"Alles in Allem" Immer noch Freigeister: Einstürzende Neubauten bringen Jubiläumsalbum heraus

Sie waren die Bilderstürmer der Rockmusik. Krach und Avantgarde trafen bei der Westberliner Band um Sänger Blixa Bargeld zusammen. Zwölf Jahre haben die Neubauten nichts mehr einstürzen lassen. Nun erscheint im vierzigsten Jahr ihres Bestehens das Album “Alles in Allem”. Vielleicht hauen einem die Neubauten nicht mehr so den Krach um die Ohren wie früher, aber ihren Prinzipien als Freigeister sind sie treu und auf ihre Art auch jung geblieben, findet unser Kritiker Johannes Paetzold.

Sänger Blixa Bargeld der Band Einstürzende Neubauten während eines Konzertes  im Rahmen des Mera Luna Gothic Festivals in Hildesheim. 11 min
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MDR KULTUR - Das Radio Sa 23.05.2020 14:00Uhr 10:41 min

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Seit 40 Jahre gibt es die Band Einstürzenden Neubauten, in der ein Kommen und auch ein Gehen herrschte. Immer dabei war Sänger Blixa Bargeld. Und N. U. Unruh – nennen wir ihn Schlagzeuger. Rudolf Moser, Jochen Arbeit und Alexander Hacke sind seit inzwischen 20 Jahren ebenfalls feste Mitglieder. Laut Blixa Bargeld "die glücklichste und stabilste und beste Formation. Vorher war immer sehr offen. Man wusste nie, wo oder wann man ein Album aufnehmen würde, wie und wo man Geld investieren sollte, wenn wir mieten oder kaufen. Das war ja alles immer nur gemietet – unökonomisch und chaotisch."

Vom Grübeln zum Album

Nach den wilden Berliner Anfangstagen ist Blixa Bargeld um die Welt gezogen. Er lebte lange in San Francisco, dann in Peking, heiratete, wurde Vater. Heute wohnt er wieder in Berlin:

Januar 2019 bin ich aus Hongkong nach Berlin gekommen und lag im Jetlag sozusagen. Da wurde mir nachts im Grübeln klar: Ich muss noch ein Neubauten-Album machen.

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Jochen Arbeit (l-r), Rudolf Moser, Blixa Bargeld, N. U. Unruh und Alexander Hacke von der Band Einstürzende Neubauten 6 min
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Nach zwölf Jahren un pünktlich zum 40. Jubiläum gibt es ein neues Album der "Einstürzenden Neubauten". Ruhiger, aber immer noch experimentell, findet MDR KULTUR-Musikkritiker Johannes Paetzold.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 15.05.2020 15:30Uhr 05:32 min

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Mit "Alles in Allem" ist dieses Grübeln nun auf Albumlänge – mit Extra-Stücken, Deluxe Edition und Begleitbuch – hörbar und lesbar geworden. Finanziert wurde es durch die vielen Spenden einer Crowdfunding-Kampagne. Dieses Modell ist in der heutigen Musikszene sehr verbreitet, doch die Neubauten haben damit schon viel früher begonnen, erzählt Bargeld: "Als wir 2002 damit angefangen haben, da gab es den Begriff Crowdfunding noch gar nicht. Meine Frau hat das quasi erfunden, hat den Code geschrieben und eine ganze Plattform für uns gebaut."

Inspiration Berlin

Auf "Alles in Allem" treffen wir Blixa Bargeld "Am Landwehrkanal", wo Rosa Luxemburg im Jahr 1919 ermordet wurde. Andere Stücke tragen Namen wie Tempelhof, Grazer Damm oder Wedding. Auch wenn es bei "Wedding" eher um dadaistische Lautmalerei geht und nicht den Stadtteil, so sind die Berlin-Bezüge sehr deutlich. Das hat auch die Arbeit an dem Album geprägt, erinnert sich der Musiker.

