Internationales Festival DOK Leipzig: Diese Filme sollten Sie sehen

Mit Marcus Vetters Dokthriller "DAS FORUM" startet das 62. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm am 28. Oktober. Auch danach bleibt es spannend. Zu sehen sind 310 Filme und interaktive Arbeiten aus aller Welt. MDR KULTUR-Filmredakteur Stefan Petraschewsky hat fünf Tipps, welche Filme Sie nicht verpassen sollten.

"Im Stillen laut"

Erika Stürmer-Alex, geboren 1938, ist Künstlerin. Zeit ihres Lebens war sie durchaus unbequem, mit eigenem Kopf und Stil, was ihr eine Beobachtung durch die Stasi einbrachte. Der Dokumentarfilm "Im Stillen laut" zeigt, wie sie mit ihrer Partnerin auf einem Bauernhof in Brandenburg lebt, östlich von Berlin. Schon seit 1982 wohnt sie dort.

Ein komplettes Jahr hat Regisseurin Therese Koppe, die gerade noch an der Hochschule studiert hatte, die beiden mit der Kamera begleitet. Sozusagen aus der Enkelinnenperspektive zeigt Koppe, wie die beiden Hausherrinnen im Frühjahr die Styroporverkleidung hinter den Kellerfenstern abbauen und im Spätherbst Buschwerk verbrennen. Dazwischen entsteht ein sensibles und genau beobachtetes Porträt über ein Künstlerinnen-Sein in der DDR- und Nachwendezeit.

Filmszene aus 'Im Stillen laut'
"Im Stillen laut" ist ein sensibles Porträt über ein Künstlerinnen-Sein in der DDR- und Nachwendezeit. Bildrechte: Therese Koppe / DOK Leipzig 2019

Wann & Wo Deutscher Wettbewerb
D 2019, Dokfilm, 72 Minuten, Weltpremiere

CineStar 4
29.10.2019 | 13:45 Uhr

Passage Kinos Wintergarten
30.10.2019 | 22:15 Uhr

"In The Name Of Scheherazade oder Der erste Biergarten in Teheran"

Hier gilt es, die erste Viertelstunde erstmal wirken zu lassen. Zunächst scheint das Ganze wie ein L'art pour l'art-Film, mit dem ein Frischling von der Filmhochschule beweisen will, dass er es besser kann. Aber dann entpuppt sich der 76-minütige Dokumentarfilm von Narges Kalhor als kunstvoll verwobenes Gespinst auf mehreren Ebenen. Der Biergarten in Teheran ist eine davon und erzählt auf großartige Weise von einem Kulturmissverständnis. Alkohol und Islam – das kann man sich ja noch denken. Aber dass ein Logo für den Biergarten keinen Löwen zeigen darf, weil der Löwe das Wappentier der Schah-Dynastie war, ist schon Spezialwissen. Und Hopfenblüten im Frauenhaar – das geht auch nicht.

Szene aus - In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran
Filmszene aus "In The Name Of Scheherazade oder Der erste Biergarten in Teheran" Bildrechte: Narges Kalhor / DOK Leipzig 2019

Wann & Wo Internationales Programm
D 2019, Dokfilm, 76 Minuten, Deutsche Premiere

CineStar 4
02.11.2019 | 16:15 Uhr

CineStar 7
03.11.2019 | 12:30 Uhr

"Autobahn"

Was passiert, wenn zwischen zwei Autobahnen ein Stück Straße fehlt? In Bad Oeynhausen, dort wo die Germanen einst die Römer besiegten, waren die Auswirkungen jahrelang zu besichtigen: Eine nicht enden wollende LKW-Schlange wälzte sich durch die Innenstadt. Bis die Umgehungsstraße kam.

Der Dokumentarfilm "Autobahn" beleuchtet die Zeit der Bauarbeiten: Planung, Kommunal-Wahlkampf, Anwohner. Beeindruckend ist aber auch zu sehen, was die Zeit der schönen Mobilität angerichtet hat: wie die Geschäfte links und rechts der Verbindungsstraße durch die Stadt in einen Dornröschenschlaf – besser Dornröschentod – fielen, weil dort keine Wohn- und Lebensqualität mehr war. Wiederbelebung ausgeschlossen, weil Anschluss verpasst. So gesehen ein Porträt über die westliche Lebensweise, die an ihre Grenzen stößt.

