Wie geht es der Kulturlandschaft? Statt Welttournee jetzt Grundschullehrer: ein Jahr Corona

Vor einem Jahr erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Covid-19 eine Pandemie ist. Kurz darauf wurden Einreiseverbote verhängt, Geschäfte und Einrichtungen geschlossen, der erste Lockdown begann – und auch die Kultur kam in vielen Bereichen zum Erliegen. Ein Jahr ist das inzwischen her – ein Jahr, das die Welt verändert hat. Wie ist es den Menschen inzwischen ergangen? Wir haben uns bei Markneukirchener Instrumentenbauern und Musikern des Vokalensembles amarcord erkundigt.

amarcord aus Leipzig
Bildrechte: Martin Jehnichen

Nach einem Jahr Pandemie sind nicht nur Bühnenkünstler finanziell und mental schwer angeschlagen, auch die zahllosen Gewerke, die mit ihr in Verbindung stehen. Markneukirchen, im vogtländischen Musikwinkel, ist mit seinen vielen kleinen und großen Manufakturen zur Herstellung von Orchesterinstrumenten weltberühmt, deren Instrumente zählen zur absoluten Spitzenklasse. Doch dann kam Corona.

Volle Auftragsbücher – und dann der Absturz

 In der Meisterwerkstatt für Metallblasinstrumente Jürgen Voigt in Markneukirchen begutachtet Firmenchefin Kerstin Voigt am 03.12.2013 Schalmeien
Kerstin Voigt Bildrechte: dpa

Kerstin Voigt von der Blechinstrumenten-Manufaktur Voigt-Brass beschreibt, wie sich die Lage in dem Corona-Jahr entwickelt hat: "Wir hatten 2019 ein extrem gutes Geschäftsjahr. Wir sind eigentlich deshalb nicht in den Schlaf gekommen, weil wir nicht wussten, wie wir mit dem vorherrschenden Personal all die Aufträge abarbeiten konnten – und sind dann von einem Moment auf den anderen mehr oder weniger zum Nichtstun verurteilt gewesen. Und das hat mich sehr mitgenommen." Voigt spürte mehrfach Existenzangst für sich und ihre Familie.

Wir leben im Moment von der Hand in den Mund, also von dem Auftrag, der heute reinkommt und den wir dann morgen ausliefern können oder bearbeiten können. Aber wir haben keine langfristigen Perspektiven.

Kerstin Voigt Blechinstrumenten-Manufaktur Voigt-Brass
Ekkard Seidl
Geigenbaumeister Ekkard Seidl Bildrechte: dpa

Geigenbaumeister Ekkard Seidl schätzt, dass er und seine Kollegen 70 Prozent weniger Umsatz mit Reparaturen hatten und beim Neubau nur noch die Hälfte. Da derzeit der Kontaktaufbau zu Kunden praktisch nicht möglich ist, sei der Gewinn neuer Kunden momentan extrem schwierig. Es gibt keine Ausstellungen, die Orchester spielen nicht und Festivals finden auch nicht statt, so Seidl.

Wir haben keine Kundenkontakte gehabt in 2020. Wir haben keine Messen gehabt, keine Ausstellungen. Wir haben nur von den bereits gefüllten Auftragsbüchern gelebt. Aber wir haben natürlich keine neuen Aufträge dazugewinnen können.

Kerstin Voigt Blechinstrumenten-Manufaktur Voigt-Brass

Musiker verkaufen ihre Instrumente

Die Lage sieht auch aus Sicht der potentiellen Kunden schlecht aus, was sich auch langfristig auf die Instrumentenbauer auswirkt. Voigt spürt in den sozialen Netzwerken, dass viele Musiker "ihre Instrumente verkaufen, sich in anderen Branchen Lohn und Brot suchen, damit sie das Überleben können. Und bis diese Musiker irgendwann wieder so viel Geld verdienen, um in neue Instrumente zu investieren oder einen Reparaturbedarf für ihre Instrumente haben, da wird viel Zeit ins Land gehen und das wird sich auch auf absehbare Zeit nicht so schnell erholen."

Stillstand für Musiker

Man muss sogar von Glück sprechen, wenn die Musiker noch etwas anderes erlernt haben, das ihnen nun den Lebensunterhalt zu sichern hilft. Zum Beispiel der Arzt Daniel Knauft vom Leipziger Vocal-Ensemble amarcord. Er hat sich als Impfarzt gemeldet, und geht mit einem mobilen Impfteam in Einrichtungen des betreuten Wohnens, um dort über 80-Jährigen den Schutz vor Corona zu injizieren. Von ihnen spürt er große Dankbarkeit.

Holger Krause
Holger Krause arbeitet derzeit als Lehrer Bildrechte: MDR/Hendrik Kirchhof

Sein Ensemblekollege Holger Krause ist inzwischen als Quereinsteiger an einer Grundschule als sogenannter Verstärker-Lehrer beschäftigt. Er erteilt Förderunterricht für die Klassenstufen eins bis vier. Seine große Leidenschaft, das Singen, ist allerdings auch hier nicht erlaubt, maximal summen dürfen die Schulkinder.

Eigentlich singen der Arzt und der Lehrer mit drei Kollegen seit 30 Jahren hauptberuflich und sehr erfolgreich in dem weltberühmten Vocal-Ensemble amarcord. Was ihnen durch die Corona-Pandemie entgeht beschreibt Knauft:

Wir wären im April in die USA gefahren für zwei Wochen. Wir wären im Herbst nach Taiwan und Japan gefahren. Tourneen, auf die wir uns wahnsinnig gefreut haben. Und das brach dann nach und nach weg und wir mussten die Absagen der Konzerte und Tourneen sozusagen zur Kenntnis nehmen.

Daniel Knauft Ensemble amarcord

Musiker und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 18. März 2021 | 22:05 Uhr

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