Ein Mann im Rollstuhl neben zwei kleinen Kindern
Wohl keine Elternschaft verläuft immer problemlos, mit Handicap sind es manchmal andere Probleme Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch

Experteninterview Wenn Papa ein Handicap hat

Eine Elternschaft ist auch ohne Behinderung nicht immer leicht. Mit einem Handicap gibt es manchmal ganz andere Probleme. Marion Michel vom Leipziger Verein "Leben mit Handicap" gibt einen Einblick und berichtet zum Beispiel von den besonderen Herausforderungen für Eltern mit Lernschwierigkeiten.

Ein Mann im Rollstuhl neben zwei kleinen Kindern
Wohl keine Elternschaft verläuft immer problemlos, mit Handicap sind es manchmal andere Probleme Bildrechte: MDR/Andrea Gentsch

MDR KULTUR: Mit welchen Anliegen kommen Menschen zu Ihnen?

Marion Michel: Ganz unterschiedlich. Bestenfalls kommen sie, wenn Kinderwunsch besteht, wenn sie nachfragen wollen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt. Im schlimmsten Fall kommen sie, wenn die Kinder durch das Jugendamt in Obhut genommen wurden und wir mit den Eltern dann gemeinsam teilweise einen jahrelangen Kampf führen, die Kinder wieder ins Elternhaus zurück zu führen.

Mit welchen Handicaps muss man sich diese Menschen vorstellen?

Eigentlich alle. Körper- und sinnesbehinderte Menschen haben noch relativ gute Möglichkeiten, auch selbstbestimmt ihre Rechte durchzusetzen. Am schwierigsten wird es für Eltern mit Lernschwierigkeiten beziehungsweise mit psychischen Erkrankungen. Hier besteht auch deutlich höher die Gefahr, dass die Kinder durch das Jugendamt aus der Familie genommen werden, weil hier Kinderwohlgefährdung gesehen wird - ob berechtigt oder unberechtigt.

Haben Sie ein Beispiel, wo Sie sagen, das ist gelungen und das steht exemplarisch für das, was Sie machen wollen?

Wir haben eine junge Frau, dort wurde letztlich mit ihrer Einwilligung das Kind in eine stationäre Einrichtung aufgenommen. Das Kind ist selbst auch behindert geboren, was nicht typisch ist. Es steht ja immer so das Vorurteil: Eltern mit Behinderung kriegen wiederum behinderte Kinder. Das stimmt nicht! Wir haben auch Eltern mit Lernschwierigkeiten und bei deren Kindern gibt es die Palette von kognitiver Beeinträchtigung bis hin zur Hochbegabung.

Ein Mann liest in der Blindenschrift Braille
Eine Gutenachtgeschichte kann auch in Blindenschrift vorgelesen werden - wenn es dafür eine Ausgabe gibt. Bildrechte: IMAGO

In diesem Fall der jungen Frau war das Kind aufgrund einer Geburtsverletzung geistig behindert. Das Jugendamt hat der Mutter zugeredet, dass sie das Kind in eine stationäre Einrichtung gibt, und die Mutter hat von Anfang an darum gekämpft, das Kind wiederzukriegen. Als der Junge fünf Jahre alt war, kam sie zu uns. Wir haben dann eine Anwältin vermittelt. Sie bekam dann, als der Junge acht Jahre alt war, ihr Kind zurück. Dann gab es ganz viele Probleme, zum Beispiel mit der Werkstatt, in der sie gearbeitet hat. Wo man ihr den Rat gegeben hat, das Kind wieder ins Heim zu geben, dann stünde sie der Werkstatt viel besser zur Verfügung. Wir haben dann mit viel Energie erreicht, dass dieser Frau ein Elternassistent zur Verfügung gestellt wurde. Der Junge ist mittlerweile 14 Jahre, es ist ein dauerhafter Unterstützungsbedarf da, weil die Behinderung ja nicht wieder weggeht. Aber die Familie ist glücklich, der Junge liebt seine Mutter, die Mutter hängt an ihrem Kind.

Wenn Sie einen Wunsch hätten in Ihrer Arbeit, wo wäre das, - wo könnten Sie Hilfe gebrauchen?

Dass die Ämter endlich, so wie es das Gesetz auch verlangt, sich an einen Tisch setzen. Gemeinsam beraten! Das Bundesteilhabegesetz fordert ja: Alle Beteiligten setzen sich an einen Tisch, jeder sagt, welchen Beitrag er dazu leistet, und dann bekommt die Familie Hilfe aus einer Hand. Im Moment haben wir teilweise bis zu 14 verschiedene Personen, die in solchen Familien agieren. Das bringt jede Familie an den Rand des Wahnsinns. Das liegt nicht an der Unterbesetzung der Behörden, sondern daran, dass jeder seinen Part fährt und man nicht zusammen arbeitet.

Was muss ganz dringend noch angesprochen werden?

Das Grundprinzip der Umsetzung des Bundesteilhabegesetz und der UN-Behindertenkonvention. Es besteht darin, dass Menschen mit Behinderung achtungsvoll begegnet wird, auf Augenhöhe. Und dass sie in alle Prozesse mit einbezogen und nicht bevormundet vor vollendete Tatsachen gestellt werden.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR

Ein Rollstuhlfahrer steht in seinem Rollstuhl an einer Treppe. 6 min
Bildrechte: dpa

Marion Michel leitet in Leipzig den Verein "Leben mit Handicap". Sie ist im Gespräch zu den besonderen Herausforderungen einer Elternschaft mit Behinderung und ihren Hilfsangeboten.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.10.2018 13:27Uhr 06:24 min

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Schützende Hände schließen eine dreiköpfige Familie ein. 4 min
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Die Mutter sitzt aufgrund einer Erkrankung im Rollstuhl. Bei der Erziehung des zehnjährigen Liam wird sie von einem Elternassistenten unterstützt. Kristin Hendinger hat die drei kennengelernt.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.10.2018 19:12Uhr 04:12 min

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Die Braille-Tastatur übersetzt Texte in Blindenschrift. 8 min
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Füße schauen auf einem Bett unter der Bettdecke hervor. 5 min
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Die Bewohner der Lebensgemeinschaft im Elstertal bei Schkeuditz haben Behinderungen in unterschiedlicher Ausprägung. Und sie haben auch sexuelle Bedürfnisse. Kristin Hendinger hat nachgefragt.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.10.2018 19:14Uhr 04:42 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Oktober 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2018, 19:50 Uhr

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