Emil Nolde, Verlorenes Paradies, 1921 Öl auf Leinwand, 106,5 × 157 cm, Nolde Stiftung Seebüll,
"Verlorenes Paradies" von 1921 – zu sehen in der Emil-Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin Bildrechte: © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, und Dirk Dunkelberg, Berlin

Ausstellung in Berlin Neuer Blick auf Emil Nolde: Antisemit statt "entartete Kunst"

Die Ausstellung schlug schon Wellen, noch ehe jemand sie sehen konnte. Als nämlich Bundeskanzlerin Angela Merkel das Gemälde "Brecher" von Emil Nolde aus ihrem Büro entfernen ließ. Der Künstler galt lange Zeit als von den Nazis verfemt, als einer, der in der inneren Emigration überwintert hatte. Aber Emil Nolde war auch überzeugter Antisemit. Viele Jahre hielt die Stiftung "Seebüll Ada und Emil Nolde" die Dokumente aus dem Nachlass unter Verschluss – erst seit 2013 durfte das Archiv wissenschaftlich erforscht werden. Das Ergebnis ist jetzt im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen.

von Simone Reber, MDR KULTUR

Emil Nolde, Verlorenes Paradies, 1921 Öl auf Leinwand, 106,5 × 157 cm, Nolde Stiftung Seebüll,
"Verlorenes Paradies" von 1921 – zu sehen in der Emil-Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin Bildrechte: © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, und Dirk Dunkelberg, Berlin

Da strahlen sie wieder. Die weißen Schaumkronen der Brecher vor glutrotem Abendlicht. Wenn Emil Nolde nicht so ein guter Maler gewesen wäre, würde der Atem jetzt nicht stocken. Dass Nolde sich bis zur Selbsterniedrigung den Nationalsozialisten angedient hat, war in Fragmenten schon länger bekannt. Noch nie aber hat eine Ausstellung so umfangreich dargelegt, mit welcher Konsequenz sich der Maler zum Staatskünstler zu stilisieren versuchte. Selbst Christian Ring, seit 2013 Direktor der Stiftung "Seebüll Ada und Emil Nolde" war überrascht:

Christian Ring, Direktor der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, lehnt an einem Treppengeländer.
Christian Ring, Direktor der Stiftung "Seebüll Ada und Emil Nolde" Bildrechte: dpa

Was mich schockiert hat und nach wie vor schockiert, ist der widerliche Antisemitismus von Nolde, dieser Entjudungsplan, den er vorlegt. Gott sei Dank ist es die Territoriallösung, die er anstrebt. Für mich ist Nolde noch mehr deutsche Geschichte geworden, nicht nur Kunstgeschichte. Inklusive auch der Verdrängungsmechanismen nach dem Zweiten Weltkrieg, die ja natürlich auch meine Stiftung betrifft.

Emil Nolde entschied nach Opportunität, ob er seine antisemitische Überzeugung veröffentlichte oder nicht. Einzige Konstante in seiner Selbstdarstellung bleibt die Legende vom verkannten Genie. Nolde war seit 1933 Mitglied in der NSDAP. Als seine Bilder 1937 in der Ausstellung "Entartete Kunst" verfemt wurden, hielt er das für ein Missverständnis. Mit einem Brief an Joseph Goebbels konnte er erreichen, dass die Gemälde aus der Wanderausstellung verschwanden. Als nächstes wollte das Ehepaar Nolde Adolf Hitler in einem Schreiben von der Gesinnungstreue des Malers überzeugen. Der Brief ist nicht mehr erhalten.

Aber die beiden Kunsthistoriker Aya Soika und Bernhard Fulda haben die über 25.000 Dokumente aus Noldes Nachlass ausgewertet: "Wir können belegen, dass es ihn gab, weil wir aus anderen Briefen von Zeitgenossen Noldes, die sich begeistert über diesen Brief geäußert haben, wissen, dass er tatsächlich einen rhetorischen Zweck erfüllt hat. Nämlich die Darstellung eines besonders deutschen, eines besonders verkannten Künstlers."

Antisemitismus in Noldes Werk

Emil Nolde, Herrin und Fremdling, o. D. (wahrscheinlich Vorlage für das Gemälde Nordische Menschen, 1938), Aquarell, 17,1 × 22,5 cm, Nolde Stiftung Seebüll,
Emil Noldes "Herrin und Fremdling", 1938 Bildrechte: © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin

In der spannenden Ausstellung machen die beiden Kuratoren anschaulich, wie der Antisemitismus im Werk verwurzelt ist. An die Stelle von Noldes religiösen Bildern treten Darstellungen von Wikingern und Sagengestalten. In den Jahren 1937 und 1942 verdient der Künstler so viel wie nie zuvor. Und das, obwohl Nolde 1941 aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen wird. Damit erhält er Berufsverbot.

Er versucht, eine Audienz bei Baldur von Schirach zu erlangen: "Jetzt war Baldur von Schirach geschickt genug, sich nicht auf ein persönliches Treffen ein zulassen, ließ sich aber Bilder mit nach Hause geben. Und ließ dann dem Künstler ausrichten, dass er tief bewegt gewesen sei und sich für ihn einsetzen würde. Daraus wurde zwar nichts, aber diese Episode bestärkte Nolde in der Selbstwahrnehmung, das früher oder später eine Anerkennung auch von höchsten Kreisen des NS-Regimes noch möglich wäre."

Man glaubte an die Opferlegende

In seinem Haus in Seebüll richtet sich Emil Nolde 1942 einen Bilderraum ein, der jetzt nach Augenzeugenberichten für die Ausstellung rekonstruiert wurde. Ein Schrein, mit einem Wikingerbild übers Eck gestellt. Und dann die Kehrtwende. Am 6. Mai 1945 schreibt Emil Nolde: "Hitler ist tot. Er war mein Feind". Umgehend beginnt er, an seiner Darstellung vom verfolgten Künstler zu arbeiten. Wesentlich tragen die ungemalten Bilder dazu bei, von denen Nolde behauptet, er habe sie heimlich während der Diktatur angefertigt. Nach den Forschungen von Bernhard Fulda aber handelt es sich bei den kleinen Blättern um Vorstudien, die Nolde für die Arbeit am Gemälde mit einem Diaprojektor vergrößert hat.

Ganz Nachkriegsdeutschland aber glaubte die Opferlegende gern. Bis hin zu Siegfried Lenz, der Nolde in seiner Deutschstunde ein Denkmal setzte. Jetzt ist die Illusion dahin, der Mythos zerstört. Auf die Frage, ob noch etwas bleibt von dem Künstler, antwortet Christian Ring, Direktor der Stiftung Seebüll lakonisch: "Da muss Emil Nolde jetzt durch".

Emil Nolde, Kriegsschiff und brennender Dampfer, o. D. (vor/um 1943), Aquarell, 14,8 × 24,4 cm, Nolde Stiftung Seebüll 8 min
Bildrechte: © Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Dirk Dunkelberg, Berlin

Angaben zur Ausstellung "Emil Nolde. Eine deutsche Legende / Der Künstler im Nationalsozialismus" im Hamburger Bahnhof – Museum für die Kunst der Gegenwart, bis zum 15. September 2019

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Mittwoch sowie Freitag, 10 bis 18 Uhr
Donnerstag, 10 bis 20 Uhr
Samstag und Sonntag, 11 Uhr bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. April 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019, 11:24 Uhr

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