Theaterkritik Fake-News und Fake-Views: Tanzstreifzug "Veduta" in Dresden

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Veduten, das sind Stadtansichten. Eine der berühmtesten ist der Canalettoblick auf Dresdens Altstadt. Dort feierte der "Tanzstreifzug" vom Choreografen Sebastian Matthias Premiere – eine Inszenierung des Staatsschauspiel Dresden, das Zuschauerinnen und Zuschauern ungewohnte Blicke auf die Stadt bietet und zeigt, wie unterhaltsam und originell Theater in Corona-Zeiten sein kann.

Szenenbild der Performance Veduta des Staatsschauspiel Dresden
"Veduta" in Dresden: Eine Zuschauerin fotografiert den Canalettoblick und wird so Teil der Performance Bildrechte: Sebastian Hoppe

Der Canalettoblick war dabei, bei der Premiere von "Veduta". Aber nicht der weltberühmte Blick vom Nordwesten auf die Stadt, sondern der Blick vom Osten her, von der Carolabrücke auf die Barockfassaden. Die Assoziation mit Canaletto ist nur die eine. Es handelt sich um eine Produktion der Bürgerbühne, es kommen also die Stadtansichten der Bürger ins Spiel – ihr Blick auf die Stadt – und schließlich auch der Blick des Publikums auf die Stadt. Da ist Dresden als barocke Kulturstadt als Elbflorenz, die zerstörte Stadt im Krieg, die wiederaufgebaute Stadt, spätestens seit die Semperoper in späten DDR-Zeiten eröffnet wurde, und es ist auch die Stadt der Rechtspopulisten und Wutbürger.

Es sind viele Blicke im Spiel, wenn man vom Titel "Veduta" her denkt. Wenn man Veduten wörtlich nimmt, realistische Ansichten auf die Stadt per Definition – fast fotorealistisch bei Canaletto. Aber der Missbrauch ist, dialektisch betrachtet, immer schon dabei. Wenn man in eine Stadtansicht, zum Beispiel ein Gebäude hineinmalt, das noch gebaut werden muss – ganz zeitgemäß kommt so die Welt der Fake-News, hier vielleicht Fake-Views, mit hinein.

Ein Parcours durch die Stadt

Die erste Station dieser Inszenierung liegt völlig unspektakulär in der Nähe des Postplatzes, zwischen Shoppingcenter und Straße, mit Start für acht Gruppen à fünf Zuschauer – zeitversetzt jeweils um eine viertel Stunde. Dann sind es sechs Stationen, neben der ersten noch die Prager Straße, als Fußgängerzone zwischen den Geschäften, dann Frauenkirche, Synagoge und Elbufer, schließlich der Canalettoblick von der Carolabrücke, schon fast auf der Neustädter Seite und die Schlussstation am Kleinen Haus des Staatsschauspiels in der Neustadt.

Szenenbild der Performance Veduta des Staatsschauspiel Dresden
Professionelle Tänzer und Akteure der Bürgerbühne: Szenenbild aus "Veduta" Bildrechte: Sebastian Hoppe

Zu Beginn gibt es einen Stadtplan in die Hand und so kann man sich zwischen den Stationen allein durch die Stadt bewegen. Insgesamt ist der Stadtrundgang gut eineinhalb Stunden lang. Zunächst ist die Stadt noch voll, das ebbt dann langsam ab: Die Menschen sind zu Hause oder picknicken auf den Elbwiesen. Menschenvoll, Menschenleer – das bekommen wohl nur die Leute zu sehen, die früher starten als die letzte Tour, die 20 Uhr losgeht.

Pas de deux zwischen Performer und Zuschauer

Insgesamt sind "nur" 40 Zuschauer dabei. Der Hauptgrund ist, dass hier mit Videos gearbeitet wird. Man ist also zu fünft unterwegs und wird ab der zweiten Station sozusagen von den Performern einzeln abgeholt und bekommt ein Video auf einem Smartphone gezeigt – am Selfiestick. Dazu erzählen die Performer immer eine, möglicherweise ihre Geschichte. Das dauert etwa zwei, drei Minuten. Dann kommt noch ein anderer Performer mit einer anderen Geschichte und es geht zur nächsten Station weiter.

