Interview DOK-Leipzig-Intendant Terhechte: "Der direkte Kontakt ist die Essenz eines Festivals"

Christoph Terhechte startet als neuer Leiter in sein erstes DOK Leipzig. Einige Tage vor Beginn des Festivals hat MDR KULTUR-Filmredakteur Stefan Petraschewsky mit dem Intendanten gesprochen – über die Hybrid-Idee von DOK Leipzig 2020, Kinos in der Krise und eine neue Solidarität unter den Filmfestivals.

Christoph Terhechte 25 min
Bildrechte: DOK Leipzig 2020 / Susann Jehnichen

MDR KULTUR: DOK Leipzig wird in diesem Jahr ein Hybrid-Festival sein, Filme sind im Kino und auch online zu sehen. Wie funktioniert das genau?

Christoph Terhechte: Vor allem sind die Filme im Kino nur für das hiesige Publikum zu sehen. Nur mit Kaufkarten kommt man ins Kino. Die übliche Mischung von Akkreditierten, die hier mit der DOK-Leipzig-Tasche durch die Stadt laufen, von weit her kommen und für eine Woche Filme gemeinsam mit den hiesigen Filmbegeisterten genießen – die werden nicht kommen in diesem Jahr. Es ist eine sehr andere Situation vor Ort. Der andere Teil ist für uns so eine Art Fallback gewesen, für den Fall [...], dass das Festival nicht in den Kinos stattfinden kann.

Je näher wir dem Festival kamen, desto besser hat sich herauskristallisiert, was Hybrid eigentlich bedeuten kann. Es ist eben nicht nur diese Verschränkung von Online- und Kinoprogramm, sondern auch Darstellungsformen, bei denen beides zu einem wird. Bei den Wettbewerbsfilmen im Internationalen Wettbewerb, die wir hier im Cinestar aufführen, haben wir anschließend Q&As mit den Regisseuren, die zu Hause im Wohnzimmer sitzen. Daran können sich wie gehabt das Publikum vor Ort beteiligen, aber auch die Zuschauer zu Hause können per Chat Fragen stellen und sich einmischen. Wir haben mehrere Formate dieser Art, die wirklich hybrid sind.

Ist diese Online-Variante möglicherweise etwas für die Zukunft, wenn Corona vorbei sein sollte – auch, weil sie klimafreundlicher ist?

Meine Priorität bleibt das Kino, und für die hiesigen Zuschauer wird das Kino nicht zu ersetzen sein. Das ist das Festival, eine Begegnungsstätte, wo man Gespräche führt mit anderen Zuschauern, ins Gespräch kommt, auch mit den Filmemachern, die man sieht. Nicht umsonst stehen bei einem großen Filmfestival mit rotem Teppich die Leute auf Leiterchen, die sie sich mitgebracht haben, um mal einen Blick auf die Stars zu erhaschen. Das ist im Dokumentarfilm anders, aber mit den Filmschaffenden direkt in Kontakt zu kommen, ist doch die Essenz eines Festivals. Insofern wollen wir auf jeden Fall zurück ins Kino. Und wir machen uns Sorgen darum, ob die Kinos eigentlich überleben, denn wir brauchen die Kinos, die hiesigen Kinos als Abspielstätten.

Christoph Terhechte, Leiter der Sektion Forum.
Christoph Terhechte leitet das Festival seit Januar 2020. Er folgte auf Leena Pasanen. Bildrechte: dpa

Gleichzeitig haben Sie natürlich Recht, ein Festival ist ein Umweltsünder. [...] Wenn wir es schaffen, in den nächsten Jahren, die Teilnahme von Branchenvertretern auch online zu ermöglichen, so wie wir das in diesem Jahr zu hundert Prozent tun, dann können wir zumindest diese [Reise-]Belastung etwas reduzieren, werden weiterhin Begegnungsstätte sein, aber wir können ein selektives Festivalverhalten produzieren oder fördern. [...] Ich gehe davon aus, dass tatsächlich die Reisetätigkeit zu Filmfestivals nie wieder dieselbe sein wird, wie sie vor Corona war.

Wie konkret ist ihre Befürchtung, dass Corona Kinobetreibern das Genick bricht?

