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Neuer Podcast: Host Greta Taubert hat mit Lehrer und Schüler*innen über das Leben im Flugmodus gesprochen. Bildrechte: MDR/Hagen Wolf

ARD AudiothekNeuer Podcast "Flugmodus": Wie sich das Leben ohne Handy anfühlt

29. Juni 2023, 14:53 Uhr

Der Dresdner Lehrer Sebastian Metzner hat mit Schülerinnen und Schüler ein Experiment durchgeführt: Eine Woche lang sollten sie ihr Handy in den Schultresor einschließen und herausfinden, wie sich ein analoges Leben anfühlt. Warum er das für notwendig hält und welche Verhaltensänderungen er beobachten konnte, erzählt der neue MDR KULTUR-Podcast "Flugmodus" mit Greta Taubert. Im Interview berichtet Metzner, was für ihn die größten Erkenntnisse während dieses Experiments gewesen sind.

Greta Taubert: Herr Metzner, Sie sind Lehrer für Geschichte/Gemeinschaftskunde und Gesundheit/Soziales am Gymnasium. Da muss man lange Aufsätze korrigieren und guckt vermutlich tief in die Gedankenwelt von Jugendlichen hinein, oder?

Sebastian Metzner: Ja, das ist für mich das Reizvolle an diesem Beruf. Man kann da sehr spannende Dinge sehen – nicht nur, was Schüler und Schülerinnen denken, sondern auch, wie sie das ausdrücken können. Und da habe ich etwas beobachtet, das mich sehr beschäftigt: Die sprachlichen Kompetenzen sind meines Erachtens in den vergangenen Jahren immer schlechter geworden. Satzbau, Rechtschreibung, Grammatik – das fällt vielen jungen Menschen heute extrem schwer.

Woran liegt das?

Die Digitalisierung bringt eine ständige Beschleunigung mit sich. Ich kann immer mehr in immer kürzerer Zeit machen. Da bleibt wenig Zeit, sich mal auf einen Inhalt zu konzentrieren oder über Formulierungen nachzudenken.

Das Telefon lenkt ständig ab und verhindert diese wichtige geistige Vertiefung.

Sebastian Metzner, Lehrer

Was ist Ihr Vorschlag?

Es ist wichtig, die Bildschirmzeit nicht noch durch den Unterricht zu erhöhen. In meinem Unterricht nutze ich auch mal klassische Hilfsmittel: Text auf Papier, ein Stift zum Markieren. Es geht darum, den Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit zu geben, sich intensiv zu fokussieren. Bei Internetrecherchen guckt man hier und da und dort. Man setzt sich etwas zusammen, ohne es vielleicht wirklich verstanden zu haben. Aber man muss die Erfahrung machen, dass es auch ohne Smartphone geht. Das ist vielleicht anstrengend und wenig unterhaltsam. Aber es lohnt sich, an einer Sache dran zu bleiben. Es ist ein großes Glück, Dinge wirklich gedanklich zu durchdringen und zu begreifen.

Podcast-Host Greta Taubert hat Lehrer Sebastian Metzner beim Experiment "Flugmodus" begleitet. Bildrechte: Greta Taubert

Sie haben einige Elftklässler für eine Woche sozusagen in den "Flugmodus" geschickt. Was ist Ihnen in dieser Woche aufgefallen?

Schule ist ein sehr intensiver Ausschnitt im Leben eines Jugendlichen. Besonders in den Pausen sehe ich immer wieder, dass das Smartphone unabdingbar geworden ist. Es ist dann regelrecht gespenstisch still in den Klassenräumen, weil das Gerät die Jugendlichen einsaugt. Während des Experimentes war es endlich wieder lauter, frecher und kommunikativer in der Klasse. Die Schülerinnen und Schüler haben mir sogar einen Streich gespielt – so etwas ist mir in meiner ganzen Zeit als Lehrer noch nicht passiert! Außerdem ist mir aufgefallen, dass Außenseiter wieder als solche sichtbar geworden sind. Hinter einem Smartphone können sich schüchterne Menschen sonst immer gut verstecken und sind gar nicht aufgefallen.

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Aber ist das nicht gut, dass es keine Außenseiter mehr gibt?

Ich finde das nicht. Ein Außenseiter muss sich mit Smartphone in der Hand keine Strategien mehr einfallen lassen, um irgendwie mit einer Gruppe in Kontakt zu kommen. Das ist auf Dauer nicht gut, weil ihnen dann etwas Wichtiges fehlt: Wie kann ich auf andere zugehen, sie ansprechen, mit ihnen kommunizieren, ohne mich zu blamieren?

