Heidi Benneckenstein
Heidi Benneckenstein Bildrechte: IMAGO

Sachbuch: "Ein deutsches Mädchen" Heidi Benneckenstein und ihre Flucht aus der Neonazi-Szene

von Bastian Wierzioch, MDR KULTUR-Experte für Politik

Heidi Benneckenstein
Heidi Benneckenstein Bildrechte: IMAGO

Über die rechtsextreme Szene in Deutschland gibt es zahlreiche Sachbücher, aber nur selten sind darunter Autobiografien zu finden, in denen Aussteiger Innenansichten aus dem Neonazi-Milieu liefern. Heidi Benneckenstein tut dies nun mit ihrem Buch "Ein deutsches Mädchen".

Die heute 24-Jährige war 18 Jahre ihres Lebens Teil der deutschen Neonazi-Szene. Erst vor sechs Jahren schaffte sie den Ausstieg. Heute arbeitet sie in Bayern als Erzieherin in einer Kita, hat einen Sohn und ist verheiratet. Geboren wurde sie in einem bayerischen Dorf mit dem Mädchennamen Heidrun Redecker. Ihre Familie habe sie stramm rechtsextrem erzogen, mit einem geschlossenen nationalsozialistischen Weltbild. Bereits ihre Großeltern, so schreibt sie, sympathisierten offen mit rassistischem und völkischem Gedankengut.

Schilderungen aus der Ich-Perspektive

Die zentrale Figur in Benneckensteins jungen Jahren aber war wohl ihr Vater: Ein rechtsextremer Ideologe und Aktivist. Er schulte seine Tochter von klein auf ideologisch und unterzog sie und ihre drei Schwestern einer Art militärischem Drill. Benneckensteins Ich-Perspektive, aus der sie erzählt, das Autobiografische, ist dabei sozusagen der Erzählrahmen. Teilweise streift sie Themen wie Frauen in der Neonazi-Szene und beschreibt den Ausstieg aus dem Milieu.

Es ist durchaus ein Buch, das einen allgemeinen Überblick über den Rechtsextremismus in Deutschland gibt: NPD, gewaltbereite Kameradschaften, rechtsradikale Musik, Neonazi-Versandhandel, die Gewaltfrage, Neonazi-Foren im Internet, Autonome Nationalisten. Das sind gängige Themen, die auch andere Autoren ähnlich bearbeitet haben. Das besondere an diesem Buch ist aber eben die Ich-Perspektive der Autorin.

In Ferienlagern der "Heimattreuen Deutschen Jugend"

Nach meiner Einschätzung gibt die Autorin sehr viel preis und ist auch sich selbst gegenüber schonungslos – sowie gegenüber ihrem Vater. Sich selbst als Kind beschreibt die Autorin als wenig selbstbewusst, als unruhig, ohne Mitte, getrieben und launisch.

Die zentrale Rolle – neben dem Einfluss des Vaters – spielten dabei rechtsextreme Kinder- und Jugendlager. Benneckenstein musste in den Ferien beim "Bund Heimattreuer Jugend" mitmachen, der Nachfolgeorganisation der "Wiking Jugend", die 1994 verboten wurde. Die wiederum sah sich in der Tradition der Hitler-Jugend. Am häufigsten wurde Benneckenstein in Ferienlager der "Heimattreuen Deutschen Jugend" geschickt, die 2009 verboten wurde.

Ein Zeltlager der Heimattreuen Deutschen Jugend in der Nähe der Gemeinde Fromhausen in Nordrhein-Westfalen.
Ein Zeltlager der "Heimattreuen Deutschen Jugend" in der Nähe der Gemeinde Fromhausen in Nordrhein-Westfalen. Bildrechte: dpa

Kinder in paramilitärischer Ausbildung

Ihr erstes Zeltlager musste Benneckenstein im Alter von drei Jahren durchleben. Diese Zeit beschreibt sie als "Hölle" und als "absurde Parallelwelt". Zweck dieser konspirativ veranstalteten Ferienlager war natürlich die ideologische Schulung und paramilitärische Ausbildung. Bemerkenswert ist, was sie über die Eltern dieser Kinder schreibt, die in diese Lager gesteckt wurden: Das seien keine armen Leute oder Kleinbürger gewesen, sondern Intellektuelle, Professoren, Zahnärzte.

