Ein Hauch von Venus - Aufführung an der Staatsoper in Dresden.
Venus (Johanna Spantzel) kümmert sich hier um den Polizeileutnant (Dietrich Seydlitz) Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Kai-Uwe Schulte-Bunert

Musical-Premiere in Dresden "Ein Hauch von Venus" – letzte Neuinszenierung unter Intendant Schaller

Mit dem Ende dieser Saison verabschiedet sich nach 16 Jahren Wolfgang Schaller als Intendant der Staatsoperette in Dresden. Die letzte Premiere in seiner Zeit ist die musikalische Komödie "Ein Hauch von Venus" in zwei Akten mit der Musik von Kurt Weill. Weil es ein Anliegen für Wolfgang Schaller ist, durch Aufführungen der Werke vertriebener oder verbotener Künstler an dieses Kapitel deutscher Geschichte zu erinnern, feierte am Samstag Kurt Weills größter Broadwayerfolg von 1942 seine Dresdner Erstaufführung. Unserem Kritiker hat vor allem die musikalische Umsetzung gefallen.

von Boris Gruhl, MDR KULTUR-Kritiker

Ein Hauch von Venus - Aufführung an der Staatsoper in Dresden.
Venus (Johanna Spantzel) kümmert sich hier um den Polizeileutnant (Dietrich Seydlitz) Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Kai-Uwe Schulte-Bunert

Die Staatsoperette Dresden brachte in Erstaufführung Kurt Weills größten Broadwayerfolg von 1942 auf die Bühne. Es ist die letzte Premiere in der 16-jährigen Wirkungszeit von Wolfgang Schaller als Intendant dieser Bühne.

Das Musical beginnt in einer privaten Akademie des New Yorker Millionärs und Kunstsammlers Whitelaw Savory. Er ist eigentlich ein leidenschaftlicher Förderer der modernen Kunst, nennt aber jetzt eine 3000 Jahre alte Statue einer Venus, die ihn noch dazu an seine Jugendliebe erinnert, sein eigen. Diese Venus ist aus Anatolien, auf so ganz legalem Weg ist sie ganz sicher nicht nach New York gekommen.

Aber die sonderbaren Dinge der Komödie nehmen ihren Lauf, wenn der junge Friseur Rodney mal so aus Scherz der Statue den Verlobungsring seiner Freundin an den Marmorfinger steckt. Da wird die Venus lebendig und verliebt sich in den Friseur. Der ergreift die Flucht, wird als Kunstdieb verdächtigt und verfolgt.

Venus jedoch versteht die Hektik der modernen Großstadt nicht. Dass die Menschen sich nicht ansehen, keine Zeit füreinander, für die Liebe haben – wie denn auch "in 40 Minuten Mittagspause". Sie singt "Ich fühl mich fremd in dieser Welt."

Venushauch

Klar führt die Geschichte letztlich zu einem guten Schluss, wenn auch nicht mit einem üblichen Happy End. Immerhin kommt Rodney noch ins Gefängnis, Venus verlässt ihn nicht, seine nervige Verlobte Gloria schnippt sie einfach ans andere Ende der Welt. Und Rodney verliebt sich in die ganz und gar nicht göttliche Göttin. Da gibt es dann den schönsten Song für beide: "Sprich leis'".

Aber wenn es dann doch ganz schön eng wird, Rodney zum spießigen Schwärmer wird, mit genormtem Siedlungshaus in der "Neuen Heimat", dann wird's Frau Venus mulmig. Also wieder zurück in die göttliche Gesellschaft im Olymp, auf Erden als Statue. Der Kriminalfall ist gelöst, die Verlobung auch und Rodney ist ganz gelöst in der Gegenwart angekommen, spürt diesen Hauch von Venus, wenn er das göttliche Ebenbild in einer Kunststudentin zu erkennen meint und beiden eben mal so, mitten im Alltag, dieser Gänsehaut-Effekt widerfährt.

