Tipp aus der ARD Mediathek "Wenn Menschen Puppen lieben" – eine Doku über ein Tabuthema

Was bringt Menschen dazu, sich in Liebe und Zuneigung einer Puppe zuzuwenden? In der WDR-Dokumentation "Wenn Menschen Puppen lieben" geht es um lebensechte Puppen für Erwachsene: Die Leipziger Filmemacherin Nora Große Harmann begleitet Maria und Michael, zwei Menschen, die diese Puppen sammeln und mit ihnen Beziehungen führen. Dabei geht es nicht nur um Einsamkeit, sagt Filmemacherin Nora Große Harmann.

Maria steht gebeugt über einem Wickeltisch und drückt einer Puppe einen Schnuller in den Mund
Maria sammelt "Rebornbabys", Künstlerpuppen, die so aussehen wie echte Babys. Bildrechte: Werkblende Leipzig GbR

MDR KULTUR: Was genau erwartet den Zuschauer in der Doku?

Nora Große Harmann: In dem Film begleite ich zwei Menschen, Maria und Michael. Die beiden sind 40 und 49 Jahre alt, kommen aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen – und die beiden haben eines gemeinsam: Sie leben mit lebensechten Puppen zusammen. Michael hat insgesamt sieben Puppen aus Silikon und TPE, bei diesem Material handelt es sich um ein Weichplastik – und Maria hat 16 sogenannte "Rebornbabys", das sind Künstlerpuppen, die aussehen und wirken wie echte Babys. "Reborn" steht hier für "wiedergeboren": Die Rebornbabys gehen zurück auf eine Künstlerin aus den USA, die Babypuppen so gestaltet hat, dass sie wie echt aussehen.

Warum haben die beiden diese besondere Leidenschaft?

Eigentlich beschäftigt sich der ganze Film mit der Geschichte hinter diesem Hobby. Wir beobachten die beiden, wie sie im Alltag mit ihren Puppen umgehen. Zum Beispiel sieht man in einer Szene, wie Michael seine Puppen schminkt und sie umzieht. In einer anderen Szene fährt Maria mit ihren Puppen auf eine Puppenmesse und tauscht sich mit anderen Puppenmüttern aus. Nach und nach erzählen die beiden dann selbst, wie sie zu ihrem Hobby gekommen sind, was der Auslöser war, wie ihr Umfeld reagiert. Damit werden dann größere Themen angeschnitten: Es geht um Einsamkeit, aber auch um Verlust und Trauerbewältigung.

Was ja durchaus universelle Themen sind, die jeder von uns kennt oder vielleicht schon mal erlebt hat!

Und das ist genau das Ding! Es ist zwar ein sehr spezielles und besonderes Thema, wo man erst einmal denkt: Wie schräg und krass ist das denn! Aber ich glaube, eben weil es eigentlich um diese universellen Themen geht, können sich viele Zuschauer auch in die beiden hineinversetzen.

Wie sind Sie überhaupt auf das Thema mit den lebensechten Puppen gekommen?

Maria sitzt in ihrem Puppenzimmer und hält eine Babypuppe im Arm
Maria hat für ihre Puppen ein eigenes Zimmer, eine "Nursery", eingerichtet. Bildrechte: Werkblende Leipzig GbR

Da muss ich zugeben: Das war gar nicht meine Idee! Ich arbeite in Leipzig mit einer kleinen Produktionsfirma zusammen, der Werkblende, und meine Produzentin hatte mir, vor drei Jahren schon, einen Link zu einer Webseite geschickt, wo lebensechte Silikonpuppen verkauft werden. Sie hatte den Tipp wiederum von ihrem Kollegen bekommen. Ich habe dann auf diesen Link geklickt, und meine erste Reaktion war: Wow, das ist ja schräg. Aber dann bin ich neugierig geworden und ich habe mich gefragt: Was sind das für Menschen, die die Puppen kaufen, warum machen die das und was für Geschichten stecken dahinter?

Ich kann mir vorstellen, dass es gar nicht so einfach war, Protagonisten für den Film zu finden. Wie konnten Sie Maria und Michael überzeugen, sich und ihr Hobby vor der Kamera zu zeigen?

