"Das Forum" in der Mediathek Weltwirtschaftsforum Davos: Doku blickt hinter sonst verschlossene Türen

Regisseur Marcus Vetter und Produzent Christian Beetz haben das Weltwirtschaftsforum in Davos 2018 als erstes Filmteam überhaupt mit ihren Kameras begleiten dürfen. Sie durften Mächtigen wie Trump, Macron, Trudeau und dem Cheforganisator des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, hinter die Kulissen folgen. Daraus ist der Dokumentarfilm "Das Forum" entstanden, der das DOK Leipzig 2019 eröffnet hat und nun in der Mediathek zu sehen ist. Was die beiden Filmemacher beim Dreh erlebt haben, erklären sie im Interview.

Trudeau 2018 Prof. Klaus Schwab im Gespräch mit dem Premierminister Kanadas, Justin Trudeau.
Der Gründer des Weltwirtschaftsforums Klaus Schwab spricht mit Justin Trudeau, dem Premierminister Kanadas. Bildrechte: PierreJohne 2018
Dinner-Tafel mit Donald Trump, Prof. Klaus Schwab und Europas Wirtschaftselite beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2018 15 min
Bildrechte: World Economic Forum 2018
Dinner-Tafel mit Donald Trump, Prof. Klaus Schwab und Europas Wirtschaftselite beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2018 15 min
Bildrechte: World Economic Forum 2018

MDR KULTUR: Sie waren die ersten, die es geschafft haben, einen Blick hinter die Kulissen des Weltwirtschaftsforums zu werfen. Wie haben Sie das geschafft?

Christian Beetz: Das ist bis heute die große Frage. Als ich den Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, vor fünf Jahren in Genf besucht habe, habe ich ihn gefragt, ob er uns die Gelegenheit geben würde über dieses Forum einen Film zu machen, um zu verstehen, was jedes Jahr hinter diesen verschlossenen Türen passiert. Seine Berater und Medienchefs haben dazu gesagt, sie sind absolut dagegen. Weil es dort viel um Diplomatie geht, um Dinge, die nicht in die Öffentlichkeit gelangen sollen.

Zu meiner großen Überraschung war Klaus Schwab sehr gut vorbereitet: Er kannte meine Filme, meine Biografie – und hat sich über eine Stunde Zeit genommen, sich mit mir zu unterhalten. Über den Zustand der Welt und meine Motivation – warum wir diesen Film machen.

Wie oft haben Sie dann doch erlebt, von Gesprächen ausgeschlossen zu werden? Oder durften Sie wirklich überall dabei sein?

Christian Beetz: Der Film hat eine lange Geschichte hinter sich, es hat fünf Jahre gedauert, bis wir angefangen haben. Und das hat so lange gedauert, weil wir eben am Anfang die Zugänge nicht bekommen haben. Wir wurden zwar nach Davos eingeladen, aber letztendlich sind wir mit der Kamera immer draußen geblieben.

Das Ganze hat sich dann erst geändert, als Marcus Vetter dazu gestoßen ist und einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat, mit Klaus Schwab zu sprechen und ihn auf Augenhöhe anzusprechen. Und auch klar zu machen: Wenn wir vor verschlossenen Türen stehen bleiben, wird kein Film geschehen.

Marcus Vetter: Als ich in das Projekt kam, war ich erst mal voller Vorurteile. Ich dachte: Es ist auf jeden Fall ein Film, weil es ein Zeichen der Zeit ist, weil wir in einer Zeit sind, in der man die Elite hinterfragt: Sind die noch in Kontrolle des Weltgeschehens oder muss man die jetzt abwählen, weil die einfach machen, was sie wollen? Ich habe Klaus Schwab dann besucht und war wirklich sehr überrascht, einen agilen Mann voller Leidenschaft zu sehen, der manchmal auch nach Worten gerungen hat – und der vor 50 Jahren eine echte Vision hatte. Der hatte diese Vision: Was würde passieren, wenn man die Mächtigen an einem Ort zusammenbringt und mit ihnen über Ethik spricht?

Und ich habe mich gefragt: Wo ist diese Idee gescheitert? Heute, 50 Jahre später, steht die Welt am Abgrund, Menschen wählen populistische Parteien, weil sie mit der Elite nicht mehr zufrieden sind – ist Schwab jetzt schuld? Ist seine Vision verloren gegangen? Ist er überhaupt verantwortlich dafür?

Man sieht trotzdem im Film immer wieder, wie Türen zugehen. Wie oft haben Sie es erlebt, dass Sie doch nicht mit dabei sein konnten?

Marcus Vetter: Wir durften fast überall dabei sein. Ich durfte bei Trump dabei sein, wie er mit den CEOs spricht. Ich durfte bei Macron dabei sein, als er abgeholt wurde. […] Und dann gab es sehr viele bilaterale Gespräche – da durfte ich nach drei Minuten den Raum verlassen. Also direkt, wenn sie über das Wetter gesprochen hatten und mit dem Wetter fertig waren. Nach einem Jahr habe ich Schwab gesagt: So geht das nicht weiter. Ich kann nicht jedes Mal rausfliegen, wenn es plötzlich um die Sache geht! Ich muss wissen, was verhandelt wird hinter den Türen, sonst kommt man dem nicht näher. Und dann können wir auch keinen Film machen.

Das habe ich Klaus Schwab geschrieben, und dann hat er auch sehr schnell geantwortet. Er sagte, das versteht er, aber er muss auch die Vertraulichkeit seiner hohen Gesprächspartner achten. Er werde aber in Zukunft sagen, dass da eine Kamera ist und dafür kämpfen, dass die dabei sein darf.

Würden Sie sagen, der große Cheforganisator des Weltwirtschaftsforums zerreibt sich zwischen seinen Wünschen und den Realitäten von vertraulichen Verhandlungen?

Prof. Klaus Schwab und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro betreten die Bühne beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2019.
Klaus Schwab und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro betreten die Bühne beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2019. Bildrechte: World Economic Forum/ Christian Clavadetscher

Marcus Vetter: Ja, das passiert manchmal und ich glaube, er hat halt seine Philosophie. Er fühlt sich ein bisschen mehr wie ein Pfarrer oder Priester, der sagt: 'Okay, ich muss eben auch die Monsantos oder Trumps oder Bolsonaros nach Davos holen.' Auch wenn er vielleicht mit den Praktiken dieser Firmen oder Staatschefs nicht konform geht. Weil er sie nicht außen vor lassen möchte, weil er mit ihnen reden möchte, weil er trotzdem noch daran glaubt, sie von was Besserem zu belehren.

Aber irgendwo muss es Grenzen geben. Wer wird denn jetzt noch eingeladen? Und wo, wo macht es überhaupt noch Sinn? Und wo verliert dann auch irgendwann mal das Weltwirtschaftsforum das Vertrauen in der Bevölkerung.

Das Interview führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2019 | 17:10 Uhr

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