Gustav Adolf Ansicht der Stadt Magdeburg im Krieg.
Magedeburg wurde m Krieg völlig zerstört Bildrechte: IMAGO

Dreißigjähriger Krieg "Wo wir nur hinschauen: Feuer, Pest und Tod"

Gustav Adolf Ansicht der Stadt Magdeburg im Krieg.
Magedeburg wurde m Krieg völlig zerstört Bildrechte: IMAGO

Der Dreißigjährige Krieg sei die "deutsche Urkatastrophe" schlechthin, lautet ein gängiges Urteil über das jahrzehntedauernde Gemetzel, das vor 400 Jahren am 23. Mai 1618 mit dem Prager Fenstersturz begann. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler bezeichnet das Geschehen schon im Titel seines jüngsten Buches als "deutsches Trauma". Der Krieg habe Deutschland ökonomisch und kulturell um hundert Jahre zurückgeworfen.

Magdeburg zerstört, drei Schlachten bei Leipzig

Zu jenen Gebieten, die am stärksten betroffen waren gehörte auch das heutige Mitteldeutschland. Die stolze Stadt Magdeburg wurde vollständig zerstört. Und rund um Leipzig, wo sich die Wege der Heere kreuzten, fanden gleich drei große Schlachten statt. Darunter die berühmte Schlacht von Lützen, wo der charismatische schwedische König Gustav Adolf den Tod fand.    

Das zeitgenösische Porträt zeigt den lutherischen Dichter und Theologen Paul Gerhardt (1607-1676).
Paul Gerhardt (1607-1676) Bildrechte: dpa

Als nach 30 Jahren mit dem Westfälischen Frieden das Morden ein Ende nahm,  war die Erleichterung bei dem aus Gräfenhainichen stammenden Theologen Paul Gerhardt groß. Er dichtete Worte, die bis heute im Gesangbuch stehen:   

Gott Lob, nun ist erschollen
das edle Fried- und Freudenwort,
dass nunmehr ruhen sollen die Spieß
und Schwerter und ihr Mord.

Paul Gerhardt

Hunger und Seuchen

Auch in Leipzig freute man sich 1648 und prägte sogar eine Medaille. Allerdings erst 1650. Denn erst zwei Jahre nach dem offiziellen Kriegsende zogen die schwedischen Besatzungstruppen aus der Stadt. Nicht nur die Schweden auch die kaiserlichen Heerführer Tilly und Wallenstein hatten Leipzig im Laufe des Krieges besetzt. In der Stadt mag man vor Überfällen sicherer gewesen sein, die Begleiter des Krieges - Einquartierungen, Kontributionen, Hunger und Seuchen - machten aber vor den Stadtmauern nicht Halt. Der in Leipzig lebende Arzt und Dichter Paul Fleming klagte:

Man hört die heisern Glocken, zu Grabe täglich locken.

Paul Fleming

Zwei Drittel der Bevölkerung sterben

"Mitteldeutschland gehört zu den Gebieten, die am stärksten zerstört worden sind und auch die größten Bevölkerungsverluste in diesem Dreißigjährigen Krieg hatten“, urteilt der Jenaer Historiker Georg Schmidt im Gespräch mit MDR Kultur. Im Städtedreieck Dresden-Chemnitz-Leipzig sei die Bevölkerung nach 30 Kriegsjahren auf ein Drittel dezimiert worden.

"Pirnsches Elend"

Das "Pirnsche Elend", die Brandschatzung Pirnas, wurde in Sachsen sprichwörtlich. Abseits der großen Städte sah es oft noch viel trister aus. Im Amt Gotha existierte nach Kriegsende nur noch die Hälfte der Häuser. Unzählige Bauernhöfe waren verlassen. Und die Anzahl der Rinder sei auf ein Zehntel, die der Pferde auf ein Drittel gesunken, heißt es in einem zeitgenössischen Dokument.

Das Bild eines ganz und gar verheerten und entvölkerten Landes stimmt aber nur zum Teil, schreibt Georg Schmidt in seinem Buch "Die Reiter der Apokalypse". Neue Gewerberegionen entstanden beispielsweise durch die schwäbische und sächsische Leinen- und Tuchherstellung oder durch die Waffenschmieden am Niederrhein, in der Oberpfalz und in Suhl im Thüringer Wald. Diese Regionen blühten auf.

Eine Stadt für Kriegsflüchtlinge

Johanngeorgenstadt (um 1920) Marktplatz mit dem Rathaus
Johanngeorgenstadt (um 1920) Bildrechte: Sammlung Frank Teller

Für die böhmischen Kriegsflüchtlinge lässt Kurfürst Johann Georg eigens eine Stadt errichten. Ende des 17. Jahrhunderts schon ist Johanngeorgenstadt eine der reichsten Städte Sachsens. Auch andernorts kommt der Aufschwung rasch in Gang. "Es waren jede Menge Stellen, etwa Hofstellen, frei; und es konnten Leute in diese Hofstellen eintreten, die ohne diesen Krieg diese Chance nie gehabt hätten. Weil sie eben nachgeborene Söhne von Bauern waren. Und das gleiche gilt natürlich für die städtischen Handwerkerstellen und ähnliches."

Kann der Dreißigjährige Krieg als Geburtsstunde der deutschen Literatur gelten?

Das Original-Titelblatt des Barockromans «Simplicissimus» aus dem Jahr 1669.
Original-Titelblatt "Simplicissimus" Bildrechte: dpa

Einen Aufschwung nahm auch die deutsche Literatur. Dabei kommt Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen das Verdienst zu, den ersten großen Roman in deutscher Sprache geschrieben zu haben, in dem es "bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt" zugehe, "kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du". Ein "Literatur- und Lebensdenkmal der seltensten Art" nannte Thomas Mann den "Simplicius Simplicissimus“. Über die Biografie Grimmelshausens weiß man wenig, immerhin aber dass die Familie aus einem Dorf in Thüringen stammt südöstlich von Meiningen, aus Grimmelshausen an der Werra. Im 16. Jahrhundert siedelt sie sich in Gelnhausen im Tal der hessischen Kinzig an. Und hier wird Grimmelshausen 1621 oder 22 in den Dreißigjährigen Krieg hineingeboren und hat eine der seines Helden nicht unähnliche Lebensgeschichte.

Lyrik des Krieges

Auch in der Lyrik spiegelte sich der Schrecken des Krieges, den auch der Pfarrerssohn Andreas Gryphius am eigenen Leib erlebte. Der Vater war vor seinen Augen an einem Herzschlag gestorben, als marodierende Soldaten in dessen Kirche eindrangen. Berühmtheit erlangte Gryphius‘ Gedicht "Tränen des Vaterlandes“:

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun
Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun /
Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.
Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret.
Das Rathauß ligt im Grauß / die Starcken sind zerhaun /
Die Jungfern sind geschänd’t / und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer / Pest / und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.

Andreas Gryphius "Tränen des Vaterlandes“

Ein ergreifendes Stück deutscher Poesie, das exemplarisch steht für die Erfahrungen von 30 Jahren Krieg.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial "Wüstes Land. Oder wie sich die deutsche Literatur aus den Wirren des Krieges neu erfindet" | 23. Mai 2018 | 18:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2018, 10:52 Uhr

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