Der deutsche Jurist und Schriftsteller Georg M. Oswald.
In seinem neuen Roman widmet sich Georg M. Oswald mal wieder dem Scheitern. Bildrechte: dpa

Buchempfehlung: "Alle, die du liebst" Georg M. Oswald begibt sich in die Familienhölle

Der Schriftsteller Georg M. Oswald ist hauptberuflich Anwalt in München. Deshalb aber zu sagen, er sei nebenberuflich Schriftsteller würde seine andere Tätigkeit und Begabung maßlos unterschätzen. Oswalds Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, den Durchbruch erlangte er mit dem Roman "Alles was zählt". Jetzt erscheint sein neuer Roman "Alle, die du liebst".

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Der deutsche Jurist und Schriftsteller Georg M. Oswald.
In seinem neuen Roman widmet sich Georg M. Oswald mal wieder dem Scheitern. Bildrechte: dpa

Schon der Titel klingt leicht und nach Familienroman, erinnert aber zugleich an Oswalds größten Erfolg "Alles, was zählt". Denn bei Georg M. Oswald geht es eigentlich immer um alle und alles und vor allem: ums Scheitern. In "Alles was zählt" scheitert ein Karrierist in einer Welt des Profits im 21. Jahrhundert, in "Unter Feinden" führte Oswald bereits 2012 gescheiterte Integration in einem Münchner Problemviertel vor und in "Der Geist der Gesetze" scheiterte der Gesellschaftsvertrag und die Demokratie vorgeführt an einem korrupten Politiker und einem käuflichen Strafverteidiger.

Im neuen Roman geht es wieder um das Scheitern, hier allerdings das private Scheitern – und dennoch eingebunden in große gesellschaftliche Zusammenhänge – immerhin haben wir es mit Georg M. Oswald zu tun.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Am Anfang war das Scheitern

Cover von "Alle, die du liebst" von Georg M. Oswald
Georg M. Oswald:
"Alle, die du liebst"
18,00 Euro
208 Seiten
Piper
Bildrechte: Piper Verlag

Oswald erzählt die Geschichte des Steueranwalts Hartmut Wilke, Mitte 50, überaus erfolgreich, finanziell abgesichert. Verheiratet mit Carla, die für seine Karriere und die Erziehung der drei Kinder die eigenen Schauspielambitionen hinten angestellt hat und sich nun plötzlich vor einem Scherbenhaufen sieht. Denn nichts Ungewöhnliches passiert: Hartmut Wilke hat eine Verhältnis mit der 20 Jahre jüngeren Ines, die Ehe geht in die Brüche.

Carla behält das Haus, Hartmut verkauft zudem noch seine Anteile an der Anwaltskanzlei und nach dem ersten vermeintlichen Hoch der Midlifecrisis fängt es an zu bröseln: Die Kanzlei sieht sich dem Vorwurf des Steuerbetrugs ausgesetzt, die Kinder wenden sich ab von Hartmut, seine Ex-Frau Carla kommt nach erstem Schock langsam wieder auf die Beine – und das immer stärker je mehr Hartmut langsam den Boden unter den Füßen verliert. Doch das bemerkt er in seinem Stolz und der vermeintlichen Omnipotenz nicht wirklich.

Mehr als eine typische Midlifecrisis-Geschichte

Dann erreicht ihn eine Postkarte vom ältesten Sohn Erik, der vor längerer Zeit nach Afrika ausgewandert ist und auf der fiktiven Insel Kiani in Ostafrika eine Strandbar betreibt. Um diese zu erwerben hatte er einst seinen Vater vergeblich um Geld gebeten. Aber Erik, der ihm eine Postkarte mit einem geheimnisvollen Gleichnis schickt, lädt seinen Vater ein, ihn in Afrika zu besuchen.

Dort beginnt das Abenteuer für Hartmut Wilke mit Freundin Ines schon auf dem Flughafen: Nachdem man erst mal eine korrupten Offizier schmieren muss, um überhaupt durch den Zoll zu kommen, wartet auch Erik nicht vor Ort, um den Vater abzuholen. Schnell stürzen sich windige Gesellen auf die beiden Touristen und bieten ihre Dienste an, bis schließlich ein Fahrer auftaucht, der von Erik geschickt worden ist.

