Frau liegt auf einem Stein
Die Gegebenheiten der Kirche werden für die Aufführung genutzt. Bildrechte: Ida Zenna

Ballettkritik Erotischer "Sommernachtstraum" in Zwickauer Kirche

Für den Shakespeareforscher Jan Kott ist der "Sommernachtstraum" das erotischste Stück des Meisters. Alles wie geschaffen für den Tanz. Zur Schauspielmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy gibt es etliche Choreografien. Jetzt auch in Zwickau. In der neogotischen Lukaskirche! Boris Gruhl hat die Premiere besucht und ist mit MDR KULTUR im Gespräch.

Frau liegt auf einem Stein
Die Gegebenheiten der Kirche werden für die Aufführung genutzt. Bildrechte: Ida Zenna

Wer könnte besser als Shakespeare das Komische traurig und das Ernste komisch machen und der Gewalt des anarchischen Eros Tribut zollen? Seine Komödie "Ein Sommernachtstraum" ist für Alfred Polgar "die Dichtung, die die Erde tanzen macht".

Die Handlung ist turbulent: Die Einen sollen sich kriegen, die Anderen wollen sich kriegen. Ein Paar ist zerstritten, Zwei Männer lieben dieselbe Frau und die liebt den der anderen und ein Handwerker irrt mit der Maske eines Esels durch den Wald. An alle verteilt Puck, der faunische Droll, seinen Wundersaft. Die Säfte steigen, das Fleisch wird willig, und alle, die in diesem Sommernachtstraum zusammenkommen, genießen es in vollen Zügen, denn sie verfallen beim Erwachen aus Pucks sommernächtlichen Träumen hoffnungslos dem Wesen, das ihnen zuerst begegnet. Das kann eben auch ein Esel sein. Für MDR KULTUR hat Kritiker Boris Gruhl das Stück gesehen.

MDR KULTUR: Ballett in der Kirche, wie geht das? Wie wird ein Raum, der ja selbst schon so viel vorgibt, zum Ort für den Tanz, für einen "Sommernachtstraum"?

Boris Gruhl: Das habe ich mich auch gefragt, an Tanz zu geistlicher Musik ist man ja inzwischen gewöhnt, aber der "Sommernachtstraum" nach Shakespeare?

Mehrere Menschen, einer davon mit einer Eselsmaske, tanzen auf einer Bühne
Auch der Esel ist in den Tanz integriert Bildrechte: Ida Zenna

Aber ich war gestern Abend vom ersten Moment an gebannt. Die Faszination wurde immer stärker. Was auch viel mit der besonderen Raumwirkung zu tun hatte, denn diese wurde einbezogen in die Inszenierung, in die Choreografie von Annett Göhre, in der Ausstattung von Mireia Vila Soriano und im Licht von Enrico Burek auf der großen freien Fläche vor dem Orchester.

Zunächst ist es ja noch hell, der Raum mit den großen Kirchenfenstern entfaltet seine Wirkung. Langsam dunkelt es, die Sommernacht beginnt. Im Raum entfalten die Lichter an den Pulten des Orchesters einen besonderen Zauber, zunächst mit den sanften, romantischen Klängen der Schauspielmusik zum "Sommernachtstraum" von Felix Mendelssohn Bartholdy. Und der Tanz kommt aus der Musik, wenn die Tänzerin Yun Yeh als Oberons Waldgeist Puck auftritt und das Spiel der Irrungen und Wirrungen beginnt: Puck zunächst, dann auch die anderen Tänzerinnen und Tänzer bewegen transparente Vorhänge mit männlichen und weiblichen Bildmotiven, die sich im Licht immer wieder verändern. So gibt es Gassen und Räume, Menschen können sich verirren, verstecken, so dass Musik und Raum ineinander übergehen. Dazu die Bewegungen des Tanzes, eben ein Sommernachtstraum.

Zur Musik: Mendelssohn Bartholdys Schauspielmusik wird ergänzt durch Kompositionen von Stravinsky und Albert Roussel und es gibt Improvisationen am Klavier. Wie erschließt sich das dramaturgisch?

