Die Hände eines Senioren halten einen Gehstock. Eine junge Frau stützt ihn.
Die Sorge um die Eltern kann schnell kommen, nur wenige sind darauf vorbereitet. Bildrechte: Colourbox.de

Zwischen Verpflichtung und Dankbarkeit Pflege der Eltern: Habe ich eine moralische Pflicht?

Familienmitglieder unterstützen sich gegenseitig. Das klingt wie ein unausgesprochenes Gesetz. Doch inwiefern sind Kinder ihren Eltern verpflichtet, wenn diese älter werden? Wenn Vater oder Mutter so pflegebedürftig wird, dass eigentlich rund um die Uhr jemand da sein müsste? Was passiert mit der Eltern-Kind-Beziehung, wenn die Kinder erwachsen sind? Wir haben u.a. bei Generationenforscherin Heike Buhl nachgefragt.

von Jana Münkel, MDR KULTUR

Die Hände eines Senioren halten einen Gehstock. Eine junge Frau stützt ihn.
Die Sorge um die Eltern kann schnell kommen, nur wenige sind darauf vorbereitet. Bildrechte: Colourbox.de

Menschen werden immer älter – also dauern auch die familiären Beziehungen zwischen Eltern und Kindern heute deutlich länger an als früher. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren zum Beispiel Väter und ihre erwachsenen Kinder durchschnittlich nur etwa 15-20 Jahre gleichzeitig auf der Welt. Heute sind es 50 bis 60 Jahre, das zeigt eine Studie des Soziologen Hans Bertram.

Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe / Intercity Express Zug der Deutschen Bahn
Was tun Kinder, die weit entfernt von ihren hilfsbedürftigen Eltern arbeiten und leben? Bildrechte: imago/Rüdiger Wölk

Zwei Drittel der Pflegebedürftigen leben heute schon zu Hause. Rund zwei Millionen Menschen werden zu Hause von ihren eigenen Angehörigen gepflegt. Die Pflege der eigenen Eltern – eine gesellschaftliche Norm?

Professorin Heike Buhl erklärt: "Gesellschaftliche Normen spielen durchaus eine Rolle in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern". Buhl beschäftigt sich seit gut 20 Jahren mit der Beziehung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern, hat sich an der Universität Jena mit einer Arbeit zur Beziehung zwischen Erwachsenen und ihren Eltern habilitiert und ist jetzt Psychologieprofessorin an der Universität Paderborn.

Was oft vorkommt, ist, dass die Kinder sagen: Ja, ich denke, ich sollte meine Eltern pflegen. Aber ich möchte das ja auch!

Prof. Heike Buhl, Psychologin und Generationenforscherin

Anhand von Fragebögen und Tagebucherhebungen sowie Gesprächen hat Buhl erforscht, was die Beziehung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern ausmacht. Schwierig würde es, wenn Eltern ganz andere Erwartungen hätten als die Kinder. Sollte die elterliche Liebe aber nicht eine bedingungslose sein, ohne die Erwartung an die Kinder, später "etwas zurückzubekommen"? Buhl meint dazu: "Ich glaube, wir beschreiben das nutzenorientierter, als das die Familienmitglieder selbst beschreiben würden". Die Frage nach einem moralischen Generationenvertrag sei eine philosophische Frage.

Zwischen Verbundenheit und Abgrenzung: Miteinander reden!

Buhl beschreibt und erforscht die Eltern-Kind-Beziehung aus psychologischer Sicht. Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus ihren Studien sei, dass die Beziehung zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern erarbeitet werden müsse. "Wir müssen eine Beziehung erreichen, in der eine sogenannte 'filiale Reife' eintritt. Das passiert, wenn die Eltern und die Kinder sich gegenseitig als erwachsene Personen akzeptieren." Natürlich könne man Prägungen aus der Kindheit nicht komplett hinter sich lassen, so Buhl. Das Ziel sei jedoch, eine Beziehung auf Augenhöhe zu erreichen.

Lange habe die Forschung von einer "Ablösung" der Kinder von ihren Eltern gesprochen. Doch das sehe sie anders: Es gehe um eine gute Balance zwischen Abgrenzung und Verbundenheit.

transparent
Bildrechte: Universität Paderborn
transparent
Bildrechte: Universität Paderborn
Prof. Heike Buhl
Prof. Heike Buhl Bildrechte: Universität Paderborn

Ich begegne dem anderen mit Wärme, mit Nähe. Aber gleichzeitig kann ich auch meine eigene Meinung sagen. Ohne dass die Eltern in der Elternrolle sind und sagen: Das geht jetzt aber nicht!