Autobahn
Szene aus dem DOK-Film "Autobahn" Bildrechte: Daniel Abma / DOK Leipzig 2019

Wann & Wo Internationales Programm
D 2019, Dokfilm, 85 Minuten, Weltpremiere

Hauptbahnhof Osthalle
29.10.2019 | 19:30 Uhr

CineStar 7
02.11.2019 | 12:30 Uhr

"Zahida"

Zahida ist die Ausnahme: Sie sei die erste Taxifahrerin in Pakistan gewesen, sagt sie. Was in einer Welt, in der die Männer bestimmen, nicht ganz einfach ist. Trotzdem kann sie sich durchsetzen: im Kollegenkreis, auf den verstopften Straßen Islamabads, auf Ersatzteilsuche. Wenn Zahida spricht, kommt auch die Zeitgeschichte ins Spiel. Ihr Vater habe in Indien ein großes Transportgeschäft besessen, erzählt sie. Nachdem das Land aufgrund religiöser und ethnischer Spannungen geteilt wurde, kehrte er nach Pakistan zurück. Sein Geschäft habe er aufgeben müssen. Darüber sei er gestorben.

Taxifahren auch als Erinnerungsarbeit? – "My life is one big struggle", sagt Zahida. Dann sehen wir sie zuhause, wie sie Essen kocht für die Tochter, ihr im Bett vorliest. Ein sehenswertes Porträt über den Alltag einer starken Frau in Pakistan.

Zahida
Filmszene aus "Zahida" , eine starke Frau aus Pakistan. Bildrechte: Seemab Gul/ DOK Leipzig 2019

Wann & Wo Internationales Programm Kurzfilm
Pakistan, UK 2018, Dokfilm, 29 Minuten, Deutsche Premiere

Schaubühne Lindenfels
29.10.2019 | 22:00 Uhr

Passage Kinos Astoria
31.10.2019 | 22:00 Uhr

CineStar 7
02.11.2019 | 10:30 Uhr

"Asho"

Asho heiße Adler, erklärt der Hirtenjunge Asho, der vielleicht elf Jahre alt ist, aber altklug von einer Zeit spricht, in der er noch "Kind" war. Damals sei er agil und schnell gewesen – deswegen der Name: Asho. Mit seiner Herde durchstreift er das Hügelland seiner Heimat – und guckt Filme. So viele, dass er es aufgegeben habe, sie zu zählen, sagt er. Der letzte sei "La La Land" gewesen, den er mit acht Oscars allerdings für überschätzt halte.

Dann sei Schluss gewesen. Ein Schafbock habe ihn beim Filmegucken gestoßen, das Tablet sei zu Bruch gegangen. Asho zeigt das Gerät mit dem gesplitterten Screen zum Beweis – und lebt fortan von der Erinnerung. Außerdem will er Schauspieler werden. Er ahmt Rambo nach: Muskeln, Sixpack, böser Blick. Dann trägt er Salzstücke aus einem ausgetrockneten See für die Schafe herbei. Dafür legt er sogar die Flinte beiseite. Großartige 30 Minuten!

Asho
Filmszene aus "Asho" Bildrechte: Jafar Najafi/ DOK Leipzig 2019

Wann & Wo Internationaler Wettbewerb Kurzfilm
Iran 2019, Dokfilm, 30 Minuten, Europäische Premiere

Passage Kinos Astoria
30.10.2019 | 13:00 Uhr

Passage Kinos Universum
31.10.2019 | 19:00 Uhr

DOK Leipzig 2019 * DOK Leipzig zeigt in diesem Jahr vom 28. Oktober bis 3. November 310 Filme und interaktive Arbeiten aus aller Welt.

* Das Festival eröffnet am 28. Oktober mit der Weltpremiere von DAS FORUM, einem Film von Marcus Vetter. Ein Dokuthriller, der zeigt, wie die Welteliten aus Wirtschaft und Politik beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos auf die drängendsten Fragen der Gegenwart blicken, ob sie um Lösungen ringen oder nur jeweils eigene Interessen verfolgen.

* Das Festivalzentrum befindet sich im Museum der bildenden Künste Leipzig.

* Während der diesjährigen Ausgabe von DOK Leipzig werden Preisgelder in einer Rekordsumme von 82.000 Euro vergeben.

DOK-Woche im MDR: "Starke Frauen – Starke Filme"

Die Protagonistin in ihrem Hotelzimmer, vor dem Laptop. 74 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Frauen bei einer Theaterprobe 80 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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MDR KULTUR Filmmagazin vom 2. November

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2019 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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