Buch: "Die Reiter der Apokalypse" Warum der Dreißigjährige Krieg nicht die deutsche Urkatastrophe ist

Der Dreißigjährige Krieg wird oft auch als die "deutsche Urkatastrophe" bezeichnet. Eine Sicht, der der Jenaer Historiker Georg Schmidt in seinem Buch "Die Reiter der Apokalypse" nicht unbedingt zustimmen mag. Warum ist dieser Krieg - auch nach zwei Weltkriegen - aber noch immer so tief ins öffentliche Gedächtnis eingebrannt? Schmidt erklärt aus seiner Sicht die Zusammenhänge, die religiöser, politischer und zeitgeschichtlicher Natur waren. Und er zieht erstaunlicherweise ein nicht ganz so düsteres Fazit dieser Epoche.

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

Der Dreißigjährige Krieg ist - auch nach zwei Weltkriegen - noch immer tief ins öffentliche Gedächtnis eingebrannt.

Der Holzschnitt "Die apokalyptischen Reiter" (1497/98) von Albrecht Dürer wird im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ausgestellt (Handout).
"Die apokalyptischen Reiter" von Albrecht Dürer Bildrechte: dpa

Natürlich gehen drei Jahrzehnte Krieg nicht folgen- und spurenlos an den Menschen vorüber. Aber - und das arbeitet Georg Schmidt gleich am Beginn seines Buches heraus - die Metaphern von der "Urkatastrophe", die Bilder von einem Deutschland, das wüst und leer, ausgeplündert und politisch ohnmächtig ist, das sind Erfindungen des 19. Jahrhunderts. Sie liefern die düstere Folie, vor der der Aufstieg erst Preußens und dann des geeinten Deutschlands umso kräftiger erstrahlt.

Das erstaunliche: Diese Bilder wirken auch nach dem Untergang der Hohenzollern weiter. Der Westfälische Frieden wird als Siegfrieden à la Versailles gedeutet, der Deutschland zum Spielball ausländischer Mächte machte. Vor allem aber die Vorstellung einer Wüstenei, eines Landes, das "ganz und gar verheeret" ist, das ökonomisch um 100 oder gar 200 Jahre zurückgeworfen wurde, die prägen bis heute das Bild vom Dreißigjährigen Krieg.

Der Aufstieg vom Tiefpunkt zum Platz an der Sonne entsprach alttestamentarischen Mustern, popularisierte die Hohenzollern als Phönix aus der Asche und bestätigte das Prinzip Gutes durch Böses.

Georg Schmidt in seinem Buch "Die Reiter der Apokalypse"

Glaubt man dem Titel von Georg Schmidts Buch "Die Reiter der Apokalypse", so scheint auch er dieser Erzählung von der großen deutschen Katastrophe zu folgen. Doch dem ist nicht ganz so. Die Angst vor den vier Reitern der Apokalypse wirkte vor allem in der Frühphase des Krieges, als zum Morden auch noch Hungern und Seuchen, mit der Münzverschlechterung eine ungeahnte Teuerung einsetzt. Und da dieser Krieg sich so schnell von einem böhmischen Konflikt zu einem mitteleuropäischen Flächenbrand entwickelte, schien es den Menschen tatsächlich so, als seien die vier Reiter der Apokalypse losgelassen, als sei nun die Endzeit vor dem Jüngsten Gericht angebrochen.

Endkampf mit den Antichristen

Katholiken und Protestanten sahen sich jeweils im Endkampf mit den Antichristen, der jeweils der andersgläubige war. Je länger der Schrecken aber andauerte, desto mehr verlor die Erzählung von den vier apokalyptischen Reitern ihre Wirksamkeit. Die Menschen erkannten, so bilanziert Georg Schmidt am Ende seines Buches, das mitnichten alles Unheil gottgewollt und gottgesandt ist, sondern Menschenwerk. Und dass auch nur die Menschen den Krieg beenden können. Eine Erkenntnis, die nach dreißig blutigen Jahren in den Westfälischen Frieden mündete.

Georg Schmidt erzählt die sehr verwickelte Geschichte des Dreißigjährigen Krieges in seinem Buch zunächst ganz traditionell chronologisch und mit einem Fokus auf die politischen, rechtlichen und religiösen Bedingungen, die den Krieg auslösten und am Leben hielten. Er bezieht die Klimageschichte (Stichwort: Kleine Eiszeit") und die Mentalitätsgeschichte (Hexenverfolgungen oder Keplers Horoskope für Wallenstein) mit ein.

