12. bis 15. November Debatten und Online-Theater: Das ist für das Dresdner Festival Fast Forward geplant

Fast Forward, das Dresdner Festival für junge Regie, sollte in diesem Jahr sein zehntes Jubiläum feiern. Jedes Jahr werden Arbeiten junger Regisseurinnen und Regisseure aus Europa an die Elbe eingeladen und soll sie einem breiteren Publikum bekannt machen. Angesichts der Pandemie wurde das Festival als Hybrid geplant, wegen des Lockdowns kann nun nur die Online-Veranstaltungen stattfinden.

Jeanne Dark
Helena de Laurens in "_JEANNE_DARK_" Bildrechte: Matthieu Bareyre

Das Festival Fast Forward at work beginnt in diesem Jahr mit einem wahren Bilderrausch. Ein Klick lässt auf der Website zahlreiche Fotos aufblitzen. Nur für Sekundenbruchteile werden die Motive erkennbar: Theaterbühnen der Antike, des Hofs und des Bürgertums, bis wir auf einer weiten Ebene enden.

Online ausgeweitet

Eigentlich werden verschiedene Produktionen junger Regisseurinnen und Regisseure an unterschiedlichen Orten in Dresden präsentiert. Doch dieses Jahr ist das Theater vermehrt ins Internet gewandert und auch das Fast-Forward-Festival hat einen Online-Teil geplant, neben dem Programm in den örtlichen Häusern. Nachdem mehr oder weniger überraschend der Shutdown der Theater in ganz Deutschland verkündet wurde, blieb nur noch der Online-Teil übrig.

Fast Forward at work 8 min
Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden

Das diesjährige Festival besteht nun zu großen Teilen aus Gesprächsformaten. Jeder Morgen wird mit einer zweisprachigen Lesung aus Stanislaw Lems "Golem XIV" eröffnet – eine fantastische Geschichte über eine künstliche Intelligenz. Anschließend gibt es "Video-Post aus Europa". Die Festivalleitung hat mit Theatermacherinnen aus ganz Europa gesprochen und nach ihrer aktuellen Situation gefragt. Am Nachmittag beziehungsweise am Sonntagvormittag geht es dann in Debatten um künftige Arbeitsverhältnisse am Theater: um Netzwerke, um Klimawandel sowie um Austausch mit Politik und Publikum. Die Gespräche werden anschließend auf der Website abrufbar sein.

Bei den Gesprächen geht es natürlich auch um die Corona-Krise, die die Theatermacherinnen und -macher ganz unterschiedlich trifft, erklärt Festival-Kuratorin Charlotte Orti von Havranek. Das hängt davon ab, wie gut das eigene Netzwerk ist, ob die Kunst die einzige Einnahmequelle ist, aber vor allem wie die staatliche Unterstützung des jeweiligen Landes gestaltet ist. Am schlimmsten sei jedoch, dass sich gerade angehende Regisseure und Regisseurinnen nicht präsentieren können und so kaum Netzwerke aufbauen können, so die Kuratorin. "Theater ist ein anderer Ort der Begegnung", beschreiben die Künstlerinnen und Künstler Orti immer wieder im Gespräch. Die gemeinsame Präsenz in einem Raum sei spürbar und anders als über das Internet.

Kunst im digitalen Raum

Nachdem die Gastspielproduktionen, die in Dresden gezeigt werden sollten, komplett abgesagt werden mussten, gibt es auch bei den Online-Produktionen einige Einschränkungen: Da in Frankreich die Theater komplett geschlossen sind, findet die Performance von "_JEANNE_DARK_" anders als geplant nicht live statt, sondern wird am Donnerstag in Form einer untertitelten Aufzeichnung gezeigt. Die französische Regisseurin Marion Siéfert hat eine Performance für Instagram entwickelt, in der die Tänzerin Helena de Laurens direkt ins Smartphone spielt. Dabei geht es um die Schülerin Jeanne, die von ihren Mitschülern wegen ihrer Jungfräulichkeit aufgezogen wird. In einem Live-Video bricht die junge Frau aus und tanzt wild durch ihr Zimmer. Aktuell wird die Performance neu konzipiert: Am 18. und 19. November soll sie nicht auf einer Bühne, sondern in einer Privatwohnung für das Internet aufgeführt werden.

Bereits im Frühjahrs-Lockdown haben sich viele Theaterbegeisterte an abgefilmtes Theater gewöhnen müssen und zu dieser Kategorie gehört auch der Programmpunkt am Samstag: eine Aufzeichnung der Woyzeck-Produktion des TR Warszawa. Der junge Regisseur Grzegorz Jaremko hat Büchners Fragment über einen von der Gesellschaft ausgestoßenen Mann, der zum Mörder wird, neu gelesen. Bei dem Krakauer Regiestudenten ist Woyzeck Sänger einer Garagenband, der mit verschiedenen Vorstellungen von Männlichkeit kämpft.

Fast Forward at work
"Woyzeck" von Grzegorz Jaremko Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden

Die Arbeiten der anderen Regisseurinnen sind journalistischer geprägt. In "Boulevard de Dresde//Strassburger Platz" schafft die Giessener Studentin Barbara Luchner Begegnungen über Hunderte Kilometer. In Interviews sprechen Menschen in Straßburg und Dresden über Grenzen, Flüsse, Möglichkeiten und das Leben. Auf einer digitalen Oberfläche können verschiedene Gespräche miteinander kombiniert werden, sodass eine Art von Zwiegespräch über Distanz entsteht.

Fast Forward at work
Impression zu "The Last Vinnetou" Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden

Der Blick auf amerikanische Ureinwohner, vielen als Indianer bekannt, muss überholt werden: Beim DOK Leipzig lief ein Film über die Sicht auf die Kultur und auch das Karl-May-Museum versucht aktuell einen neuen Ansatz zu finden. Das Feature "The Last Vinnetou", das am Sonntag beim Fast Forward uraufgeführt wird, beschäftigt sich mit dem Phänomen der Hobby-Indianer in Deutschland und Tschechien: Menschen, die sich in Vereinen organisieren und in ihrer Freizeit in die von May geprägte Pseudokultur eintauchen. Das Radiostück ist das Ergebnis einer Residenz, die Dresden im Rahmen der Kulturhauptstadt-Bewerbung ausgeschrieben hatte.

Welche Zukunft, die digitalen Formate haben, sei noch unklar. "Das versuchen wir gerade herauszufinden, das ist die eigentliche Fragestellung", erklärt Charlotte Orti von Havranek. "Ein wesentlicher Punkt ist die Frage nach dem Austausch: Wie kann man in Echtzeit miteinander kommunizieren und was gibt es da für Möglichkeiten. Was im Netz möglich ist, ist für das diesjährige Festival eine Forschungsaufgabe."

Mehr Informationen Das Festival Fast Forward findet vom 12. bis zum 15. November 2020 ausschließlich online statt.

Die Theaterübertragungen werden zu folgenden Terminen gezeigt:
_JEANNE_DARK_: 12. November, 20.30-22 Uhr

Boulevard de Dresde//Strassburger Platz: 13. November, 20.30-21.15 Uhr

Woyzeck: 14. November, 20.30-22 Uhr

The Last Vinetou: 15. November, 20.30-21.30 Uhr

Theater in Dresden

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2020 | 08:40 Uhr