Dresdner Rede "Identitätsgroteske": Marion Ackermann über den Dresdner Juwelenraub

Der Einbruch ins Grüne Gewölbe im November wurde als "Anschlag auf die sächsische Identität" gedeutet. Doch was impliziert "Identität" in Hinblick auf Kunst- und Kulturobjekte? Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, bezieht dazu in ihrer "Dresdner Rede" Position.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen", hatte Ministerpräsident Michael Kretschmer nach dem Juwelenraub im Grünen Gewölbe getwittert. Danach kochte die seit der Wiederentdeckung der vermeintlichen Sächsischen Nation in den 1990er-Jahren nie ganz verstummte Identitätsdebatte erneut hoch, ja ging über Sachsen hinaus. Das tat auch Generaldirektorin Marion Ackermann, aber nicht als die bestohlene Hüterin des sächsischen Staatsschatzes, sondern als kluge Kunstwissenschaftlerin.

Eigentlich ging sie mit dem überwiegend älteren und vergangenheitsbewussten Dresdner Publikum vorsichtig um, ersparte ihm aber solche Kritik nicht:

Allerdings hat die Verlusterfahrung offenbar die Konstruktion einer sächsischen Identität ermöglicht, die sich dann aber in wunderlichen Verzerrungen und seltsamen Übertreibungen zu einer Identitätsgroteske entwickelte.

Mythische Überhöhung nach Verlust

Diese überhöhende und ausgrenzende Wirkung von Identitätskonstruktionen war das Thema dieser Dresdner Rede der Generaldirektorin. Auch Kunstwerke und Museumsexponate können identitätsstiftend wirken, lautete zunächst ihre Ausgangsthese. Joachim Klement, Intendant des Dresdner Staatsschauspiels, hatte ihr eingangs angesichts einer "überhitzten Identitätspolitik" den Boden bereitet: "In einer globalisierten Gesellschaft, die sich als Gegenreaktion immer stärker in nationale Gemeinschaften aufzuspalten droht, braucht es die notwendigen öffentlichen Hallräume."

Marion Ackermann befasste sich sowohl mit der politischen Instrumentalisierung als auch mit dem natürlichen Phänomen der Wiederentdeckung von kollektiven Identitäten nach einer Verlusterfahrung. Als solche wertet sie die Debatte nach dem Dresdner Kunstraub. Nicht allein ein sächsisches Phänomen. Die Mona Lisa im Pariser Louvre stieg erst nach ihrem Raub 1911 zu einer Ikone auf. Als ein klassisches Beispiel für mythische Überhöhung nach einem drastischen Verlust kann die sächsische Landeshauptstadt, der Ort der "Dresdner Reden" selber gelten: "Das identitätsstiftenden Moment der Menschen, die hier leben oder von hier kommen, scheint mir doch nach wie vor die Zerstörung ihrer Stadt, ihrer Stadt als Gesamtkunstwerk."

Nicht von ungefähr rückte die AfD im Kulturteil ihres Kommunalwahlprogramms 2019 das Zerstörungsgedenken an die erste Stelle, gefolgt von der vermeintlich verlorenen DDR-Ostkunst. Die Generaldirektorin verurteilte diese Sehnsucht nach einer unreflektierten Bindung an lokale und regionale Objekte nicht. Gleichwohl warnte sie:

Die erfundene Tradition kann auch ein Machtinstrument zur Kontrolle von Menschen und Massen durch die Produktion kollektiver Erinnerungen sein. Identität als Zuspitzung auf einen Aspekt hin verstanden, hat immer etwas Einengendes.

Zurück auf den Boden der Tatsachen

Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann
Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann Bildrechte: imago/epd

Dabei holte sie auch den Mythos des sächsischen Staatsschatzes auf den Boden geschichtlicher Wahrheiten zurück. August der Starke sammelte im 18. Jahrhundert nicht nur aus Kunstleidenschaft, sondern um seinen europäischen Konkurrenten zu imponieren. Seine Sammlung wurde mehrfach ausgelagert, zuletzt nach dem zweiten Weltkrieg in Moskau. Und sie diente in Teilen auch als Kriegskasse, sozusagen als Rücklage.

Für die gesunde Annäherung an dieses Erbe empfahl die Rednerin: "Ich denke, wir müssen wieder aktiv erlernen, Mehrdeutigkeit, Vieldeutigkeit, Offenheit, auch Unsicherheit auszuhalten. Aber: Es ist anstrengend, es erfordert aktive Denkarbeit. Vor allem braucht es ein Vertrauen in die eigene Kraft des Denkens. Und dieses ist unweigerlich mit einer gesunden Skepsis gegenüber vorgefundenen ideologisch verbrämten Scheinwahrheiten verbunden." Marion Ackermann schloss mit einem Bild aus Ibsens Peer Gynt. Dessen angenommene Identitäten blättern wie Zwiebelschale um Zwiebelschale ab, ohne dass ein Kern zum Vorschein kommt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Februar 2020 | 07:10 Uhr

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