Das ist mir beim Lesen der Tagebucheinträge auch aufgefallen: Dass die Jugendlichen es schrecklich finden, nicht mehr dazuzugehören, wenn alle anderen in ihre Handys gucken und sie selbst einfach so im Raum rumstehen. Andererseits hat ihnen aber auch ein wichtiges Hilfsmittel gefehlt, um Hausaufgaben zu machen oder Vokabeln zu lernen.

Ja, für manche Fächer eignet sich das Smartphone mehr als für andere. Und dann muss man auch sagen, dass manche Jugendliche sich sehr gut strukturieren und abgrenzen können. Ein anderer, großer Teil kann das aber nicht und lässt sich durch das Handy vom Unterrichtsstoff ablenken.

Handyfasten ist ja schon ziemlich radikal. Sollte man das Handy aus der Schule verbannen?

Eine gute Frage. Man kann nicht allen das Smartphone verbieten. Aber ich denke schon, dass man den Umgang reglementieren muss, um den Schaden zu begrenzen, den es anrichtet.

Der Dresdner Lehrer Sebastian Metzner hat das Experiment mit den Schülerinnen und Schülern durchgeführt. Bildrechte: Sebastian Metzner

Die Schülerinnen und Schüler sollen die Möglichkeit bekommen zu lernen, indem sie Dinge selbst erfahren und tun.

Sebastian Metzner, Lehrer

Das macht man aber mit einem Buch auch nicht. Da liest man ja auch nur. Das ist ebenfalls eine recht eindimensionale Erfahrung.

Was heißt nur? Ein Buch ist etwas Begrenztes. Es hat einen Anfang und ein Ende. Ich kann es in seiner Ganzheit erfassen. Das ist der große Unterschied. Bei einem Buch kann ich nicht schnell wegwischen und etwas Anderes angucken, wenn eine Nachricht reinkommt.

Ich finde das sehr kulturpessimistisch. Vielleicht lernt unser Hirn ja auch das Multitasking, das es für diese immer komplexer werdende Welt braucht. Dafür müssen wir es aber trainieren.

Das ist richtig. Der Mensch gewöhnt sich an alles Mögliche. Er hat sich auch an Geschwindigkeiten gewöhnt, die im 19. Jahrhundert noch unaushaltbar waren. Der Zug mit 30 km/h wurde noch als rasend schnell empfunden. Aber mich stört die dahinterliegende Forderung, dass sich der Mensch an die Maschinen anpassen soll. Denn die Frage ist ja: Wollen wir überhaupt dieser Multitasking-Mensch sein?

Ich denke, dass wir nicht das Zubehör der Maschinen sein sollten, sondern die Maschinen unser Zubehör. Es ist eine Frage des Menschenbildes.

Sebastian Metzner, Lehrer

Dann frage ich mal so groß: Welches Bild von einem Menschen haben Sie?

Ein Mensch, der Zeit hat! Ich erlebe permanent junge Menschen, die Zeitnot haben. Die sagen mir dann: "Ich würde so gern das und dies machen, aber ich habe keine Zeit dafür!" Sie sind vollkommen durchgetaktet und abgelenkt. Ich glaube, für ein gutes Leben ist Langeweile sehr wichtig.

Während des Verzichtsexperiments berichteten die Jugendlichen von quälender Langeweile. Ohne Smartphones erschien ihnen die Zeit unendlich lang.

Das war tatsächlich ein Ziel des Projekts. Ich wollte den Jugendlichen die Möglichkeit zum Langweilen geben. Während der Woche haben manche Jugendliche gelangweilt und völlig verwirrt die Wand angestarrt. Das ist eine extrem wichtige Erfahrung, weil es dann zu einer Reflexion kommen kann: Was mache ich? Wer bin ich? Wer will ich sein? Unsere Gesellschaft lässt uns wenig Zeit zu reflektieren.

Wie war der letzte Tag, bevor sie die Telefone wieder rausgegeben haben?

Ich bin ich mit der Kiste, in der die Smartphones lagen, in den Raum gekommen und dort herrschte Totenstille – aber nicht aus Freude, sondern eher aus Anspannung. Da war eine gewisse Furcht, was alles in der Woche eingetrudelt sein könnte. Es hat sich etwas angestaut, das jetzt bewältigt und bearbeitet werden muss. Ich hab sogar die Aussage gehört: "Ach, eigentlich will ich das Ding gar nicht wiederhaben."

(Redaktionelle Bearbeitung: Anneke Selle, Cornelia Winkler)

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 29. Juni 2023 | 16:10 Uhr