Serienkolumne Warum die Serie "Hillary" wichtig ist – aber manipulativ

In der Doku-Serie "Hillary" erzählt Hillary Clinton die Geschichte ihres Lebens – bewegend, lehrreich und unterhaltsam. Aber auch unkritisch. So wird sie als kämpferische Fraunrechtlerin gezeigt, ohne dass ihre Kritiker zu Wort kommen. Das Problem der Subjektivität betrifft viele Dokus – wie sich schon bei der Netflix-Doku "Making A Murderer" zeigte. Denn auch wenn die Filmschaffenden mit ihren Dokumentarfilmen für Gerechtigkeit sorgen wollen, müssen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer bewusst sein, dass der Film oder die Serie nie die ganze Wahrheit ist. Richtig lustig wird das dann bei Mockumentaries wie "American Vandal“.

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Juliane Streich, MDR KULTUR

Hillary Clinton
Hillary Clinton erzählt in "Hillary" die Geschichte ihres Lebens Bildrechte: Sky Atlantic/Hillary for America

Hillary Clinton wurde schon sehr oft geschminkt. In der Doku-Serie "Hillary" rechnet die ehemalige US-Präsidentschaftskandidatin vor, dass sie im Wahlkampf 2016 25 Tage damit zugebracht habe, Make-Up oder ihre Haare gemacht zu bekommen. Ein eigentlich unfairer Wettbewerbsnachteil, wenn man sich ihren Kontrahenten Bernie Sanders anschaue, der damit nicht sehr viel Zeit zu verschwenden scheine. Während Sanders und Clinton gemeinsam auf einen Auftritt warten, zeigt Sanders auf seinen Anzug und fragt Clinton, ob er so gehen könne. Clinton zuckt die Schultern.

Wahlkampf als Rahmenhandlung

Es gibt viele solcher Szenen, die sehr nah dran sind, an der Kandidatin, am ihrem Team, am Wahlkampf 2016. Hunderte Stunden Filmmaterial hatte ihr Team von der Campaign gedreht, in der sich Hillary Clinton erst innerhalb der Demokraten durchsetzen musste – wobei vor allem Bernie Sanders es ihr nicht einfach machte – und dann einen Kampf gegen Donald Trump führen musste, der sie immer wieder mit unberechenbaren Attacken und "Sperrt Sie ein"-Rufen angriff. Dieses Filmmaterial – ein Schatz für Dokumentarfilmerinnen – wurde nun der Regisseurin Nanette Burstein angeboten, die sich aber entschied, daraus nicht einfach einen Film über den Wahlkampf 2016 zu machen, sondern ihn nur als Rahmenhandlung für eine Serie zu nehmen, die eine andere Geschichte erzählt: Die Geschichte der Frauenrechtlerin Hillary Rodham Clinton.

Wie Clinton für Frauenrechte kämpfte

Bill und Hillary Clinton
Hillary und Bill Clinton Bildrechte: Sky Atlantic/William J. Clinton Presidential Library

Diese Geschichte beginnt schon in jungen Jahren, kurz nachdem die Teenagerin Hillary ihre konservativen Eltern mit dem Spruch schockte, dass sie mal einen Demokraten heiraten werde. Als eine von sehr wenigen Jura-Studentinnen muss sie sich in einem männlichem Umfeld behaupten und immer wieder deutlich machen, dass es nicht ihr Ziel ist, einfach nur einen Mann zu bekochen. Stattdessen macht sie Karriere und setzt sich für Frauen- und Kinderrechte ein. Als ihr Ehemann Bill Clinton für den Senat kandidiert, macht sie Schlagzeilen als Ehefrau, die zunächst seinen Nachnamen nicht annehmen will, noch keine Kinder hat und sich wenig um ihr Äußeres schert. Dass sie später vor allem als die Frau wahrgenommen wird, die trotz seiner Untreue und seiner Lügen bei ihrem Ehemann bleibt, ist einer von vielen tragischen Momente in Clintons Leben.

Gerechtigkeit kommt nicht einfach so, man muss sie erzwingen.

Hillary Clinton, Politikerin

Dennoch präsentiert die Dokumentation Hillary Clinton vor allem als Vorbild für Mädchen und Frauen, die sich in die Gesellschaft einbringen und sich nicht von männlichen Leitwölfen unterkriegen lassen sollen. "Es ist nicht einfach nur ein Film über mich", sagt Clinton selbst. Er erzähle die Geschichte von vielen Frauen und solle vielmehr zeigen, dass Frauen nach vorne müssen. "Gerechtigkeit kommt nicht einfach so, man muss sie erzwingen."

Role Model für die Gilmore Girls

Hillary Clinton
Hillary Clinton hatte viel Auf und Abs Bildrechte: Sky Atlantic/Hillary for America

Und ja, die Doku-Serie hat das Zeug dazu, junge Frauen zu inspirieren. Sie ist bewegend, spannend, lehrreich, emotional und unterhaltsam. Nur kritisch ist sie kaum. Gegner und Gegnerinnen von Clinton kommen nicht zu Wort, stattdessen spricht vor allem Hillary Clinton selbst. "Ich wollte die Geschichte meines Lebens erzählen", sagt sie. Und die war oft hart, das macht die Doku deutlich und zeigt fast nebenbei, wie das große Politikgeschäft funktioniert und wieso es Frauen darin schwerer haben. Es ist beeindruckend, wie Clinton es schaffte, sich da durchzusetzen und immer wieder aufzustehen, und man versteht nun, wieso Hillary Clinton von Amerikanerinnen oft als feministisches Vorbild genannt wird – von Rory und Lane in "Gilmore Girls" zum Beispiel.

