Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche
Die Generaldirektorin der SLUB Dresden Katrin Stump überrascht der Fake News-Angriff auf ihre Bibliothek nicht. Bildrechte: Crispin-Iven Mokry

Interview mit Generaldirektorin Katrin StumpWarum der Fake News-Angriff auf die SLUB Dresden kein Zufall ist

Stand: 08. September 2022, 10:14 Uhr

In sozialen Medien wie Facebook, Twitter und TikTok kursiert ein Aufruf im Namen der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden, russische Bücher als Heizmaterial zu spenden. Die SLUB hat sich mit einer Klarstellung gegen die Desinformationskampagne gewehrt und Strafanzeige erstattet. Im Gespräch bei MDR KULTUR erklärt Generaldirektorin Katrin Stump, es gäbe Nachholbedarf im Umgang mit Fake News – sowohl bei der SLUB, als auch in der Gesellschaft.

MDR KULTUR: Was haben Sie im ersten Moment gedacht, als Sie die Fake-Meldung im Namen der SLUB gesehen haben?

Katrin Stump: Es ist schon so, dass Bibliotheken wie wir solche gesellschaftlichen Entwicklungen kennen und diese auch beobachten. Aber wenn man selbst damit konfrontiert wird, ist man erst mal überrascht. Ich muss auch ehrlich zugeben, dass uns am Anfang der Umfang dieser Kampagne, erst nach ein paar Stunden bewusst wurde.

Als eben nicht nur die Meldungen auf Telegram und TikTok, wo es offenbar den Ursprung genommen hat, zu lesen waren, sondern auch auf anderen Social-Media-Plattformen wie Twitter, Facebook, Instagram übergeschwappt ist – und wir erkannt haben, dass es sich offenbar um eine gezielte Kampagne handeln muss. Insofern war das dann Anlass, um tätig zu werden.

Dresden und Fake News

Ihr Haus war sozusagen wissenschaftlich vorbereitet: 2019 gab es eine Veranstaltungsreihe "What the Fake?!". Gerade zeigt das Deutsche Hygiene-Museum eine wunderbare Ausstellung über Wahrheit und Lüge. Dresden ist in Sachen Fake ziemlich gut aufgeklärt.

Ja, sollte man meinen. Wir haben aber festgestellt, dass es doch Nachholbedarf gibt, auch in der Gesellschaft, mit solchen gezielten Desinformationskampagnen umzugehen. Ich habe gerade gelesen, dass der Club of Rome, der berühmte Think Tank mit Expertinnen und Experten aus zahlreichen Ländern, in seinem neuesten Report das Thema Desinformation als bedeutendste Herausforderung unserer Zeit benannt hat – noch viel bedeutender als der Klimawandel, der Verlust an Biodiversität et cetera. Und sie haben auch geschrieben, dass das größte Problem unserer Gegenwart diese kollektive Unfähigkeit ist, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden.

Bibliotheken als demokratische Orte

Russische Bücher abliefern bei der SLUB für den Winter zum Heizen, zum Verbrennen. Das ist mit Blick auf die deutsche Geschichte alles andere als originell.

Wir gehen davon aus, dass diese Losung bewusst getätigt wurde, um einen wirklichen Aufreger zu erzeugen. Das sind Mechanismen bei solchen Kampagnen, dass man versucht, eine emotionale Diskussion anzukurbeln und Stimmungen zu erzeugen, sodass viele Personen, die das nicht reflektieren oder innehalten und mal kurz nachdenken, tatsächlich von diesen Emotionen auch angesprochen werden und dann ungefiltert und ohne weitere Reflektionen, ohne kritisches Nachdenken, diese Dinge weiterverbreiten. So funktionieren diese Desinformationskampagnen.

Die SLUB Dresden ist zum Angriffsziel von Fake News geworden. Bildrechte: IMAGO / momentphoto/Killig

Auch die Bücherhallen Hamburg sollen Opfer eines Facebook-Aufrufs geworden seien. Stehen Sie in Verbindung und können Sie möglicherweise voneinander lernen?

Wir sind im Austausch mit den Bücherhallen in Hamburg, eine große, renommierte, öffentliche Bibliothek. Wir erkennen natürlich ein Muster: Man fragt sich, warum sind Bibliotheken auf einmal im Fadenkreuz solcher Angriffe? Im Grunde genommen ist es eigentlich nicht wirklich verwunderlich, weil Bibliotheken sind Bildungseinrichtungen, stehen für verlässliche Informationen, sind ideologiefreie Orte auch des sachlichen Diskurses und fördern Demokratie.

Damit sind Bibliotheken auch Institutionen, die bestimmte Werte vermitteln und für diese stehen. Und wenn man irgendwo in der Gesellschaft angreifen möchte, dann versucht man, Vertrauen in solche staatlichen Institutionen zu untergraben und diesen zu schaden. Insofern ist es gar nicht verwunderlich, dass es Bibliotheken getroffen hat, eine große öffentliche und uns als wissenschaftliche Bibliothek.

Das Gespräch hat Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR geführt.
Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic, Thilo Sauer

Mehr zur SLUB Dresden

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 07. September 2022 | 07:10 Uhr