Szenenbild der Performance Veduta des Staatsschauspiel Dresden
Smartphone-Videos kommen bei "Veduta" zum Einsatz Bildrechte: Sebastian Hoppe

Das sind ziemlich verrückte Erfahrungen: Die Geschichte ist anders als das Bild. Der Performer bewegt und dreht sich ständig vor und mit dem Zuschauer. Und das Smartphone mit dem Video in seiner Hand ist dann so etwas, wie die Karotte an der Angel, die der Kutscher vor den Karren hält, damit der Esel zieht. Der Esel ist also der Zuschauer. Und er tanzt dann mit dem Performer in der Stadt. Sicherlich ein schönes Bild, und deswegen heißt es im Titel ja auch "Tanzstreifzug".

Auch die Videos sind sehr gut gemacht. Ein Video zeigt einen langen Gang in der Antikensammlung. Die Kamera schwenkt von links nach rechts, immer hin und her, und diese Bewegungen der Kamera macht der Performer mit dem Smartphone in der Fußgängerzone – in diesem Gang – nach: Das ist ein irrer Effekt!

Handy auf Selfiestick vor einem Ladenschaufenster
Ein Video am Selfiestick in der Einkaufspassage auf der Prager Straße. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschewsky

Auch die Zuschauer haben Zuschauer

Passanten bleiben stehen und gucken, fragen auch – aber der umgekehrte Effekt für den Zuschauer ist natürlich auch er sich zwischen den Stationen fragt: Was ist jetzt echt, und was ist hier inszeniert? Ein Beispiel: An der Frauenkirche waren Mutter und Tochter zu beobachten. Die Tochter stellte sich mit Victoryzeichen vor ein Plakat, dass aus dem Fenster der Kunsthochschule hing: Darauf stand: "Black lives matter" – also ein Statement gegen Rassismus. Die Tochter mit dem Victoryzeichen bekennt sich dazu, die Mutter auch, indem sie das fotografiert. Zwei Dresdnerinnen übrigens – beim Abendspaziergang durch die Stadt.

Spiel und Tanz mit Bildern

Mann kniet mit Smartphone auf dem Boden
Ein Performer auf Parkplatzsuche steigert sich in seine Wut über die Touristen. Bildrechte: MDR/Stefan Petraschewsky

Es sind Akteure der Bürgerbühne, also Dresdner Bürger, die hier zum Teil ihre eigenen Geschichten erzählen: Da schaukelt sich ein Bürger auf Parkplatzsuche zum Wutbürger hoch, weil die Touristen die Stadt zuparken. Da gibt es die ältere Dame aus Polen, die mit Solidarnosc mitfiebert, von Freiheit und Nachthemd und Blumen im Haar erzählt – und dann einen NVA-Major aus Dresden heiratet. Oder die Jugendliche, die mit Freunden auf den Elbwiesen ein Sauf-Spiel spielt. Hier wird mit Bildern von Bürgern und Zuschauern gespielt und getanzt – und das auf unterhaltsame, sommerliche Art und Weise.

Eine Empfehlung, die am Ende auch traurig stimmt. Denn am Abend, wenn die Stadt und die Straßen leer werden, kommt ein Einsamkeitsmoment dazu – umso mehr, weil man an den letzten beiden Stationen und auf dem Weg dahin, aufgefordert wird, selbst zum Performer zu werden und mit seinem Handy Stadtansichten zu knipsen und auch bei Instagram hochzuladen. Ganz am Ende, nach einem letzten Tanz, fliegt man quasi aus der Inszenierung raus, steht plötzlich alleine da. Es gibt Corona-bedingt keinen Applaus und keine Akteure, die zusammen auf der Bühne stehen. Man kommt sich vor wie in einer Maschine, bei der man als kleines Teil auf dem Fließband hinten rausgeworfen wird und wie ein begossener Pudel auf der Straße steht.

Informationen zum Stück "Veduta - Stadtansichten"
Staatsschauspiel Dresden

Konzept und Choreografie: Sebastian Matthias
Dramaturgie: Mila Pavicevic, Julia Weinreich
Tänzerinnen und Tänzer: Rachell Bo Clark, Johanna Roggan, Maciej Sado

Uraufführung: 12. Juni 2020
Weitere Termine: 13. Juni, 14. Juni, 19. Juni, 20. Juni, 21. Juni, 26. Juni, 27. Juni

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juni 2020 | 13:15 Uhr