Theodor W. Adorno
Theodor W. Adorno (1903-1969) Bildrechte: dpa

Zum 50. Todestag des Philosophen Wie Adorno den Rechtsradikalismus erklärte

Mit Kenntnissen protzen, die sich schwer kontrollieren lassen – das sei typisch für den neuen Rechtsradikalismus, erklärte Theodor W. Adorno. Zum 50. Todestag Adornos am 6. August veröffentlichte Suhrkamp seinen Vortrag von 1967 und trifft damit den Nerv unserer Zeit voller Debatten um Fake News und Populismus. Der Mitbegründer der "Frankfurter Schule" war 1933 vor den Nazis in die USA geflohen. Nach seiner Rückkehr wurde er zum wichtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik. Sein öffentliches Wirken und Plädoyer für "permanente Aufklärung" hatte ein Ziel: "Dass Auschwitz sich nicht wiederhole".

von Patric Seibel, MDR KULTUR

Theodor W. Adorno
Theodor W. Adorno (1903-1969) Bildrechte: dpa

Den Vortrag "Zur Aktualität des neuen Rechtsradikalismus", der jetzt in Buchform vorliegt, hielt Adorno im April 1967 vor Studierenden in Wien. Er analysierte darin den damaligen Erfolg der NPD bei den Landtagswahlen.

Die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Faschismus bestehen fort, weil sich die Versprechen von Freiheit und Gleichheit in der Demokratie für viele nicht eingelöst haben.

Theodor W. Adorno, 1967

Das Gefühl, "potentiell überflüssig" und abgehängt zu sein

Als wichtige Voraussetzung für Rechtsradikalismus nennt er das Gefühl ganzer Schichten, von der kapitalistischen Entwicklung abgehängt oder auch durch technologischen Fortschritt "potentiell überflüssig" zu sein:

Diese Gruppen tendieren nach wie vor zu einem Haß auf den Sozialismus oder das, was sie Sozialismus nennen, das heißt, sie verschieben die Schuld an ihrer eigenen potentiellen Deklassierung nicht etwa auf die Apparatur, die das bewirkt, sondern auf diejenigen, die dem System, in dem sie einmal Status besessen haben, jedenfalls nach traditionellen Vorstellungen, kritisch gegenübergestanden haben.

Theodor W. Adorno, 1967

Die Technik, mit "alternativen Fakten" zu manipulieren und Ängste zu steigern

Das Verblüffende an Passagen wie dieser: Sie passen zugleich auf den heutigen Aufstieg der AfD und anderer rechter Bewegungen in Europa – und ebenso zum  Abstieg der SPD. Nach den Grundlagen des Rechtsradikalismus spricht Adorno über die zeitgenössischen Ausprägungen und auch hier fallen Parallelen zur heutigen Zeit auf. Wenn Adorno von den Techniken der Manipulation spricht, Fakten und Pseudofakten zu vermengen mit glatten Lügen – liest es sich, als ob er das Phänomen der Fake News beschriebe:

Es wird – und das wird offenbar gerade von der NPD in Deutschland sehr kultiviert – immerzu gearbeitet mit der Anhäufung von Daten, besonders von Zahlen, denen man im allgemeinen gar nichts entgegnen kann, und zwar also mit diesem Unterton: 'Was? Das weiß doch jedes Kind! Und Sie wissen nicht, daß seinerzeit der Rabbiner Nussbaum gefordert hat, daß alle Deutschen kastriert werden sollen?' (...) Ich habe das Beispiel eben erfunden, wohlverstanden, aber so von dieser Art sind also die Argumente. Es wird mit Kenntnissen geprotzt, die sich schwer kontrollieren lassen, die aber eben um ihrer Unkontrollierbarkeit willen dem, der sie vorbringt, eine besondere Art von Autorität verleihen.

Theodor W. Adorno, 1967

Die Idee, sich in Neo-Nationalismus zu retten

Trotz historischer Zeitbezüge des Vortrags, die nicht übertragbar sind, zeigen sich weitere mögliche Anschlüsse zur Lage in der heutigen politischen Landschaft. Was Adorno schon 1967 feststellte, dass nämlich die einzelnen Nationen, eingebunden in multilaterale Systeme ihre frühere Bedeutung verloren hätten, trifft heute im Zeitalter der EU noch verstärkt zu.

