Das Städtchen Lone Pine am Fuߟe des Mount Whitney.
Der Roman spielt in einer Kleinstatt in den USA Bildrechte: dpa

Buchvorstellung "Alles ist möglich": Elizabeth Strout schreibt gegen die Trostlosigkeit an

Wie ist das Leben in der Provinz, wenn nicht viele Chancen möglich scheinen - und doch jede einen Funken der Hoffnung in sich trägt? Elizabeth Strout erklärt in ihrem neuen Roman geradezu trotzig: "Alles ist möglich". Dabei kehrt sie zu der Romanfigur Lucy Barton zurück, die schon in dem 2016 erschienenen Roman "Die Unvollkommenheit der Liebe" bei ihr eine zentrale Rolle spielte. Für unseren Kritiker steht die geschilderte US-amerikanische Provinz austauschbar für andere.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Das Städtchen Lone Pine am Fuߟe des Mount Whitney.
Der Roman spielt in einer Kleinstatt in den USA Bildrechte: dpa

Die Protagonistin Lucy Barton begegnete den Lesern von Elizabeth Strout bereits in deren 2016 erschienenen Roman "Die Unmöglichkeit der Liebe". Nun kehrt sie in "Alles ist möglich" wieder.

Lucy entstammt einer Familie, die als Außenseiter verspottet wurde und gelegentlich nicht umhinkam, die Mülleimer nach Essbarem zu durchsuchen. Sie scheint es jedoch geschafft zu haben: Im Gegensatz zu ihren Geschwistern Pete und Vicky hat sie das Provinzstädtchen Amgash im US-Bundesstaat Illinois hinter sich gelassen und lebt als Schriftstellerin in New York City.

Doch wie erfolgreich sie auch sein mag: Die "Echos des Schmerzes", den die Vergangenheit ihr bereitete, hallen permanent wider, lassen sich nicht abstellen. Mit Panikattacken reagiert sie, als sie nach einer Lesung ihren Bruder an der alten Elendsstätte besucht.

Spuren des Leids

Elizabeth Strout, Alles ist möglich
Das Buch ist auch als E-Book erhältlich Bildrechte: Luchterhand Verlag

Die Bartons gehören zum Arsenal der Figuren, die Elizabeth Strout in "Alles ist möglich" präsentiert. In neun Geschichten, die aufs Kunstvollste miteinander verwoben sind, entsteht ein Kleinstadtkosmos, der viel Düsternis verbreitet und doch nicht ohne Hoffnungsschimmer ist. Fast alle Strout’schen Akteure leiden mal leise, mal heftig darunter, dass ihr Leben "nicht so verlaufen" ist, "wie sie sich das erträumt hatten".

Nichts, was ihnen widerfuhr, ist wirklich vergessen: sei es für die Alten die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, sei es für die etwas Jüngeren das, was sie im Vietnamkrieg durchzumachen hatten. Man weiß in Amgash, was jeder an Bürden mit sich herumträgt, und begegnet ihnen mit Nachsicht. Wie Menschen im Hier und Jetzt handeln, das erklärt sich fast immer aus den Tiefschlägen, die sie in früheren Lebensphasen abbekamen.

Suche nach Hoffnung

Elizabeth Strout ist eine vorzügliche, zu Recht mit viel Lob bedachte Erzählerin, die keine eindeutigen Erklärungen liefert, Fährten auslegt und Rückblenden anstellt, um die beklemmende Atmosphäre einer Stadt spürbar zu machen, die manches verzeiht, aber nichts vergisst. Missbrauch, Ehebruch, Brandstiftung, Scheidung - keine Katastrophe, die sich hier nicht ereignet, und deshalb greifen die so Erniedrigten nach jedem Strohhalm, der ihnen neue Hoffnung zu geben verspricht.

Da ist der kriegstraumatisierte Charlie Macaulay, der seine Frau einst mit einer Prostituierten betrog, sie dann um ihr Erspartes brachte und nun im hohen Alter mit der übergewichtigen Lehrerin Patty zusammenzukommen scheint. Da ist Lucys Vater Ken, der seine Homosexualität lange kaschierte, oder Dottie Blaine, die eine Frühstückspension betreibt und die Zudringlichkeiten ihrer Gäste kaum noch erträgt.

Eigenwillige Abenteuerlust: Mit 70 erstmals im Bikini

So deprimierend es ist, am "Unglück" dieser von fast allem überforderten Menschen teilzuhaben, so geschickt versteht es Strout, das Widerstandspotenzial der - von wem auch immer - gebeutelten Kreaturen aufblitzen zu lassen.

Elizabeth Strout während einer Buchpräsentation.
Elizabeth Strout erhielt für ihren Roman "Olive Kitteridge" 2009 den Pulitzer-Preis. Bildrechte: imago/Pacific Press Agency

May zum Beispiel beschließt als sie jenseits der 70 ist, ihren Mann, der jahrelang mit seiner Sekretärin ins Bett ging, zu verlassen. Sie will mit ihrem deutlich jüngeren neuen Gefährten in Italien leben und, zum Entsetzen ihrer Tochter Angelina, erstmals einen Bikini tragen. Was einerseits als emanzipatorischer Aufbruch wirkt, bedeutet andererseits das schmerzhafte, schuldbeladene Getrenntsein von ihren Kindern.

Oder Vickys Tochter, die renitente Lila, der es trotz ihrer schlechten sozialen Voraussetzungen zu gelingen scheint, ein Stipendium zu bekommen und wie einst ihre Tante Lucy dem Kreislauf der Provinzdemütigungen zu entfliehen.

"Alles ist möglich" - der titelgebende Satz, mit dem der Roman auch schließt, wirkt auf den ersten Blick als zynischer Kommentar dieser Biografien. Doch je länger man ihn auf Strouts Erzählungen bezieht, desto mehr Facetten entfaltet er. Ja, die Welt in dieser (und vermutlich in jeder) Provinz ist bedrückend und beschädigt die Psyche der Einzelnen. Doch unmöglich ist es, nicht auszubrechen und wenigstens auf ein kleines, spätes Glück zu hoffen, auch wenn das keine Ähnlichkeit mit den bunten Träumen der Jugend aufweist.

Angaben zum Buch Elizabeth Strout: "Alles ist möglich"
Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth
252 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN 978-3-630-87528-6
Luchterhand Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 13. November 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. November 2018, 10:34 Uhr

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