Und das Thema ist auch deswegen brisant, weil besagte Kinder-Organisationen heute zwar verboten sind, es aber aktuell ähnliche Lager gibt – unter anderen Namen, aber eben mit derselben rechtsextremen Ideologie, wie "Deutscher Jugendbund Sturmvogel". Benneckenstein selbst schätzt, dass es aktuell mehrere tausend Kinder in Deutschland gebe, die in rechtsextremen Familien aufwachsen.

Kontakte zum NSU – und die ersten Zweifel

Als Teenager sei sie dann aggressiv gewesen, schreibt Benneckenstein. Im Alter von 15 Jahren zog sie nach Passau und dockte bei der NPD an. Über ihren heutigen Ehemann Felix Benneckenstein, der ebenfalls aus der Szene ausgestiegen ist, kam sie dann in gewaltbereite Kameradschaftskreise. Zu dieser Zeit hatte sie auch Berührung zumindest mit dem Umfeld der NSU-Terroristen, genauer gesagt traf sie in Jena auf Ralf Wohlleben. Wohlleben sitzt inzwischen auch auf der Anklagebank im NSU-Prozess.

Im Angesicht dieser Leute jedenfalls kamen Benneckenstein Zweifel. Zum einen wegen der für die Szene typischen Zerstrittenheit der einzelnen Akteure. Zweifel aber auch, weil die Autorin selbst ideologisch gefestigter war als die meisten ihrer Kameraden. Ihre Top-Themen waren nicht Bier, Rassismus, Schlägereien oder rechtsradikale Musikgruppen, sondern sie interessierte sich für Themen wie "Die Frau im Nationalsozialismus". Den Kameraden, ob nun in der NPD oder bei den militanteren Gruppen, bescheinigt sie dagegen, nationalsozialistische Werte eben nicht konsequent zu leben. Etwa wenn es um das Ideal des gesunden Körpers geht oder um das Thema Disziplin. Benneckenstein war schon als Teenager leicht desillusioniert, den Absprung schaffte sie trotzdem erst ein paar Jahre später, was ebenfalls typisch ist für Szene-Mitglieder, die eigentlich keine mehr sein wollen.

Schwangerschaft und die Frage: 'Will ich mein Kind völkisch erziehen?'

Heidi Benneckenstein - Ein Deutsches Mädchen
Heidi Benneckenstein - Ein Deutsches Mädchen Bildrechte: Tropen Verlag

Erste Zweifel an den Werten ihrer eigenen Familie waren der Autorin bereits im Alter von 12 Jahren gekommen. Später als Teenager wurde es damit nicht besser. Aber auch von anderen Aussteigern wissen wir, wie lange so eine Abkehr vom Rechtsextremismus dauern kann. Bei den meisten spielen einschneidende Erlebnisse die entscheidende Rolle – Gewalterfahrungen zum Beispiel. Bei Benneckensetein war es eine Schwangerschaft im Alter von 17 Jahren. Da bekam ihr Weltbild die Risse, die sich nicht mehr schließen ließen.

2009 war sie zu ihrem Freund Felix nach München gezogen, und das junge Paar musste sich eben kritisch selbst fragen, soll unser Kind tatsächlich völkisch erzogen werden auf Grundlage nationalsozialistischer Ideologie?

Benneckensteins Ausstiegsgeschichte ähnelt anderen Berichten, die ich als Reporter etwa aus Interviews mit ehemaligen Rechtsextremisten kenne. Beispielsweise von einem ehemaligen Kameradschaftsführer oder von einem ehemaligen Bundesvorstand der NPD. Die Zweifel, die Anfechtungen, das Verdrängen. Politisch militante Szenen ähneln da stark religiösen Sekten oder Psychogruppen. Und auch Benneckenstein beschreibt, weshalb der Ausstieg oft langwierig und kompliziert ist – schließlich bricht da eine vollständige Identität in sich zusammen. Und nicht zuletzt geht es dabei ja auch häufig um Gewalt. Noch heute, immerhin sechs Jahre nach ihrem Ausstieg, bewegt sich die Autorin besonders wachsam und vorsichtig durch den öffentlichen Raum, aus Angst vor Rache.

Angaben zum Buch: "Ein Deutsches Mädchen"
von Heidi Benneckenstein unter Mitarbeit von Tobias Haberl
erschienen im Tropen Verlag
3. Druckaufl. 2017, 252 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-50375-3

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 04. Dezember 2017 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2017, 12:11 Uhr

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