Vor 65 Jahren Wie die DOK-Woche nach Leipzig kam

DOK Leipzig, das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, ist eines der renommiertesten Dokumentrafilmfestivals der Welt. Seine Geschichte beginnt am 11. September 1955 als "Gesamtdeutsche Kultur- und Dokumentarfilmwoche" und erzählt viel über DDR, BRD und den Kalten Krieg.

Publikum vor dem Kino Capitol - 1961
"Filme der Welt – Für den Frieden der Welt" lautete das Motto der Dok-Woche nach 1960 Bildrechte: DOK Leipzig/Reinhard Podszuweit

"Einer der ganz wenigen Treffpunkte, an denen das freimütige und persönliche Gespräch zwischen Ost und West noch möglich ist und stattfindet" – so berichtet Klaus Lackschewitz 1965 für den Norddeutschen Rundfunk von der Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche. Besonders einen Film würdigt er in seinem Bericht: die von der Jury mit einem Sonderpreis bedachte sowjetische Dokumentation "Der gewöhnliche Faschismus" von Michail Romm. Lackschewitz´ Urteil über das Festival:

Die Reise nach Leipzig hat sich auch in diesem Jahr, selbst wenn die Ausbeute zahlenmäßig nicht groß war, gelohnt. Sie wird sich immer lohnen, weil dieses Festival wie kein anderes ein Festival des engagierten Films ist.

Klaus Lackschewitz, Journalist NDR 1965

Leipzig wurde bewusst ausgewählt

Die Geschichte des Festivals nimmt zehn Jahre zuvor ihren Anfang. Da präsentiert sie sich noch als eine Unternehmung mit Vertretern nur aus Ost- und Westdeutschland, als "Gesamtdeutsche Kultur- und Dokumentarfilmwoche". Es ist der künstlerische Leiter des DEFA-Studios für populärwissenschaftliche Filme, Karl Gass, der dieses Treffen anschiebt, und seine Wahl fällt ganz bewusst auf Leipzig. "Wegen der Leipziger Messe. Ich hab gesagt: dort ist internationaler Verkehr, dort kann man mit Publikum umgehen, dort gibt es Zimmer, dort ist alles organisiert, da gibt’s auch Privatquartiere und Leipzig ist der günstigste Boden für ein solches Festival. Und so wurde es dann auch beschlossen", erinnert sich Gass.

Kein Erfolg als gesamtdeutsches Projekt

Nur – unter gesamtdeutschen Vorzeichen hat dieses Festival keine Zukunft. Es passt nicht in die Kalte-Kriegs-Großwetterlage. Außerdem gibt es qualitative Probleme. Es existiert schlicht nicht genug sehenswertes Material. Beim zweiten Treffen in Leipzig verteilen Journalisten deshalb Gartenzwerge für miese Filme, heißt es 1956.

1960 dann der Neustart unter neuen Prämissen. Die Internationale Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche etabliert sich als Treffpunkt von Regisseuren aus Ost und West, aus Nord und Süd. Joris Ivens, Chris Marker, Alberto Cavalcanti oder eben Michail Romm. Sie alle zieht es unter dem Motto "Filme der Welt – Für den Frieden der Welt" nach Sachsen. "Also, das war die Spitzengarde des Dokumentarfilms der Welt", sagt Gass.

Einfluss der DDR-Politik

An den Anmeldetischen mit Karteikarten-Boxen  zur Dokwoche 1987 herrscht reger Betrieb.
Besucher der Dok-Woche 1987 Bildrechte: Dok Leipzig/ Gerhard Podszuweit

Aber da sind auch Schattenseiten. Wo die Spitzengenossen eine ganze Republik ausschnüffeln lassen, bleibt das als Schaufenster der DDR dienende Festival nicht ungeschoren. Nicht selten bestimmen politische Erwägungen Filmauswahl und Preisverteilung. Und oft genug muss der deutsch-demokratische Bürger feststellen, dass der Sozialismus auf der Leinwand mit dem, den er erlebt, zu wenig zu tun hat. Bilder vom Prager Frühling oder von den Sommer-Streiks 1980 in Polen sind erst recht tabu.  

1989 beginnt in Leipzig eine neue Zeitrechnung. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Nachwendezeit hat sich das Festival wieder gefangen. 48.000 Zuschauer besuchten DOK Leipzig im vergangenen Jahr.

  

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. September 2020 | 06:10 Uhr