Buchkritik "Sonne, Mond, Zinn": Debütroman über ein Familiendrama auf engstem Raum

Familientragödien gehören zu den klassischen Stoffen der Literatur. Der Roman "Sonne, Mond, Zinn" nähert sich dem Thema in ganz eigener Weise und entfaltet die ganze Geschichte auf engstem Raum. Alexandra Riedel hat am Leipziger Literaturinstitut studiert und legt mit ihrem Roman ein überzeugendes Debüt vor.

Sternenhimmel
Bildrechte: imago/McPHOTO

Überraschend erhält Gustav Zinn, der als Fluglotse auf einer kleinen Insel arbeitet, einen Anruf von einer Isolde Hamann, die ihm mitteilt, dass ihr Mann verstorben sei. Sie lädt ihn zur Beerdigung am nächsten Vormittag um elf Uhr ein. Gustav kennt weder die Witwe noch den Verstorbenen und erfährt erst später, dass Anton Hamann sein eigener Großvater ist. Also bricht Gustav Zinn zum unbekannten Teil seiner Familie auf. Von da an lässt Alexandra Riedel ihren Protagonisten in eine Art innerem Dialog mit seiner Mutter treten. Immer wieder richtet sich der Ich-Erzähler an sie und spricht sie direkt an.

Dinge passieren. Menschen auch, sagtest du immer, wenn du von deinem Vater sprachst. Irgendwann machte ich mir deine Aussage zu eigen, denn schließlich war auch ich passiert. Alles vererbt, füge ich manchmal noch knapp hinzu, aber es kostet mich immer Mühe, bei all dem zu lächeln. Und doch ist es so: Väter spielten bisher keine Rolle in unserem Leben, weder in deinem noch in meinem. Das war immer unser kleinster gemeinsamer Nenner, deiner und meiner.

aus: "Sonne, Mond, Zinn" von Alexandra Riedel

Groteskes Familientreffen

Mit der Begräbnisfeier im Haus des verstorbenen Astronomen Anton Hamann gelingt Alexandra Riedel eine hinreißende Groteske mit herrlichem Personal: Die unterkühlt wirkende Witwe ignoriert den von ihr selbst eingeladenen, unehelichen Enkelsohn des Gatten. Einer der beiden gemeinsamen Söhne, Ulrich Hamann, versucht dann mit dem stillen Gast ins Gespräch zu kommen – und lässt sich dabei ordentlich volllaufen.

Alexandra Riedel zwischen Passanten, auf der Straße stehend
Alexandra Riedel erweist sich als genaue Beobachterin. Bildrechte: Nane Diehl

Als Leichenschmaus wird dann im Garten ein ganzes Spanferkel serviert. Die Gäste setzen sich an eine lange Tafel unter einem Kirschbaum, von dem beständig Maden auf das Tischtuch und in die Suppe rieseln. Derart skurrile Szene beschreibt Alexandra Riedel mit filmischer Präzision und einem genauen Gefühl für das richtige Timing. Dass Gustavs Mutter für Charlie Chaplin und das schwärmte, könnte ein Hinweis auf eine Inspirationsquelle für die Autorin sein.

Panorama verpasster Möglichkeiten

Die Geschichte besteht aus lauter Bruchstücken, entwickelt aber einen großen Sog. Gleichzeitig vermeidet die Autorin alles Eindeutige und deutet stattdessen vieles nur an, sodass ein ebenso schillerndes wie tragikomisches Panorama verpasster Möglichkeiten entsteht.

Alexandra Riedel mit Hund, auf der Couch sitzend
Die Autorin Alexandra Riedel Bildrechte: Nane Diehl

Der Erzähler bleibt mehr oder weniger ein stummer Beobachter. Zufällig entdeckt er während der Begräbnisfeier im Haus des Verstorbenen doch noch Hinweise darauf, dass die uneheliche Tochter dem unbekannten Großvater doch einiges bedeutet haben muss. Ohnehin hat sich der anerkannte Astronom offenbar am liebsten in seinem Planetarium versteckt und sich mehr in fremden Galaxien aufgehalten als im Haus seiner Familie. Ist "Sonne, Mond, Zinn" eine Geschichte über heimliche Beobachtungen, Ahnungen und Gerüchte, die die meisten Beziehungen bestimmen. - sehr viel mehr können Menschen meist gar nicht voneinander wissen.

Mich gehe das im Grunde auch nichts an. Also emotional, emotional gehe es mich nichts an, es berühre, es betrefffe mich nicht, hatte Ulrich gesagt, und nicht mehr aufgehört mit seinen Andeutungen, seinen mitleidheischenden Geschichten, seinen Hypothesen über dich. Natürlich war es mir selbst überlassen, ob ich Ulrich Glauben schenken wollte, und natürlich wollte ich nicht, hofffte, wünschte mir, dass nichts von alldem stimmte.

aus: "Sonne, Mond, Zinn" von Alexandra Riedel

Souverän verknüpft Alexandra Riedel die verschiedenen Motive ihrer Erzählung. So schafft sie eine stimmige Verbindung zwischen dem verstorbenen Großvater und seinem Enkel, die sich auch im Titel widerspiegelt: Beide halten den in Richtung Sterne gerichtet– der Ältere als Astronom und der Jüngere als Fluglotse. "Sonne, Mond, Zinn" ist ein Roman voller Poesie und Komik. Alexandra Riedel beweist, dass es nicht einmal 200 Seiten braucht, um facettenreich und tiefgründig von einer Familie, ihren Abgründen und Sehnsüchten zu erzählen.

Buchcover - Alexandra Riedel: Sonne, Mond, Zinn
Bildrechte: Verbrecherverlag

Angaben zum Roman Alexandra Riedel: Sonne Mond Zinn.
Roman, 112 Seiten
ISBN: 9783957324238
Verbrecher Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juni 2020 | 08:10 Uhr