Doku-Serien sind nie objektiv

Aber ein fader Beigeschmack bliebt nach den vier einstündigen Episoden: Wurde ich gerade manipuliert? Denn man muss Hillary Clinton nach dieser Doku für eine smarte, starke, sympathisch Frau halten – neben der sogar ihr Ehemann Bill sehr naiv rüberkommt. Clinton gesteht zwar auch ein paar kleine Fehler bei der E-Mail-Affäre ein, aber andere Themen wie ihre nicht sehr weitreichende Sozialpolitik, ihre Politik bei Kriegseinsätzen, ihre Wirtschaftspolitik werden ignoriert. Umstrittene Entscheidungen von Hillary zu thematisieren und gar zu hinterfragen, ist nicht das Anliegen der Regisseurin. Burstein ist vielmehr begeistert von Hillary Clintons Lebensweg und will, dass wir auch begeistert sind.

Eine Problematik, die sich bei vielen Dokumentationen stellt: Die Zuschauenden bekommen den Eindruck vermittelt, sie sehen wahre Ereignisse. Die sehen sie zwar auch (solange es sich nicht um gefakete Informationen handelt, aber das ist ein eigenes Thema, wie man an der aktuellen Diskussion um die gestellten Streiche von Joko & Klaas sieht), doch ist jede Dokumentation auch immer subjektiv. Die Filmschaffenden müssen entscheiden, was sie zeigen, was sie weglassen und worauf sie sich fokussieren.

"Making A Murderer": Drama eines Unschuldigen

Eine Szene aus der düsteren Justiz-Saga des Steven Avery "Making A Murderer"
Zwei Mal unschuldig veruteilt? Steve Avery Bildrechte: Netflix PR/dpa

Ein gutes Beispiel dafür ist die sehr erfolgreiche Netflix-Serie "Making A Murderer", die von dem Amerikaner Steve Avery erzählt, der zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, weil er 1985 eine Frau vergewaltigt haben soll und versucht zu töten. Eine DNS-Analyse bewies 2003 – nach 18 Jahren Haft – seine Unschuld und er kam frei, nur um zwei Jahre später wieder lebenslänglich ins Gefängnis zu kommen – diesmal wegen Vergewaltigung und Ermordung einer jungen Fotografin. Auch hier sei er wieder unschuldig, glauben die Regisseurinnen, die den unfassbaren Fall in zwei Staffeln spannungsgeladen erzählen. Durch Netflix bekam er große Aufmerksamkeit, es gab Petitionen und viele unterstützende Stimmen, die sich für Avery Freilassung einsetzten. Denn dass Avery wohl zu Unrecht verurteilt wurde, macht die Doku-Serie schon in ihrem Titel deutlich, obwohl sie als objektiv wahrgenommen werden will. Diese Objektivität geht vor allem in der zweiten Staffel verloren, nachdem die erste Staffel gerade deswegen so erfolgreich war, weil sie unvoreingenommen an die Sache ranzugehen schien. Und so muss auch sie sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, einiges über den Angeklagten auszulassen – zum Beispiel, wie er Tiere quälte und tötete.

Hype um Naturdokus

Apropos Tiere: Unumstrittener, aber umso erfolgreicher sind zur Zeit Natur-Dokus wie die von der BBC produzierte Serie "Planet Erde“ und die zweite Staffel "Plante Erde II" sowie die Netflix-Prodkution "Unser Planet", die die Natur in aufwühlenden Bildern zeigt. Aufwühlend auch, weil man sehen kann, was durch die Klimakatastrophe auf diesem Planet alles kaputtgeht.

Jagd nach dem Penis-Maler

Szene aus "American Vandal"
Wer war das? Bildrechte: Netflix

Wem Natur-Dokus zu langweilig und politische Doku-Serien zu real sind, dem sei "American Vandal" empfohlen: Die Netflix-Serie ist eine unterhaltsame, kluge und amüsante Mockumentary, die im Stile von Dokumentarserien wie "Making A Murderer" einen ganz besonderen Fall beleuchtet: An einer Highschool in den USA hat ein Unbekannter 27 Lehrer-Autos mit Penissen beschmiert. Die Suche nach dem Täter oder der Täterin gestaltet sich nicht einfach – und hat viele Wendungen. Eine Geschichte, wie sie das Leben nicht besser hätte schreiben können. Und da sich einfach alles ausgedacht wurde, muss man auch nicht die objektive Sichtweise der beiden Dokumentarfilmer in Frage stellen.

Mehr Informationen "Hillary“
Dokumentation
USA 2020
Von Nanette Burstein
Mit Hillary Clinton
4 Episoden je 60 Minuten
ab 8.3. bei Sky Atlantik abrufbar

"Making A Murderer"
Dokumentation
USA 2015-218,
Von Laura Ricciardi, Moira Demos
Mit Steven Avery
2 Staffeln, 20 Folgen je ca. 50 Minuten
Abrufbar bei Netflix

American Vandal
Mockumentary, Satire
USA, seit 2017
Von Dan Perrault,Tony Yacenda
Mit Tyler Alvarez, Griffin Gluck u.a.
2 Staffel, 16 Folgen je 22 Minuten
Abrufbar bei Netflix

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juni 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2020, 09:47 Uhr

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