Mendelssohns Musik ist geprägt vom sanften Klang der Romantik, vom nächtlichen Elfenzauber, von den Sehnsüchten der Menschen, die zueinander kommen möchten. Aber wenn die ersten Konflikte kommen, wenn Titania und Oberon streiten, dann geschieht dies zu kontrastierender Musik des 20. Jahrhunderts von Roussel. Wenn es zu den Verirrungen im nächtlichen Wald kommt, dann erklingt Strawinskys rhythmisches Oktett für Holzbläser. Und ein toller Einfall ist es, wenn Titania mit den in einen Esel verwandelten Handwerker Zettel tanzt, dann tanzt der Esel Tango, diesen Tango von Stravinsky kannte ich bisher nicht.

Und wenn am Ende die Handwerker zu den drei Hochzeiten die Tragödie von Pyramus und Thisbe aufführen, wenn sie so wunderbar tragikomisch, pantomimisch-tänzerisch aus den Rollen fallen und wieder hineinstolpern, dann improvisiert dazu Paul Gertitschke am Klavier, da geht dann einfach mal der Mond auf. Und wenn sich die Menschen dann fragen, ob das alles nur ein Traum war, wer sie denn überhaupt sind und warum sie solche Träume haben, dann legen die zwölf Tänzerinnen und Tänzer die Kostüme ab zum nachdenklichen Streicherklang des 2. Satzes aus Roussels Sinfonietta.

Tanz, Musik, Raum und Licht. 17 Szenen, für 12 Tänzerinnen und Tänzer. Aber insgesamt gilt es ja, viel mehr Personen in diesem Sommernachtstraum Gestalt zu geben?

Außer Yun Yeh als Puck wechseln alle ihre Rollen, das machen sie grandios. Als Elfen bewegen sie blitzschnell die Hände auf den Rücken, im nächsten Moment sind sie wieder Handwerker, oder die adligen Athenerinnen und Athener, Hermia und Lysander, Helena und Demetrius.

Eine Frau und ein Mann tanzen auf einer Bühne
Miyu Fukagawa und Federico Politano Bildrechte: Ida Zenna

Stellvertretend für die wunderbaren Traumtänzerinnen und Traumtänzer nenne ich mal Federico Politano und Miyuko Fukagawa als Herzog Theseus von Athen und die Amazonenkönigin Hippolyta, die eben auch das zerstrittene Elfenkönigspaar Oberon und Titania sind. Das macht aber alles Sinn.

In Annett Göhres Choreografie sind Menschen auf der Suche nach sich selbst. So kommen auch unterschiedliche Stile des Tanzes und des Balletts zusammen. Das geht von neoklassischen Zitaten schönster Hebefiguren im Pas de deux ganz schnell über in zeitgenössischere Varianten des Balletts. Die Tänzerinnen und Tänzer sind immer authentisch, individuell und glaubwürdig, als sei es für sie lebensnotwendig, immer wieder durch Parallelwelten zu tanzen. Und dies in wunderbarer Musikalität, als hätten sie diese Klänge in sich und staunten darüber, dass sie sie hören können, dass sie sich danach bewegen in diesem "Sommernachtstraum".

Natürlich gehen entscheidende Klangimpulse vom Spiel des Philharmonischen Orchesters Plauen-Zwickau unter der Leitung von Vladimir Yaskorski aus. Da spannt sich ein Bogen vom zarten Streicherklang des flirrenden Beginns über die Dynamik der musikalisch gestalteten Irrungen und Wirrungen bis zum wiederum sehr zarten Ausklang, wenn die Paare vorerst glücklich abgehen, wenn das Herrscherpaar versöhnt ist, wenn die Handwerker heimkehren, aber Puck allein bleibt. Sein Weg führt zurück in die Musik, so endet diese Choreografie einer Shakespeareschen Tragikomödie, eben einer Dichtung, die die Erde tanzen macht.

Das Ballett "Ein Sommernachtstraum"

Ballett von Annette Göhre nach William Shakespeare
Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Igor Stravinsky, Albert Roussel
Choreografie/Inszenierung: Annett Göhre Bühne/Kostüme: Mireia Vila Soriano
Improvisation am Klavier: Paul Gertitschke Philharmonisches Orchester Plauen-Zwickau Dirigent: Vladimir Yaskorski

Ballett der Theater Plauen-Zwickau in der Zwickauer Lukaskirche

Aufführungen: Freitag, 18. Mai (Premiere)
19.+20. Mai, 20:00 Uhr
20. Mai, 18:00 Uhr
23. Mai, 20:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Mai 2018 | 08:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Mai 2018, 12:27 Uhr