Bewaffnete Arbeiter und Soldaten in München während der Novemberreolution 1918
Bewaffnete Arbeiter und Soldaten in München während der Novemberreolution 1918 Bildrechte: dpa

Historiker Gescheitert, verraten, unterschätzt - Eine neue Sicht auf die Novemberrevolution

100 Jahre ist es her, dass die Monarchie abgeschafft wurde und die Demokratie Einzug hielt. Hat dieses Ereignis heute noch einen Bezug zu uns? Gibt es da etwas zu feiern oder ist das eher ein nachdenklich machendes, kritisches Datum. Lange Zeit gingen die Meinungen darüber auseinander. Mittlerweile hat sich dies aber deutlich geändert.

von Stefan Nölke, MDR KULTUR - Geschichtsredakteur

Bewaffnete Arbeiter und Soldaten in München während der Novemberreolution 1918
Bewaffnete Arbeiter und Soldaten in München während der Novemberreolution 1918 Bildrechte: dpa

Von einer "vergessenen Revolution" - wie manche Historiker moniert haben - kann in diesen Tagen keine Rede sein. Ganze Berge von Büchern sind jetzt aus Anlass des 100. Jahrestages über die Novemberrevolution erschienen. Einige sind schon im Titel sehr plakativ: "Lob der Revolution" lautet der Titel von Sven Felix Kellerhoff und Lars-Broder Keil, zwei Redakteure der Mediengruppe "Die Welt". Die Revolution habe innerhalb weniger Tage und Monate eine ganze neue demokratische Kultur etabliert, sagt Sven Felix Kellerhoff: "Rechte wie Versammlungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit, natürlich Pressfreiheit, ein allgemeines, freies, gleiches und geheimes Wahlrecht - auch für Frauen."

Sehr viele Dinge, die uns in der heutigen Bundesrepublik selbstverständlich erscheinen, wurzeln in den wenigen Monaten der Revolution 1918/19.

Sven Felix Kellerhoff, Historiker

War die Republik eine "Sturzgeburt"?

Kaiser Wilhelm II. 60 min
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Vor 100 Jahren gingen auch in Mitteldeutschland 1000 Jahre Monarchie zu Ende. Wie verlief dieser epochale Wechsel? Eine Werkstatt von Stefan Nölke.

MDR KULTUR - Das Radio Di 06.11.2018 22:00Uhr 60:03 min

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Dabei hatte es die Revolution von Anfang an nicht leicht. Die Abschaffung der Monarchie war für viele Menschen - vor allem aus den bürgerlichen und bäuerlichen Milieus - ein Schock. Über 1.000 Jahre hatte es eine Obrigkeit gegeben, an deren Spitze - bis auf die wenigen Stadtrepubliken - Fürsten standen, die sich von Gott eingesetzt sahen. Das entsprach ja auch der Lehre der Kirche. Die Leute kannten nichts anderes und teilweise, wie in Sachsen zum Beispiel König Friedrich August, waren diese Monarchen ja auch populär.

Die Republik sei eine "Sturzgeburt", sagt etwa der Historiker Lothar Machtan, der gerade ein Buch mit dem Titel "Kaisersturz" geschrieben hat. Seine These: Hätte man 1918 eine parlamentarische Monarchie in Deutschland etabliert, so wie es der Parteivorsitzende der Mehrheitssozialdemokraten, Friedrich Ebert, bis zum 9. November im Sinn hatte, wäre uns Hitler womöglich erspart geblieben.

Das ist meine feste Überzeugung, dass eine wirklich modernisierte Monarchie mit einem populären Monarchen an der Spitze auf jeden Fall den Handlungsspielraum von solchen Führergestalten wie Hitler ganz erheblich eingeschränkt hätte.

Lothar Machtan, Historiker

Der Historiker Lothar Mactan begründet dies: "Hitler wusste ja vor allen Dingen eines zu bedienen, nämlich den Phantomschmerz vieler Deutscher über den plötzlichen Verlust von Staatsautorität."

Die verratene Revolution?