Als eigentlich historisch zu spät kommendes Phänomen vergleicht Adorno den Erfolg des Neo-Nationalismus mit der Realität der Hexenprozesse, die nicht im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit ihre Hochphase hatten:

Dabei ist natürlich nicht zu unterschlagen das Manipulierte und Angedrehte all dieser Bewegungen, daß sie etwas vom Gespenst eines Gespensts haben.

Theodor W. Adorno, 1967

Bestseller: Vierte Auflage drei Wochen nach Erscheinen

Adorno macht sich keine Illusionen, wie gegen den neuen Rechtsradikalismus vorzugehen sei: Mit einem Appell an den Humanismus jedenfalls nicht, wie er kühl konstatiert. Man müsse vielmehr mit permanenter Aufklärung die Lügen der Propagandisten entlarven und den potenziellen Mitläufern zeigen, inwieweit ihre eigenen, ganz konkret materiellen Interessen in demokratischen Strukturen viel besser zu verwirklichen seien.

Der theoretisch kompakte und dabei sprachlich mitreißende Vortrag wirkt erstaunlich frisch und zeitgemäß. Ein informatives Nachwort des Historikers Volker Weiß ordnet den Text in die Zeit seiner Entstehung ein. Mit seiner Veröffentlichung trifft der Suhrkamp-Verlag offenkundig einen Nerv: Drei Wochen nach dem Erscheinen ist die vierte Auflage gedruckt – 30.000 Exemplare sind verkauft. Ein großer Wurf zum 50. Todestag des größten deutschen Intellektuellen der Nachkriegszeit, der dessen programmatischen Anspruch aufs Neue unterstreicht: "Dass Auschwitz sich nicht wiederhole".

Theodor. W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus 4 min
Bildrechte: Suhrkamp Verlag
Theodor. W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus 4 min
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Buchtipp Theodor W. Adorno
Aspekte des neuen Rechtsradikalismus – Ein Vortrag
Mit einem Nachwort von Volker Weiß
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-58737-9
10,00 Euro


Suhrkamp gibt die Vorträge heraus die Theodor W. Adorno, in den 50er-/1960er-Jahren zu aktuellen Themen aller Art gehalten hat. In diesem Band entlarvt er den Rechtsradikalismus nicht als Geist der Ewiggestrigen, sondern als Symptom unserer eher Markt-, denn von Demokratie bestimmten Welt.

Zur Person: Theodor Adorno Der Philosoph, Soziologe und Kunsttheoretiker Theodor W. Adorno (1903-1969) gilt heute vielen als verstaubt, dabei war er ein Medienstar seiner Zeit.

Geboren in Frankfurt/Main und musisch erzogen, erwies er sich schnell als hochbegabt, machte als Jahrgangsbester Abitur, bekam schon mit 21 seinen Doktortitel in Philosopie. Danach ging er nach Wien, wo er bei Alban Berg Komposition studierte und flammende Plädoyers für Zwölftonmusik schrieb. Zurück in Frankfurt arbeitete er an seiner Habilitation über den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard. 1933 entzogen ihm die Nazis wegen seines jüdischen Vaters die Lehrbefugnis.

Nicht sein zum Protestantismus konvertierter Vater, erst Hitler habe ihn zum Juden gemacht, sagte Adorno später. In der Emigration in den USA entstanden seine Hauptwerke "Dialektik der Aufklärung" und "Minima Moralia" mit seinem wohl berühmtesten Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."

1953 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück und wurde Professor für Philosophie und Soziologie am Institut für Sozialforschung, der Geburtsstätte der Frankfurter Schule. Sein Einfluss auf die Studenten der 1968er-Generation war enorm. Seinen Vortrag "Zur Aktualität des neuen Rechtsradikalismus" hielt er 1967 auf Einladung vor Studenten in Wien. Anlass waren die Erfolge der NPD, die nach ihrer Gründung 1964 in kurzer Zeit in die Landtage von Hessen, Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein einziehen konnte. 1968 beteiligte er sich am Aufruf von Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen gegen die Notstandsgesetzgebung.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. August 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2019, 04:00 Uhr

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