Roman-Empfehlung "Der Ehebruch": Ein Seitensprung kann alles verändern

Erri und Clem haben eine Affäre. Sie belügen ihre Ehepartner, um ein leidenschaftliches Wochenende auf einer Mittelmeerinsel zu verbringen. Doch wie soll es danach weitergehen? Was wäre, wenn sich ihre Beziehung weiterentwickeln und "einen Sinn bekäme"? Sie müssen eine Entscheidung treffen. Romanautor Edoardo Albinati ist in Italien ein Literaturstar, 2018 erschien sein hochgelobter 1.300-Seiten Roman "Die Katholische Schule".

Edoardo Albinati
Edoardo Albinati lebt in Rom Bildrechte: dpa

Eine Wochenendaffäre? Ein doppelter Ehebruch? Wie viel Mut und Selbstbewusstsein braucht man als Autor, um sich dieses in der Weltliteratur nicht unterrepräsentierten Themas auf ein Neues anzunehmen? Der 1956 geborene und in Rom lebende Edoardo Albinati scheint damit kein Problem zu haben und präsentiert einen schmalen Roman (der mit "Novelle" besser bezeichnet wäre), der ganz auf dieses klassische Setting einer "verbotenen" Liaison baut.

Ein sonnendurchflutetes Kammerspiel

2018 war Albinatis hochdekorierter 1300-Seiten-Roman "Die Katholische Schule" auf Deutsch erschienen und hatte erstaunlich wenig Resonanz gefunden. Mit "Ein Ehebruch" begibt er sich, gewissermaßen zur Erholung, auf die Kurzstrecke und kreist um ein in aller Leidenschaft miteinander verbundenes Paar, das ein intensives Wochenende auf einer Mittelmeerinsel verbringt. Erri, 37 Jahre, und Clem(entina), 29 Jahre, heißen die beiden Akteure des sonnendurchfluteten Kammerspiels, das kaum weitere Mitspieler braucht, um hohe Intensität zu verbreiten. Kennengelernt haben sie sich auf einer Party, und vom ersten Moment an bestand kaum ein Zweifel, dass sie für diesen "coup de foudre" sogar ihre Familien aufs Spiel setzen würden; ja, Clem lässt sich nicht einmal dadurch einschränken, dass sie erst kurz zuvor Mutter geworden ist.

Hemmungsloser Sex in variantenreichen Stellungen

Edoardo Albinati, Ein Ehebruch
Buchcover zu "Ein Ehebruch" Bildrechte: Piper

Mit wenigen Strichen zeichnet Albinati ein anfangs vertrautes und sich rasch zuspitzendes Szenario. Kaum haben Erri und Clem, nachdem sie sich bei ihren Ehepartner mit einem Lügengespinst abgesichert haben, die Insel erreicht, ist kein Halten mehr. Sie geben sich hemmungslos dem Sex hin, in variantenreichen Stellungen, zu Wasser und zu Lande.

Zwei Stunden von zu Hause entfernt, von der sogenannten Wirklichkeit", erleben beide ein sexuelles Feuerwerk, das "etwas Übermächtiges" an sich hat. Wenn es gilt, zwischen den erotischen Höhepunkten, die Albinati fast immer kitsch- und peinlichkeitsfrei zu beschreiben versteht, neue Kräfte zu sammeln, streifen Erri und Clem über die Insel, kehren in schön gelegenen Restaurants ein oder beobachten ein Hafenmädchen, das sich in der Vorstellung der Liebenden als Dritte beim Sex hinzugesellt.

Vom brennenden Wunsch, sich zu verlieren

Man muss nicht, wie es die Verlagswerbung tut, gleich Maupassant, Proust oder Schnitzler bemühen, um den Reiz dieses melancholisch getränkten, mit allerlei Wassermetaphorik durchsetzten Prosastücks zu goutieren. Was die beiden an diesem entrückten Wochenende durchexerzieren, ist mehr als ein leidenschaftlicher Seitensprung. Je mehr Zeit verstreicht und sich die Ausnahmesituation ihrem Ende zuneigt, desto deutlicher werden die Anzeichen von latenter Enttäuschung und Unsicherheit. Ein von Meerflöhen herrührender Juckreiz ist das Sinnbild dieser schleichenden Unruhe. Denn wie soll es weitergehen, wie soll man umgehen mit dem "brennenden Wunsch, sich zu verlieren"? Bleiben die Inseltage ein nicht wiederholbares Intermezzo, oder will man dem Flüchtigen Dauer geben?

Erri und Clem wissen, was es hieße, wenn sich ihre Beziehung "weiterentwickeln" würde, wenn sie anfinge, "einen Sinn zu bekommen". Ehe sie ihre Liebesinsel verlassen, scheint eine Entscheidung unabdingbar, und Edoardo Albinati entwirft ein Romanfinale, das wie sein ganzer Text von großer Klarheit zeugt und Beispiel dafür ist, dass wer von sinnlichen Rauschzuständen erzählt, sich durchaus Nüchternheit bewahren kann.

Informationen zum Buch: Edoardo Albinati: "Ein Ehebruch"
Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Berlin Verlag, Berlin/München 2019
125 Seiten, 20 Euro, gebunden
EAN 978-3-8270-1407-8

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Dezember 2019 | 08:10 Uhr