Buchkritik Durs Grünbeins Oxford-Vorlesungen – Wie Geschichtsbilder entstehen

Jörg Schieke
Bildrechte: Jörg Schieke

Der aus Dresden stammende Lyriker und Essayist Durs Grünbein gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Poeten, sowohl im In- als auch im Ausland. 2019 gab Grünbein an der renommierten britischen Oxford-Universität vier Vorlesungen zu seinem Blick in die deutsche Geschichte und der Wirkmacht von Sprachbildern. Nun sind die Vorlesungen als lesenswertes Buch "Jenseits der Literatur – Oxford Lectures" erschienen.

Schriftsteller Durs Grünbein
Der Schriftsteller Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden Bildrechte: IMAGO

Der deutsche Schriftsteller Durs Grünbein war im Jahr 2019 zu vier Vorlesungen an der renommierten Oxford-Universität zu Gast. Diese sind nun bei Suhrkamp unter dem Titel "Jenseits der Literatur – Oxford Lectures" erschienen. Grünbein beschäftigte sich in seinen vier Exkursen vor allem mit Bildern und den dazugehörigen Ideen aus der deutschen Geschichte, speziell aus der Zeit des Nationalsozialismus. Wie wirken solche Bilder fort, wie dringen sie ein in die Sprache, die Träume, in die Wahrnehmungen der Nachgeborenen? Er vermischt dabei eigene Thesen und Überlegungen mit denen von Historikern, Zeitzeugen oder anderen Schriftstellern.

Stöbern in Tabubereichen

Die Zeichen einer überwunden geglaubten Ordnung – die Ablagerungen der Geschichte also – sie nisten, kleben und manchmal blühen sie sogar weiter im Hier und Jetzt. Ein Satz Briefmarken mit dem Porträt von Adolf Hitler darauf, gefunden auf Omas Dachboden; ein Verkehrs- und Landschaftsprojekt namens deutsche Autobahn; eine alte Postkarte; ein Straßenname: noch Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren und sind sie da, in West- und Ostdeutschland zwar gleichermaßen tabuisiert – aber genau deshalb auch von einer seltsamen Anziehungskraft. Schienen sie doch den Jüngeren genau das zu bezeichnen, was einst die eigenen Eltern oder Großeltern verführt hatte.

Oxford Universität
Die Oxford-Universität ist eine der ältesten und angesehensten Universitäten der Welt Bildrechte: imago images / Science Photo Library

Es sind solche Funde, die Durs Grünbein vor allem am Beispiel einer alten Briefmarkensammlung oder anhand alter Postkarten vorführt. Er bemerkt dazu: "Nun war das Herumstöbern in diesem Alter an sich schon erregend genug, plötzlich aber war ich in einen Hinterhalt geraten. Ich hatte herumgestöbert, und es gab die Kommode mit ihren verlockenden Schubladen. Und da war das Buch mit dem dunkelblauen Einband, von Feuchtigkeit gewellt. Die Ecken waren zerschlissen, von Mäusen oder Ratten benagt, der Buchdeckel hing lose herab. Was ich fand, war ein vergilbtes, verbogenes Exemplar von 'Mein Kampf.'"

Funde wie diese sind es, die den 1962 in Dresden geborenen und dort aufgewachsenen Durs Grünbein als Kind beschäftigen, die ihn erschrecken und zugleich faszinieren. Von dort her wächst eine Lust am Weitergraben, Darüber-Nachdenken, also am Lesen, an  Geschichte und Dichtung. Für Grünbein ein inzwischen vertrautes Gebiet, mit seinen lyrischen Geschichtsdeutungen ist er zu einem bekannten Autor geworden.

Wirkkräftige Sprachbilder

Auch in seinen Vorlesungen beschreitet Grünbein diesen Weg: Ausgehend vom historischen Detail und ausgerüstet mit einem enormen Wissen, zieht Grünbein historische Koordinaten nach und sucht nach den Verschaltungen von Technik, Ideologie und Sprache. Er beschreibt es so: "Neu und erschreckend langlebig waren die technischen Lösungen, sie fielen aus aller bisherigen Architekturgeschichte heraus. Man sprach von Wunderwerken moderner Ingenieurskunst aus Naturstein, Stahl und Beton. Nicht nur den Gleichgesinnten, auch allen Zeitgenossen und selbst den neugierigen Deutschlandbesuchern aus dem Ausland erschien die Autobahn damals als ein Vorzeigewerk der Moderne, als Kollektivbau den Monumenten des Alten Ägypten vergleichbar, nur weitaus raumgreifender, landschaftumschließend. Dazu gab es Formeln, die jedes Kind im Schüleraufsatz zitieren konnte. 'Erst wo Deutschland aufhört, darf das erste Schlagloch beginnen.' (Adolf Hitler)"

Nazi-Landschaftsästhetik

Es ist ein feines System aus Anreiz und Pathos hier, und gnadenlosem Arbeitsdrill dort, das die Autobahn durchs Deutsche Reich bis weiter zum Verbündeten, nach Italien treiben soll. Trassierung, das ist das Wort für die Umgestaltung der deutschen Verkehrslandschaft, die zugleich den Gesetzen einer eigenen, nationalsozialistischen Landschaftsästhetik zu folgen hat. Die deutsche Autobahn als genau abgemessener Rahmen des deutschen Waldes sozusagen.

Durs Grünbein: Jenseits der Literatur – Oxford Lectures
Das Cover von Durs Grünbeins Buch "Jenseits der Literatur – Oxford Lectures" Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Für andere Seelen- und Gefühlszustände, für Schuld und Scham angesichts ihrer Kriegsverbrechen, finden die Deutschen hingegen lange keine Sprache.

All das zeichnet Grünbein nach, er zitiert Hannah Arendt, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und manch andere Quelle – und er versucht aus dem Wissen des in der DDR Aufgewachsenen zugleich eine eigene moralische Position abzuleiten. Grünberg schreibt: "Die Frage, wer wärst du gewesen in einer Diktatur?, muß ich mir nicht erst stellen, denn ich bin mittendrin gewesen und habe es überstanden. Schon eher die Frage: Wer wärst du gewesen in der Nazizeit, und was hättest du getan angesichts Hitlers, unter den allgegenwärtigen Bildern und Worten des 'Führers'? Es gab damals keine Außenwelt mehr. Es ist also müßig, eine Moral im nachhinein zu entwickeln. Das Prinzip der Zeitgenossenschaft, dem wir verhaftet sind, schließt uns von anderen historischen Erfahrungen aus. Die Frage kann also nur lauten: Läßt sich aus dieser Geschichte, läßt sich aus dem geschichtlichen Verlauf überhaupt etwas lernen?"

Denkanstöße

An anderen Stellen klingt Grünbein allerdings dann doch ein wenig wie ein Geschichtslehrer, der all das nicht zum ersten Mal vorliest. Dennoch, den Zuhörern in Oxford wird sich die deutsche Seele dank Grünbein ein Stück weit aufgetan haben – und auch hiesige Leserinnen und Leser können aus diesem Buch mache Erkenntnis, manchen Denkanstoß mitnehmen.

(Anm. d. Red: Die Schreibweisen der Buchzitate in alter Rechtschreibung haben wir beibehalten.)

Das Buch Durs Grünbein: "Jenseits der Literatur – Oxford Lectures"
176 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-518-42951-8
Suhrkamp Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. November 2020 | 12:40 Uhr