Der Fernsehturm überragt alle Gebäude rund um den Alexanderplatz.
It "Alles in allem" das Berlin-Album der Neubauten? Bildrechte: dpa

"Am Anfang dieser Arbeit hat mich Alexander Hacke gefragt: Gibt es denn irgendein Konzept oder irgendeine Idee, an dem man sich entlang hangeln könnte? Vielleicht hat es etwas mit Berlin zu tun, habe ich ihm da gesagt. Warum ich das gesagt habe, weiß ich jetzt nicht mehr. Aber in der Arbeit gab es ein Stück namens “Welcome zu Berlin”. Das war auch eine ganze Zeit lang immer der Kandidat für den Albumtitel. Aber letztendlich ist das Stück berechtigterweise nicht auf der Platte gelandet."

Kinder des Schrottplatzes

Einstürzende Neubauten live auf der Documenta 7, 1982
Einstürzende Neubauten in einer frühen Besetzung 1982 in Kassel. Bildrechte: IMAGO

Auch im 40. Jahr ihres Bestehens bleibt die Band ihrem ursprünglichen Sound treu. Gitarre und Bass sind Teil ihrer Musik, aber die Neubauten sind auch Kinder des Schrottplatzes: "Wie wir das meistens in einem Produktionsjahr tun, haben wir versucht, einen Schrottplatz zu finden, der uns rauflässt. Es lässt Dich niemand mehr auf einen Schrottplatz. Versicherungstechnisch geht das nicht mehr. An der polnischen Grenze in Brandenburg habe ich einen passenden Schrottplatz  gefunden. Dann sind wir da hingefahren. Ich habe gefragt, habt Ihr keinen Edelstahl?! Doch, verkaufen wir aber nicht, hieß es dann."

Es geht immer darum Gegenstände zu finden, die wir noch nicht hatten, die eine Geschichte haben. Gegenstände, die man irgendwie so überlisten kann, dass sie etwas von sich preisgeben.

Von solchen Absagen lassen sich die Soundtüftler, die überall in unserem Alltag Musikinstrumente entdecken, wo andere nur eine alte Plastik-Einkaufstasche sehen, nicht abhalten: "Ich habe dann angefangen, in andere Richtungen zu überlegen, um mit etwas Neuem zu arbeiten und mit Taschen wollte ich schon immer arbeiten. Die schreien einen aber nicht als Musikinstrument an. Da musst du schon eine Strategie entwickeln, wie man mit diesem Material umgehen soll. Als erstes habe ich Helium ins Studio bestellt und wollte sie zum Fliegen bringen."

"Alles in Allem" – schwermütig und ruhig

Die Taschen wurden nach vielen Experimenten schließlich mit Lumpen gefüllt. Wer früher Angst hatte, seine Ohren könnten beim Hören einer Platte der Einstürzenden Neubauten bluten - der kann die Berliner Band auf "Alles in Allem" nochmal neu kennenlernen. Es gibt nur einen “Rocker”, wie Blixa Bargeld es nennt: "Ten Grand Goldie". Ansonsten wiegt sich das Album schwermütig. Ruhig. Tief.

Das Cover des Albums "Alles in Allem" der Band Einstürzende Neubauten
Das neue Album "Alles in Allem" der Einstürzenden Neubauten. Bildrechte: dpa

Wer die Band um Blixa Bargeld schon lange begleitet, wird sich in das multimediale Angebot von Videos, Buch, Deluxe Editon stürzen. Die Neubauten selbst lassen auf "Alles in Allem" nichts mehr einstürzen. Aber sie basteln und experimentieren weiter an Soundwerken, die in der Musik einzigartig bleiben. Wer aufmerksam hinhört, erkennt die vielen Schichten in Blixas Texten, die Suche nach Weite und gleichzeitig Passgenauigkeit. Blixa Bargeld läuft weiter in seinem eigenen Paralleluniversum nahe der Realität entlang.

"Früher hatte ich immer den Drang, da und da muss noch etwas passieren, sonst wird das langweilig. Den Platz eigentlich zugemöbelt. Und das ist jetzt nicht so. Wir lassen den Platz zu. Das erzeugt vielleicht das Unaufgeregte."

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