Das war wirklich eine große Herausforderung. Weil klar ist: Die Puppen sind ein Tabuthema. Lebensechte Puppen zu sammeln, mit denen eine Beziehung zu führen, egal, ob es jetzt ein Baby ist oder eine erwachsene Puppe – das bewegt sich so völlig außerhalb dessen, was für die meisten von uns "normal" ist. Dementsprechend war es natürlich gar nicht so einfach, Protagonisten zu finden, die bereit sind, sich vor der Kamera zu zeigen.

Puppen sind ein Tabuthema. Das bewegt sich so völlig außerhalb dessen, was für die meisten von uns 'normal' ist.

Nora Große Harmann, Filmemacherin

Maria und Michael habe ich über das Internet gefunden – aber auch erst nach monatelangem Suchen. Bei Michael hatte ich mich in einem Onlineforum für Puppenbesitzer angemeldet, dort war ich dann in Mailkontakt mit verschiedenen Sammlern. Irgendwann hat mich Michael direkt angeschrieben, weil er gerne mitmachen wollte. Bei Maria habe ich einen Aufruf in einer Rebornbaby-Facebookgruppe gestartet – und da hatte sich dann Maria irgendwann bei mir gemeldet.

Und dann gab es erst einmal viel schriftlichen Kontakt. Das war ein ganz vorsichtiges Kennenlernen. Wir haben uns zunächst ohne Kamera besucht. Ich denke, dass diese langsame und geduldige Herangehensweise gerade bei diesem intimen Thema wichtig war, weil man da erst einmal eine Vertrauensbasis aufbauen musste.

Im November lief der Film im WDR Fernsehen in der Sendung "Menschen hautnah", aktuell ist er in der ARD-Mediathek (bis 13.11.2020 - Anm. der Red.) und auf YouTube zu sehen. Wie waren und sind die Reaktionen auf den Film, vor allem in den sozialen Netzwerken?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich vor der Ausstrahlung etwas Muffensausen hatte, weil ich Angst hatte, wie die Leute reagieren. Vor allem hatte ich natürlich Sorge um meine beiden Protagonisten, Maria und Michael. Dass die Reaktionen vielleicht sogar in Richtung Shitstorm gehen, so nach dem Motto: Was sind das denn für kranke Freaks? Deshalb hat mich umso mehr überrascht, dass die Reaktionen umso positiver waren!

Filmemacherin Nora Große Harmann
Filmautorin Nora Große Harmann Bildrechte: Christoph Bockisch

Auf YouTube wurde der Film inzwischen mehr als 900.000 Mal geklickt und tausendfach kommentiert. Und viele Kommentare gehen los mit Wortlauten wie "Ich habe den Titel gesehen und dachte erst einmal: Oh mein Gott, wie krank ist das denn" – und enden dann aber mit: "Jetzt habe ich den Film gesehen und verstehe, warum Maria und Michael mit den Puppen leben." Das fand ich natürlich phänomenal, das hat mich sehr gefreut. Einfach, weil genau das meine Absicht war: Den Zuschauern eine für sie fremde Welt zu zeigen, sie dazu zu bringen, ihre eigenen Vorurteile zu hinterfragen – und natürlich auch Empathie zu wecken für meine Protagonisten, Toleranzgrenzen zu verschieben.

Zur Filmemacherin Nora Große Harmann, geboren 1988 in Münster, arbeitet als Filmautorin und freie Journalistin in Leipzig. Sie studierte Asienwissenschaften und Journalistik in Berlin und Leipzig und volontierte beim Mitteldeutschen Rundfunk.

Aktuell ist Nora Große Harmann als Kulturnachrichten- und Onlineredakteurin bei MDR KULTUR im Einsatz, darüber hinaus gestaltet sie als Autorin und Regisseurin Dokumentationen und Radiofeatures rund um die Themen Gesellschaft, Soziales, Religion, Toleranz und Gender.

Das Interview führte Stefan Maelck

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Januar 2020 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2020, 10:48 Uhr

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