Ein Hauch von Venus - Aufführung an der Staatsoper in Dresden.
Winnie Böwe spielt die Rolle der Sekretärin Molly Grant mit der spitzen Zunge Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Kai-Uwe Schulte-Bunert

Bemühter Humor

Das Stück ist etwas bieder inszeniert, die Choreografien auch. Wenn auch die Story ja eigentlich eine absurde Komik haben könnte, der Witz bleibt bemüht, die Handlung, besonders im ersten Teil, zieht sich. Auch wenn alles zunächst in die 60er-Jahre verlegt wird, bis zum Ende fast gegenwärtig wird, die Witze zünden nicht so recht.

Es könnte so etwas wie eine Grundidee der Inszenierung sein, den Chancen dieses Hauchs von Venus nachzugehen, also diesen Spuren eines fast verloreneren Lebensgefühls liebevoller und vorurteilsfreier Wahrnehmung. Das bringt am besten das Bühnenbild von Hans Kudlich herüber: abgebrochene Brücken, ziellose Straßen, hohe Fronten, grauer Beton, Varianten rascher Veränderung für die Andeutungen der Spielorte auf der Drehbühne. Stadtlandschaften, grau mit schwarzen Schatten und kein Hauch von Venus.

Musikalisch stark

Auf der musikalischen Seite liegt wieder mal die Stärke des Abends. Hier spürt man am ehesten etwas von diesem Hauch von Venus, von der Kunst, die berührt. Es klingt amerikanisch und europäisch im Zusammenklang, jazzig flott oder swingend, auch mal mit hingehauchtem Gefühl, Melancholie wie im Kino. 

Und mit Jannik Harneit bekommt dieser nette Friseur, dem das Leben da mal einen Streich der Gefühle spielt, genau jene verunsichernde Darstellung eines Menschen, dem man nur wünschen kann, dass es nicht die letzte Venus war, die er zum Leben erweckte. Und dass vor allem auch er selbst dann mal mit allen Sinnen, vor allem ganz sinnlich, erwacht.

Ein Hauch von Venus - Aufführung an der Staatsoper in Dresden.
Venus in der Götterwelt Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Kai-Uwe Schulte-Bunert

Johanna Spantzel als Venus kann da mit ihrer zurückhaltenden Darstellung wohl noch nicht allzu viel ausrichten. Ganz und gar nicht zurückhaltend – warum auch – ist hingegen Christian Grygas als Millionär und Kunstmäzen. Schön, dass da auch mal Ironie aufblitzt und er mit Winnie Böwe als Sekretärin Molly Grant eine Partnerin hat, die das ganze Spiel um Schein und Sein genüsslich durchschaut und mit flotten Sprüchen kommentiert.

So richtig Schwung gibt's aber erst, wenn keiner mehr sagt, was sie alle machen sollen oder nicht, zum begeisterten Schlussapplaus. Da lassen sie die Rollen fahren und rocken ab, da tanzt der Geist der Freiheit, da weht er nicht nur, da stürmt er schon mal, der frische Wind von Venus – etwas spät, nach 2,5 Stunden.

Das Stück "Ein Hauch von Venus" ("One Touch of Venus")
Musical Comedy in zwei Akten
Musik von Kurt Weill
Gesangstexte von Ogden Nash

Staatsoperette Dresden
Besetzung:
Whitelaw Savory - Christian Grygas
Molly Grant - Winnie Böwe
Rodney Hatch - Jannik Harneit, Gero Wendorff
Venus - Johanna Spantzel

Ballett der Staatsoperette Dresden
Chor der Staatsoperette Dresden
Orchester der Staatsoperette Dresden
Musikalische Leitung: Peter Christian Feigel
Inszenierung: Matthias Davids

Aufführungen:
Sonntag, 22. Juni, 15:00 Uhr
Dienstag, 25. Juni, 19:30 Uhr
Freitag, 12. Juli, 19:30 Uhr
Samstag, 13. Juli, 19:30 Uhr
Sonntag, 14. Juli, 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juni 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Juni 2019, 11:58 Uhr

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