Ich habe keine konkreten Anzeichen, dass mir irgendein Kinobetreiber gesagt hätte 'ich schaffe es nicht'. Aber die Kinobranche als solche ist natürlich längst in diesem Modus. Sehr kenntnisreiche Vertreter der Filmbranche sagen 'wir überleben den Winter nicht'. Das ist für jedes Kino in dieser Stadt eine reale Möglichkeit, wie für alle anderen Kinos praktisch weltweit. Ich denke, es ist wichtig, dass die Stadt realisiert, dass ein Festival Kinos braucht und auch hilft, das Filmkunsthaus zu bauen, was seit Jahren in der Planung ist und immer wieder ein Stück vorankommt, aber leider den Durchbruch noch nicht geschafft hat. Denn wir brauchen einen solchen Ort, um eine neue Basis zu haben, auch für das Abspiel unserer Filme.

Wir wollten alle Fiesen killen 21 min
Bildrechte: Dok Leipzig/Wir wollten alle Fiesen killen/Bettina Ellerkamp, Jörg Heitmann

Filmfestivals haben sich bisher oft in Konkurrenz gesehen. Gibt es jetzt in Corona-Zeiten eine neue Art des Umgangs miteinander?

Das ist allerdings spannend. Wir haben in den letzten Monaten sehr viele Konferenzen gehabt, unter den Dokumentarfilmfestivals weltweit – mehr als 50 Festivals, die sich einmal im Monat auf Zoom treffen und miteinander reden. Darüber, wie ihre Situation sich darstellt, welche Lösungen sie finden. Wir lernen sehr viel voneinander. Dieses Konkurrenzverhältnis, jeder nimmt dem anderen die Weltpremieren weg, ist plötzlich wie weggeblasen, spielt gar keine Rolle mehr. Man ist vielmehr daran interessiert, gemeinsam eine Lösung zu finden für die Branche, für die Filmschaffenden, die Zuschauer, für die Kinos und zieht plötzlich am selben Strang. Das ist eine Erfahrung, die ich zum ersten Mal mache. Wo man bisher sich eher ein bisschen kritisch, misstrauisch beäugt hat, da steht plötzlich ein ganz großes gegenseitiges Umarmen, virtuell natürlich. Aber das ist wunderbar, und das ersetzt in gewissem Maße die wirkliche Begegnung, die man sonst mit den gleichen Menschen hat, auf anderen Festivals. [...] Das ist ein Impuls, der anhalten wird.

Es gibt noch eine Neuerung, die heißt "Director's Short Cut". Was hat es damit auf sich?

Wir haben alle Filmschaffenden aufgefordert, dreiminütige Clips zu erstellen, um einen kleine These, einen Anreiz zu haben, sich die langen Filme anzugucken. Die kann man sich auch alle nacheinander anschauen – ich kenne einige, die jetzt schon Binge Watching machen mit diesen Clips. Einer, der wirklich herausragend ist, ist vom Regisseur des Films "The Blunder of Love", ein italienischer Film, wo er neben seiner Oma sitzt, die in diesem Film die Hauptrolle spielt und sie sich darüber unterhalten, was es bedeutet, dass der Film jetzt in Leipzig zu sehen sein wird. Das ist herzerwärmend. Viele Filmemacher haben sich da sehr originelle Wege ausgedacht, um so etwas Ungewöhnliches für uns zu produzieren und die Zuschauer zu animieren, dass sie ins Kino gehen.

Es sind gerade schlechte Jahre für die Welt. Aber gute Jahre für den Dokumentarfilm?

Man kann die Welt, glaube ich, immer noch nicht über einen Kamm scheren und muss sehen, dass an unterschiedlichen Orten auf der Welt, es immer ein Auf und Ab gibt, in den filmischen Bewegungen. Klar ist, dass immer dann, wenn irgendwo eine Krise ausbricht, gerade der Dokumentarfilm schnell bei der Stelle ist und eine künstlerische Antwort findet. Oder zumindest eine künstlerische Beschreibung und Manifestationen dieser Krise. Davon ist sehr viel zu sehen im Programm, in diesem Jahr, aus fast allen Orten der Welt. [...]

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Filmredakteur Stefan Petraschewsky.

DOK Leipzig 2020

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2020 | 07:10 Uhr