Prof. Heike Buhl über Eltern-Kind-Beziehungen

Gebe es eine Beziehung auf Augenhöhe, seien Kinder auch eher bereit, ihre Eltern später zu pflegen. Einer Art langjähriger "Unterstützungsbank", also einem "Guthaben", das die Eltern sich bei den Kindern "erarbeitet" hätten, misst Buhl zwar eine Bedeutung bei – Kinder seien immer dann bereit, ihren Eltern zu helfen, wenn sie das Gefühl hatten, früher viel von ihnen bekommen zu haben – jedoch sei hier nicht nur Langfristigkeit wichtig: "Wir haben in unserer Forschung herausgefunden, dass hier auch ein späteres Geben und Nehmen über kürzere Zeitabstände eine Rolle spielt".

Was unsere Nutzer zum Thema sagen: Diskutieren Sie mit!

"Das hat sich halt so ergeben", sei die Antwort vieler Menschen, die ihre Angehörigen pflegten. Das sei ein Zeichen dafür, dass das Thema Pflege in vielen Familien erst spät thematisiert werde, so Buhl.

Oftmals gibt es da gar keine Planung. Und das ist dann sehr problematisch.

Prof. Heike Buhl über die Vorbereitung einer Pflegebedürftigkeit

Anderer Ansatz: Generationenhof

Sich genau deshalb früh Gedanken über die eigene spätere Pflegebedürftigkeit zu machen, das ist den Bewohnerinnen und Bewohnern des Generationenhofs sehr wichtig. "Irgendwo reinrutschen", das wollen die 20 Menschen auf dem alten Vierseitenhof auf keinen Fall. Hier in Lindennaundorf bei Leipzig wohnen knapp 20 Menschen: ältere Paare, Alleinstehende, eine junge Familie – und sieben Kinder, die nicht bei ihren Eltern wohnen können.

Leben auf dem Generationenhof 15 min
Auf dem Generationenhof leben alle unter einem Dach. Bildrechte: MDR

Auf dem Generationenhof Lindennaundorf leben alle gemeinsam – von der Urenkelin bis zur Uroma.

Sa 29.06.2019 18:00Uhr 14:45 min

https://www.mdr.de/meine-heimat/video-generationenhof-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Sina Gado hat den Hof gegründet. Aus eigener Erfahrung weiß die 42-Jährige, wie wichtig es ist, sich über das Thema Pflege Gedanken zu machen:

Ich bin da sehr offen mittlerweile, dadurch, dass ich die Erfahrung mit meiner Oma gemacht habe und dass auch meine Mutti, bevor sie gestorben ist, im Wachkoma lag. Ich bin mir deswegen auch unser aller Sterblichkeit sehr bewusst.

Sina Gado über die Auseinandersetzung mit dem Thema Pflege

Die eigenen Kinder entlasten

Helga und Franz Schmid wohnen seit drei Jahren auf dem Generationenhof und haben aktiv nach einer Gemeinschaft gesucht, in der sie alt werden wollen. Ihr Haus in Taucha haben sie verkauft. Die beiden sind Mitte 60 und es war ihnen wichtig, ihre eigenen Kinder nicht ungewollt zu verpflichten. Außerdem sehen sie mit den vielen Kindern auf dem Hof die Chance, eine Großelternrolle zu übernehmen und im Alter nicht einsam zu sein.

Wir wollten unseren Kindern den sozialen Druck ersparen, uns pflegen oder helfen zu müssen.

Franz Schmid, Bewohner des Generationenhofs Lindennaundorf
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf Bildrechte: MDR

Unter den Hofbewohnern wird recht offen darüber gesprochen, was später wird, wenn jemand nicht mehr so kann. "Das ist vielleicht tatsächlich einfacher, mit Menschen darüber zu sprechen, die nicht verwandt sind", so die Hofgründerin Sina Gado. "Man fühlt sich dann nicht so emotional gebunden. Wenn ich mir vorstelle, dass wir mit unserer Tochter darüber reden müssten, dann stelle ich mir das schwerer vor, als wenn ich mit den Hofbewohnern darüber spreche."

Bislang braucht niemand auf dem Hof Pflege, auch die älteste Bewohnerin, Oma Gertrud, kommt mit fast 80 Jahren noch gut allein zurecht. Wenn jemand nicht mehr kann, soll ein Pflegedienst engagiert werden. Ob der mit auf den Hof zieht oder tageweise vorbeischaut, wird dann gemeinsam entschieden.

Ijoma Mangold 7 min
Bildrechte: imago/Future Image
Hände eines älteren Paares liegen ineinander 1 min
Bildrechte: Colourbox.de

Stimmen unserer Umfrage: Ist für Sie die Pflege von Angehörigen im Alter eine Last oder Pflicht?

MDR KULTUR - Das Radio Mi 13.03.2019 18:05Uhr 00:58 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio
Teegedeck mit Stövchen 4 min
Bildrechte: imago/MAVERICKS

Seit vielen Jahren leben verschiedene ältere Menschen zusammen in einer Wohngemeinschaft. Wie gestaltet sich das Zusammenleben?

MDR KULTUR - Das Radio Mi 13.03.2019 18:05Uhr 03:54 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio
Leben auf dem Generationenhof Lindennaundorf 5 min
Bildrechte: MDR

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. März 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren