Georg-Büchner-Preis 2020 Elke Erb – Dichtung als Akt des Widerstandes

Elke Erb ist eine ganz Große im Kleinen, eine verschmitzte und genaue Lyrikerin. Am 31. Oktober 2020 wird die Dichterin von der Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Georg-Büchner-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Aus diesem Anlass trafen sich am 10. Oktober 2020 deutsche Dichterinnen und Dichter im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, um über diese wegweisende Lyrikerin zu sprechen. Es wurde über Begegnungen, über ihre Werkstatt und Dichtung, über weibliches Selbstverständnis und die ostdeutsche Lyrikszene diskutiert. MDR KULTUR war bei der Veranstaltung dabei und hat die Diskussion eingefangen.

Wer sich in der DDR ernsthaft mit Lyrik beschäftigt hat, musste unweigerlich auf diese Dichterin stoßen, die schon mit ihrem ersten Band "Gutachten" von 1975 ein ganz anderes, entgegengesetztes Modell von Literatur in die DDR-Kunst einbrachte.

Erb hat in den 1960er-Jahren in Halle studiert, sie war Deutsch-Lehrerin und arbeitete dann von 1963 bis 1965 beim Mitteldeutschen Verlag als Lektorin. Sie hat sich relativ schnell aus dieser Angestelltenexistenz gelöst und ist geworden, was sie bis heute ist: eine Dichterin und auch eine hochgeschätzte Nachdichterin, die aus dem Russischen überträgt. Sie ist eine Künstlerin, für die das Dichten immer auch ein Denken in neuen Räumen bedeutet, das in neue Freiheiten gelenkt wird – das ist das Einzigartige der Dichterin.

Vorbild für weibliche Behauptung im Schreiben

Ulrike Draesner
Ulrike Draesner Bildrechte: Nicola Beißner / Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf

Für Ulrike Draesner, Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, war Erb eine herausragende Entdeckung: "Man spürt bei ihr die Position des Freaks, die eine Frau in der Gruppe, die man sowieso nicht ernst genug nimmt, um sie auf politische Schlagkraft hin zu lesen. Es ist ja eine klassische Nische in der Lyrik für Frauen: politisch schreiben sie sowieso nicht, sie werden eingeordnet in die Blümchentradition und die unglückliche Liebeslyrik. Das war auch das, was mich schockiert hat, als ich in die zeitgenössische Lyrik schaute und selbst auch 'hinter meinem Rücken' angefangen hatte zu schreiben. Ich war so entsetzt, ich traf in meinem Münchner Umfeld immer nur auf Männer, die Großdichter, die eingeladen wurden. Bei mir hat das dazu geführt, dass ich mich in die Wissenschaft zurückzog, promovierte – wo mir dann Elke Erb unterkam. Und ich war so unglaublich froh, als ich sie entdeckte! Da war eine weibliche Stimme, die denken konnte, die mit Sprache dachte, die philosophische Fragen ansprach. Plötzlich tauchte ein Stückchen Faden auf, an den man anknüpfen konnte."

Für mich ist Elke Erb weniger als Lehrerin eine Figur, sondern eher eine Figur in der Literaturgeschichte, im weiblichen Schreiben von Lyrik. Allein die Tatsache, dass sie da war, dass sie festgehalten hat, dass sie weitergedichtet hat und sich nicht daran gehalten hat, was erlaubt war, in keiner Weise, das war entscheidend.

Ulrike Draesner, Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig

Blick in die Dichterinnenwerkstatt

Erb schreibt. Kontinuierlich. In kleine eckige Notizbücher, die sie in einem zweiten Schritt als Grundlage für ihre Gedichtarbeit hernimmt. Ihre ureigenste Schreibweise ist das "prozessuale Schreiben", in dem sie ihre Verse selbst immer wieder kommentiert und befragt. Erb ist eine Autorin, die die Welt weniger mit eingeübtem Bescheidwissen, sondern mit unablässiger Aufmerksamkeit überzieht. Winzige, am Rand liegende Wahrnehmungen, die sie weiterdenkt, befragt und die sich dann plötzlich zu einem Denkgebilde auswachsen.

Vokabellernen beim Radfahren

Schriftstellerkollegin Annett Gröschner begeistert, wie Erb beim Radfahren Vokabeln lernte: "Was mich immer fasziniert hat war ihre Fahrrad-Arbeit. Sie hatte immer dort, wo Rad-Wanderer ihre Karten haben, da hatte sie immer Vokabeln. Sie fuhr quasi Fahrrad vom Prenzlauer Berg zum Wedding und hat mir dann erzählt, dass sie währenddessen ihre Vokabeln lernte. Das war so eine Art der Arbeit in der Fortbewegung. Sie ist durchgekommen damit, sie ist nicht überfahren worden. Schon beeindruckend."

Annett Gröschner
Annett Gröschner im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf Bildrechte: Nicola Beißner / Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf

Erb im System DDR

Auf der einen Seite immer sehr klar hat sie sich nicht vereinnahmen lassen, hat sich in der Nähe der DDR-Bürgerbewegung schon vor 1989 bewegt. Auf der anderen Seite – und das ist ihr ganz spezieller Weg als Dichterin – hat sie nie in einem schlichten Sinne verkappte DDR-Kritik geübt. Sie hat nie das zurückgeworfen, was der Staat in seinem Kontrollraum selbst vorgegeben hatte, sondern ihren eigenen Weg als Künstlerin gefunden.

Keine "Verbiermannung"

Bert Papenfuß, neben Erb vielleicht der bekannteste Dichter der Ostberliner Lyrik-Gemeinde, hat einmal in einem Gedicht die schöne Zeile abgeliefert: "lasst euch nicht verbiermannen". Und Erb hat sich sicher nicht verbiermannen lassen - sie hat stattdessen die ideologischen und sprachlichen Muster einfach durchkreuzt, indem sie etwa das Denken in Dualitäten, gut und böse, Gedicht oder Erzählung, Inhalt oder Form, im Text aufgelöst hat. Das hat sie bis heute beibehalten. Auch deshalb funktioniert die Dichtung bei ihr immer noch als Akt des Widerstandes.

Bert Papenfuß
Bert Papenfuß beim Kolloquium "Elke Erb - im sprachlichen Spiegel" Bildrechte: Nicola Beißner / Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf

Die Veranstaltung "Elke Erb - im sprachlichen Spiegel"

Wann: 10. Oktober 2020
Wo: Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Veranstaltet vom Haus für Poesie, Schloss Wiepersdorf, unterstützt vom Brandenburgischen Literaturrat

Teilnehmende:
- Ulrike Draesner, Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig
- Annett Gröschner, in Magdeburg geborene Schriftstellerin, heute in Berlin lebend
- Maren Jäger, Literaturwissenschaftlerin und Moderatorin
- Brigitte Oleschinski, Lyrikerin und Politologin, 1991 gehörte sie zu den BegründerInnen des Dokumentations- und Informationszentrums Torgau
- Gottfried Rössler, Musiker
- Steffen Popp, in Dresden aufgewachsener Schriftsteller, lebt heute in Berlin
- Bert Papenfuß, Berliner Lyriker und zeitweise Gastronom (Torpedokäfer, Kaffee Burger)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Oktober 2020 | 18:00 Uhr