Religiöse Propaganda

Ein zeitgenössisches Flugblatt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648), dem auf deutschem Boden ausgetragenen Religions- und Staatenkonflikt, zeigt symbolisch "Die erschröckliche Wirkungen des Kriegs"
Ein zeitgenössisches Flugblatt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges Bildrechte: dpa

Recht ausführlich widmet sich Georg Schmidt auch der religiösen Propaganda, die den Krieg anheizt und die auch einen Teil der Grausamkeiten erklärt, die diesen Krieg von früheren unterscheidet. Wenn man im Andersgläubigen den Antichristen sieht, dann ist es ein gutes Werk, ihn zu töten. Und der Glaube, man führe nur Gottes Willen aus, wenn man den anderen töte, hielt Hass und Gewalt am Leben. Dreißig Jahre lang.

Natürlich geht es bei dem Krieg nicht allein, nicht einmal primär um den rechten Glauben. Ebenso geht es um Macht und Einfluss in Deutschland und in Mitteleuropa, weshalb eben Spanier, Dänen und Schweden sich auch einmischen. Es geht um Rechte und Freiheiten von Fürsten, Städten und Reichsständen.

Kampf der "Warlords"

Und dann gibt es Kriegsunternehmer, heute würde man "Warlords" sagen, wie Ernst von Mansfeld, Wallenstein, Bernhard von Weimar, die ihre eigenen Interessen verfechten. Das Ganze auseinanderzuklamüsern, so dass der Leser von heute es nachvollziehen kann, und trotzdem anschaulich zu bleiben, das ist eine große Leistung Georg Schmidts.

Schwedenschanze im Schnee
Relikt des Dreißigjährigen Krieges: die Schwedenschanze bei Weimar Bildrechte: IMAGO

Heute werden mitunter die Auseinandersetzungen im Nahen Osten als ein neuer Dreißigjähriger Krieg gedeutet, beispielsweise vertritt Herfried Münkler dies in seinem Buch. Schmidt teilt diese Sichtweise nicht. Andererseits kommen auch beim Lesen seines Buches immer wieder Assoziationen zu den heutigen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten, die sich ja auch gegenseitig als "Falschgläubige" bezeichnen und zu den Stellvertreterkriegen, die Iran und Saudi-Arabien in der Region am Köcheln halten. Dem kann man sich nicht entziehen, auch wenn Schmidt betont, man könne nicht 350 Jahre alte Lösungen (wie den Westfälischen Frieden) auf heute übertragen.

Was für mich bei der Lektüre klar geworden ist: Eine Lösung, ohne dass der Mensch sich ein Stück weit von der Religion emanzipiert, gibt es nicht. Das gehört zu den viel zu wenig beachteten positiven Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges, die Schmidt herausarbeitet: Die Menschen lösen sich vom Glauben, Gott sei für alles Irdische verantwortlich.

Hartmut Schade, MDR KULTUR

Der Weg zur Aufklärung beginnt im Grauen des Dreißigjährigen Krieges. Und in der Westfälischen Friedensordnung wurden erstmals Freiheitsrechte festgeschrieben. Schmidt bezeichnet sie als das "Wurzelwerk der Menschen- und Bürgerrechte". Die Bilanz des Dreißigjährigen Krieges ist nicht total schwarz.

Buchcover - Georg Schmidt: Die Reiter der Apokalypse
Bildrechte: C.H. Beck Verlag

Angaben zum Buch Georg Schmidt: "Die Reiter der Apokalypse"
Geschichte des Dreißigjährigen Krieges
810 Seiten, gebunden, 32 Euro
ISBN: 978-3-406-71836-6
C.H. Beck Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 23. Mai 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2018, 16:25 Uhr

Auch interessant

Schädel eines toten Soldates aus dem Massengrab in Lützen aus den Dreißigjähriger Krieg. 74 min
Bildrechte: IMAGO

Was bedeutete der Dreißigjährige Krieg für Bauern, Bürger, Soldaten und die Politik? Stefan Nölke im Gespräch mit dem Historiker und Direktor der Landeszentrale für Politische Bildung Sachsen-Anhalt, Maik Reichel.

MDR KULTUR - Das Radio Di 22.05.2018 22:00Uhr 74:10 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio