Theater, Film und Hörspiel. Er hat bereits unter anderem für das Thalia Theater Halle, das Staatsschauspiel Dresden, das Deutsche Nationaltheater Weimar sowie das Deutsche Theater Berlin gearbeitet. In seinen Stücken beschäftigt er sich neben Rechtsextremismus mit dem "Oben und Unten", mit deutsch-deutscher Identität, aber auch mit fanatischen Fußballfans. Dabei zeichnet ihn ein feiner Blick für Alltagsbeobachtungen in prekären Milieus aus.

Der Mensch hinter dem rechten Netzwerk

Tanzszene uniformierter Darsteller
"Hannibal" am DNT Weimar zeigt, wie verbreitet rechtes Denken in der Bundeswehr ist. Bildrechte: Candy Welz/DNT

Bei "Hannibal" habe ihn interessiert, was Menschen dazu bringt, zu hassen, Waffen zu sammeln und sich auf einen "Tag X" vorzubereiten. Denn er selbst sei ein Kind der so genannten Baseballschläger-Jahre – so umschreibt er sein Aufwachsen im Halle der 1990er-Jahre, wo es damals nicht wenige Rechte gegeben hätte und rechte Gewalttaten fast alltäglich gewesen seien. "Da will man mit der Klasse auf Klassenfahrt fahren und die Frage ist: Geht das, weil Rostock brennt", erzählt Dirk Laucke. Die jüngsten rechtsextremen Vorfälle sieht er mit Sorge – und schreibt darüber. "Ich kann ja nicht aus meiner Haut raus. Als Autor schreibe ich das, was mich beschäftigt.

Wenn mich halt Rechtsradikalismus in einem Großteil meines Lebens beschäftigt, dann schreibe ich halt auch über.

Dirk Laucke

Dem Begriff des politischen Theaters will Laucke sich dabei entziehen. Ihm gehe es darum, Menschen mit seinen Geschichten zum Nachdenken anzuregen und zu berühren. Er wolle Geschichten erzählen, nicht missionieren, sagt Laucke.

"Kein Schlussstrich!" in Sachsen und Thüringen

Das Stück "Hannibal" ist eingebettet in das interdisziplinäre Theaterprojekt "Kein Schlussstrich!". In dessen Rahmen werden die Taten und Hintergründe des NSU künstlerisch in Inszenierungen, Ausstellungen, Konzerten, Performances thematisiert. "Kein Schlussstrich!" verteilt sich über insgesamt fünfzehn Städten deutschlandweit – darunter neben Weimar auch Plauen, Rudolstadt, Zwickau, Chemnitz, Eisenach und Jena.

Auch wenn es bei "Hannibal" nicht direkt um den NSU geht, passt es in das Theaterprojekt, findet der Dramaturg des Stücks, Carsten Weber. "Kein Schlussstrich!" beschäftige sich mit den Taten des NSU, aber auch mit den Kontinuitäten rechtsextremer Gewalt in Deutschland. Und da passe "Hannibal" gut rein. Denn das Stück erzähle über rechtsextreme Gewalt, die nach dem NSU passiert sei und fortgeschrieben werde.

Die eine Zelle, der NSU, ist aufgeflogen, aber das Gewaltpotenzial ist weiter vorhanden.

Carsten Weber, Dramaturg "Hannibal"

Termine Die Premiere von Hannibal am 30.9. am DNT in Weimar ist bereits ausverkauft. Weitere Vorstellungen folgen am 3., 7., 26.10, 6. und 27.11. sowie ab Dezember 2021.

Künstlerische Aufarbeitung von Recht-Terrorismus

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2021 | 07:10 Uhr