Alex Capus
Schriftsteller Alex Capus in seiner Bar in Olten (Schweiz) Bildrechte: dpa

Literatur Alex Capus' Liebesroman schlägt Weisheitsfunken

Ein Alptraum, der zum Märchen wird: Ein Paar bleibt im tiefen Winter auf einem Alpenpass im Schnee stecken. Im neuen Roman von Alex Capus entspinnen sich im Erzählen gegen die Kälte gleich zwei wunderbare Liebesgeschichten. Jedes Buch erzählt, doch nur wenige erzählen so faszinierend vom Erzählen wie "Königskinder". Eine Kritik.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Alex Capus
Schriftsteller Alex Capus in seiner Bar in Olten (Schweiz) Bildrechte: dpa

Max und Tina sind seit vielen Jahren verheiratet, sind ein schönes Duo, warm und ruhig miteinander in ihren Ritualen und Neckereien. Als ihr roter Toyota Corolla nicht mehr weiter kann im Schneetreiben und sie auf die Räummaschine warten müssen, beginnt Max Tina zu wärmen mit dem, was er am besten kann: Er erzählt ihr eine Geschichte. Er fabuliert gegen die Kälte.

Aus "Königskinder" von Alex Capus (Hanser) "Soll ich dir eine Geschichte erzählen? Eine aus der Gegend hier?"
"Eine wahre Geschichte?"
"Selbstverständlich eine wahre Geschichte, was glaubst Du denn. Wieso sollte ich dir eine unwahre Geschichte erzählen?"
"Alles klar."
"Ich wüsste gar nicht, wie das gehen sollte, dir eine unwahre Geschichte zu erzählen. Ich kann mir keine Geschichte aus den Fingern saugen, meine Finger geben das nicht her."
"Ich weiß."
"Wobei es gar nicht so wichtig ist, ob eine Geschichte wahr ist oder nicht. Wichtig ist, dass sie stimmt."

Im Geplänkel der eingeschneiten Eheleute sind poetologische und philosophische Fragen verpackt. Die Wahrheit und das Erzählen arbeiten sich seit jeher aneinander ab, und mit diesem dünnen Eis im Sinn schickt Max uns in seine Geschichte.

Literarisches Lagerfeuer

Alex Capus: "Königskinder"
In "Königskinder" erzählt Alex Capus vom Erzählen. Bildrechte: Hanser

Sie führt ins 18. Jahrhundert zu Jacob und Marie. Er ist ein von der Bergeinsamkeit wortkarg gemachter Kuh-Hirte, sie die Tochter eines reichen Bauern. Feuer füreinander fangen sie schon mit zwölf, aber nach sieben Jahren des Zuwinkens von Ferne schieren sie es endlich an.

Gegen den massiven Widerstand des Bauern verbringen sie eine verliebte Woche in Jacobs Berghütte – bis sie auseinandergetrieben werden und Jacob sich zum Militär meldet. Erst acht Jahre später kehrt er zurück und die beiden verbringen einen Liebeswinter in besagter Hütte, bis sie erneut auseinandergerissen werden.

In allem bleibt der Autor Atmosphäriker und Romantiker, lässt mit schnellem Strich Welt entstehen und amüsiert mit seiner Zeichnung zweier Liebespaare.

Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

In abenteuerlichen Volten verschlägt es Jacob vom Greyerzerland nun bis an den französischen Königshof Ludwigs des XVI. Der hat eine kleine rousseaulektürenverdorbene Schwester, die in der Nähe von Versailles den besten aller möglichen Bauernhöfe eingerichtet hat – nebst künstlichen Hügelchen, wasserlosem Brünnlein und freundlichen Luxusgebäuden. Kühe dürfen nicht fehlen, ebenso wenig ein echter Schweizer Hirte, und so kommt der junge Jacob nach Frankreich, quasi in Lohn und Kuchen.

Se non è vero, è ben trovato – wenn es nicht wahr ist so doch gut erfunden: Dort schmiedet die Prinzessin angesichts des heimatkranken und mariesehnsüchtigen Jacob einen Plan für die neuerliche Zusammenkunft der beiden "Königskinder".

Die unwichtige Frage nach der Wahrheit

Während diese wunderschön surreale Liebesgeschichte in den Bann zieht, entwickelt sich das Spiel zwischen den Jahrhunderten. Max und Tina verplaudern sich schlagfertig in ihren Rollen als Erzähler und kritische Zuhörerin, und langsam rückt die Schneefräse an. Zwei in einem ist dieser Roman, und auch der Erzähler Max ist eine Spiegelung. Ihn kennen wir spätestens aus Capus' letztem Roman "Das Leben ist gut" – dort wird er als Schriftsteller vorgestellt, der, wie sein Erfinder selbst, eine Tapasbar in der schweizerischen Kleinstadt Olten führt und seine Geschichten aus der Kundschaft erlauscht.

Embedded Fiction, ein Genre, das Capus dort scheinbar entwickelt – genau wie er es in der fiktionalen Ausgestaltung historischer Stoffe zur Meisterschaft und großer Leserschaft gebracht hat. Im neuen Roman trifft sich beides: Eine historisch verbürgte Biografie in Person des Hirtenjungen Jacob und das vermeintliche Ater Ego des Schriftstellers Capus. Man trifft sich in der demonstrierten Gewissheit dessen, dass die Frage nach Wahrheit in der Literatur, ach ja, die unwichtigste ist.

Liebesroman mit Weisheitsfunken

In allem bleibt der Autor Atmosphäriker und Romantiker, lässt mit schnellem Strich Welt entstehen und amüsiert mit seiner Zeichnung zweier Liebespaare. Seine Geschichten sind nicht Illustration einer Erzähltheorie, sondern werden zu einem Roman, der fesselt und dabei die typischen Capus'schen Weisheitsfunken schlägt. Liebe braucht eine Vision. Treue braucht ein mutiges Herz. Wer das noch einmal wissen will, der lasse es sich von Alex Capus erzählen.

Angaben zum Buch Alex Capus: "Königskinder"
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26009-2
176 Seiten
21 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. November 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2018, 15:13 Uhr

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