Krimi des Monats

Erik quartiert die beiden im Hotel vom Gangster Mister Jack unter. Bei einer Begrüßungsparty nimmt der Polizei-General Ines ihr Smartphone ab, weil dieses angeblich zu teuer ist, um es mit sich herum zu tragen. Hartmut, der Anwalt, der es gewohnt ist, dass nach Regeln und Gesetzen gehandelt und gelebt wird, findet sich in einer Welt wieder, wo Willkür statt Regelwerke an der Tagesordnung ist.

Vom ersten Moment an ist unterschwellige Willkür und Bedrohung zu spüren, das setzt sich mosaikhaft fort.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ständig versucht Erik seinem Vater beständig einzureden, dass alles in Ordnung sei, er seinen Platz und Ansehen in der Gemeinschaft gefunden habe und man sich in einer sicheren Idylle befinde, weicht aber den Fragen seines Vaters aus und antwortet auf konkrete Fragen ausweichend und spricht in Rätseln. Die Lage nimmt bedrohliche Züge an als der Warlord Gobane und vermummte Söldner auftauchen und Hartmut, Ines und ein paar andere Deutsche festgesetzt werden.

Im Sog der Spannungsliteratur

Oswald arbeitet gekonnt mit den Mitteln der Spannungsliteratur – das konnte er immer schon. Irgendwann entsteht ein so starker Sog, der es dem Leser nicht mehr gestattet, das Buch aus der Hand zu legen.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Umso bedrohlicher die Situation wird – und sie wird im wahrsten Sinne des Wortes lebensbedrohlich – kann Wilke auch nicht mehr mit Vermutungen hinter dem Berg halten, dass vielleicht alles geplant und abgekartet ist und er von seinem Sohn Erik und Mister Jack in eine Falle gelockt wurde, um am Ende um seine Vermögen erpresst zu werden. Mehr verraten wir jetzt nicht – nur so viel: spannend bis zur letzten Zeile.

Es geht mal wieder um alle und alles

Porträt von Georg M. Oswald
Der Schriftsteller Georg M. Oswald strickt aus seinem neuen Roman mal wieder eine Geschichte ums große Ganze. Bildrechte: Peter von Felbert

Konsequent von Hartmut als Ich-Erzähler gelingt es dem Autor mit ökonomischen Sätzen das Geheimnisvolle, das unterschwellig Angst-Auslösende des anderen Kontinents und der unbekannten Protagonisten inklusive des eigenen Sohn zu erzählen. Hartmut fremdelt von Anfang an mit der anderen Welt, der Leser ist nie weiter als Harmut selbst mit all seinen Ängsten und Befürchtungen. Unter dem Text liegt ein Raunen und man weiß nie genug, um die Situation komplett einschätzen zu können. Das ist große Kunst: Oswald verrät nicht zu viel, aber legt doch genug Fährten, falsche und richtige. Erinnert fühlt man sich dabei an "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad – der Prototyp von Text, in dem sich das Individuum dem Anderen, dem Unbekannten ausgesetzt fühlt und dadurch in seinem Handlungsvermögen beschränkt ist. Und so ist dieser Text mehr als nur eine spannende Geschichte, vielmehr stellt er die Frage: Wie gehen wir um mit Situationen, die alles infrage stellen. Wie gehen wir um mit Menschen, die sich unseren Regelwerken komplett entziehen, für die Chaos und Willkür Alltag sind und die uns deshalb überlegen sind, weil sie sich nie auf ein Regulativ außerhalb von sich selbst verlassen haben.

Lesung am 29.11.2017 in Halle Georg M. Oswald liest aus "Alle, die du liebst",
moderiert von MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher
Zeit: 29.11.2017, 19:30 Uhr
Ort: Volkspark Halle, Schleifweg 8a , 06114 Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 28. November 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2017, 07:40 Uhr