Die vier Musiker der Band "Elbow"
Die vier Musiker der Band "Elbow" laden den Zuhörer auf dem neuen Album ein, auf eine Reise durch ihre Lebenswelt mitzukommen. Bildrechte: Universal Music

Neues Album "Giants of All Sizes" von Elbow – erwachsener, souveräner Britpop

Die britische Band Elbow zählt seit eh und je zu den Lieblingen unter Kritikern. Gepriesen wird die charismatische Stimme des Sängers Guy Garvey, die dezent rockenden Sounds, die es aber auch mal bis zur Orkanstärke schaffen, und die schlichte Eleganz. Mit "Giants of All Sizes" haben sie nun ein neues Album herausgebracht.

Jan Kubon, Musikredakteur bei MDR KULTUR.
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Jan Kubon, MDR KULTUR-Musikkritiker

Die vier Musiker der Band "Elbow"
Die vier Musiker der Band "Elbow" laden den Zuhörer auf dem neuen Album ein, auf eine Reise durch ihre Lebenswelt mitzukommen. Bildrechte: Universal Music

Die Manchester-Jungs von Elbow bieten auf ihrem neuen Album "Giants of All Sizes" graumelierten Britpop, aber mit neuer Qualität. Als musikalische Essenz der Platte kann der Titel "The delayed 3:15" gesehen werden. Hier kommt alles zusammen, was das Album ausmacht: hymnische Streicher-Arrangements, die sich an Progressive-Rock-Rhytmen schmiegen; die unfassbare Genauigkeit mit der Sänger Guy Garvey seine Melodien über ein scheinbar harmonisch einfaches, aber doch gekonnt und clever gebautes Harmoniegerüst legt.

Die Umarmungsqualität der früheren Elbow-Alben wurde mit dem neuen Album gegen eine mehrschichtige Schönheit eingetauscht. Eine Schönheit, die zwar anfänglich schwer zu durchschauen, aber – und da bleiben Elbow eben Elbow – von geradezu majestätischer Größe ist. Hier werden Angst, Verlust, Liebe – die großen Treibfedern für Kunst – quasi musikalisch chiffriert.

Eine neue, erwachsene Qualität

Die Chiffrierung war für Elbow auch notwendig, denn sie spiegelt die Lebenswelt Band wieder – die bei aller drohenden Verkopftheit von Popmusik – zuerst eben immer noch eins sind: Jungs, die in einer Band spielen, die aber – und das ist die neue Qualität der Band – ganz erwachsen ihre Lebenswelt reflektieren können.

Plattencover Elbow: "Giants of all Sizes"
"Giants of all Sizes" ist das achte Studioalbum von Elbow. Bildrechte: Polydor

Das Private in oder neben den großen, gesellschaftlichen Kontext zu stellen, ist die Aufgabe, der sich Sänger und Texter Guy Gravey mit Erfolg gestellt hat. Wenn er zum Beispiel in "My Trouble" und "Empires" über den Verlust eines geliebten Menschen singt, ist das ganz weit weg von allem, was profan oder beliebig sein könnte. Ebenso wenn er in "White Noise, White Heat" die Gefühle beschreibt, die ihn übermannt haben, als er die Bilder des brennenden Grenfell Tower 2017 in London gesehen hat oder die unerreichbare Vater-Sohn-Liebe in "On Deronda Road" – wo er mantramäßig zu einem Triphop-Arrangement mit sparsamen Gitarren- und Keyboardflächen gerade mal fünf Textzeilen auf über fünf Minuten ausdehnt.

"Giants of All Sizes" zeigt eine Band und einen Sänger, der seinem Leben mit allem Leid, aber auch all seiner Freude und Liebe, sehr erwachsen und souverän begegnet. Und das macht Kunst aus.

Musikalischer Bogen

Guy Garvey, 2014
Elbow-Sänger Guy Garvey Bildrechte: IMAGO

Trotz der Komplexität lohnt es sich, das Album an einem Stück zu hören, denn es gibt einen musikalischen Bogen, der mit wiederkehrenden, clever gesetzten Unterbrechungen am Ende das Album vollendet. Schon der Beginn des Albums – eine 25 Sekunden lange Passage aus einer sich steigernder Klaviersequenz, in die sich ein schiebender, schwerer Rhythmus einschleicht, der dann wieder durch eine Generalpause unterbrochen wird. Allein dieser Teil des Albums lässt erahnen: Als Hitsingle-Band ist Elbow nicht mehr zu haben. Die Zeiten sind vorbei.

Dabei nehmen sich Elbow Zeit, durchschreiten viel musikalisches Terrain – von Progressive Rock, über folkige Klänge, hymnische Streicher und treibende Weltmusik, bis hin zu Arpeggio-basierten Klangwelten wie im Schlusstitel "Weightless", der die logischste aller Elbow-Konsequenzen ist, dieses Album zu beenden. Das Album hätte nicht anders enden können.

Elbow laden auf "Giants of All Sizes" die Zuhörer ein, auf eine Reise durch ihre Lebenswelt mitzukommen – die eben nicht mehr geradlinig und heil ist, sondern die Brüche aufweist. Brüche die man aber erst entdeckt, wenn man ein Leben wirklich lebt und liebt.

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Oktober 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Oktober 2019, 14:32 Uhr

Abonnieren