An dieser Art der Argumentation wird allerdings ein Problem deutlich: Man kann eigentlich nicht über die Novemberrevolution und die Weimarer Republik sprechen, ohne das Scheitern der ersten deutschen Demokratie gleich mitzudenken. Vor allem in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Historiker stets vom 30. Januar 1933 als Fixpunkt ausgegangen und haben nach den Gründen für die deutsche Katastrophe gefragt. Ein Grund für das Scheitern sahen viele Historiker auch im Westen in der Spaltung der Arbeiterschaft. Wie kam es dazu: Friedrich Ebert und die Mehrheitssozialisten wollten unter allen Umständen verhindern, dass es nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg zu einem blutigen Bürgerkrieg wie 1917 in Russland kommt. Deshalb misstraute er den Arbeiter- und Soldatenräten, die die Revolution vorangetrieben hatten. Fatalerweise tat sich der erste Reichskanzler der Republik mit dem Chef der Obersten Heeresleitung Wilhelm Groener zusammengetan. In der Folge gingen rechtsextremen Freikorpstruppen brutal gegen alle vermeintlichen Spartakisten vor.

Friedrich Ebert
Friedrich Ebert Bildrechte: dpa

Der verstorbene Berliner Historiker Sebastian Haffner hat den Sozialdemokraten in dem Zusammenhang Verrat vorgeworfen. "Was Ebert objektiv getan hat ist, dass er in dieser Lage, (…) die gegenrevolutionäre Unordnung der revolutionären Unordnung vorgezogen hat, am liebsten hätte er die Ordnung gehabt, aber die war nicht zu haben in diesem Augenblick", beschreibt Haffner Eberts vorgehen. "

Er [Friedrich Ebert, Anm. d. Red.] hat gesagt: 'Ich bin eure Revolution. Wir Sozialdemokraten haben nun endlich erreicht, was wir immer wollten.' Und dann hat er von hinten die Nazis herangewinkt (...).Das nenne ich einen Verrat.

Sebastian Haffner, Historiker (1968)

"Die verratene Revolution" hieß ein berühmtes, vielgelesenes sehr einflussreiches Buch, das 1968 in Westdeutschland erschien.

Streit in Ost und West über die Novemberrevolution

Im Westen haben sich die Historiker seit den 70er Jahren daran gemacht, die Politik der Arbeiter- und Soldatenräte genauer zu erforschen. Dabei ist ein differenziertes Bild entstanden. Erstens waren die Räte unterschiedlich ausgerichtet - es gab gemäßigte, gemäßigt radikale und solche, die ein sowjetisches Modell, ein bolschewistisches Modell favorisierten. Wobei letztere offensichtlich in der Minderheit waren. Insofern hat Friedrich Ebert die Gefahr, dass die Revolution eine Entwicklung wie in Russland nimmt, überschätzt.

In der DDR dagegen sah man allein in diesen bolschewistisch ausgerichteten Räten die wahren Revolutionäre. So wurde der 50. Jahrestag in Berlin Hauptstadt der DDR groß gefeiert. Mit dabei waren auch noch einige ehemalige Spartakisten der ersten Stunde, denen Erich Honecker zurief: "Euer Kampf war nicht umsonst, wofür ihr eure ganze Kraft gegebn und euer Leben eingesetzt habt, dass ist heute in unserer sozialistischen demokratischen Republik Wirklichkeit."

"Die größte aller Revolutionen"

Tatsächlich waren die Spartakisten stark in der Minderheit, wie die Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 eindeutig belegen. Darauf verweist der in Dublin lehrende Historiker Robert Gerwarth, der gerade ein Buch mit dem programmatischen Titel "Die größte aller Revolutionen" publiziert hat. Die Unterstützung für die Demokratie sei viel größer gewesen, als man gemeinhin angenommen habe.

Insofern war die Novemberrevolution 1918 für Gerwarth ein durchaus hoffnungsvoller "Aufbruch in eine neue Zeit". Die Weimarer Republik nur als Vorspiel der Nazi-Diktatur zu begreifen, wie lange geschehen, davon haben sich die Historiker nun 100 Jahre nach der Novemberrevolution weit entfernt.   

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: MDR KULTUR Spezial | 09.11.2018 | 18:05 Uhr

weitere Themen:
- Kalenderblatt: 1918 – Ende des Kaiserreichs
- Die größte aller Revolutionen?
- Die Novemberrevolution auf Twitter

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2018, 09:40 Uhr

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