Buch-Tipp Ann Petry "Die Straße": Rassismus in Harlem statt American Dream

Eine der großen Wiederentdeckungen dieses Bücherfrühlings: In Ann Petrys Roman "The Street" versucht sich eine junge schwarze Frau in den 40er-Jahren in Harlem durchzuschlagen: Als alleinerziehende Mutter kämpft Lutie Johnson darum, ihren Sohn trotz Armut, Gewalt und rassistischer Verachtung zu einem anständigen Menschen heranzuziehen. Furios erzählt und spannend wie ein Krimi. "The Street" war der erste Roman einer afroamerikanischen Frau, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte.

Was für eine Wucht von diesem Roman ausgeht! 1946 veröffentlichte Ann Petry (1908–1997) "The Street", ein Debüt, das sofort einschlug und sich über eine Million Mal verkaufte, was zuvor keiner afroamerikanischen Autorin gelungen war. Auf Deutsch erschien "Die Straße" erstmals 1982 in der legendären Ullstein-Reihe "Die Frau in der Literatur", und es ist fast unbegreiflich, dass dieser Meilenstein der amerikanischen Literatur erst jetzt in einer überfälligen Neuübersetzung wieder vorliegt.

Wohnungssuche in Harlem

Schriftstellerin Ann Petry
Autorin Ann Petry Bildrechte: Carl Van Vechten/Yale Collection of American Literature, Beinecke Rare Book and Manuscript Library

Lutie Johnson, Petrys Protagonistin, ist eine junge schwarze Frau, die sich in den 40er-Jahren in Harlem durchzuschlagen versucht. Nachdem ihre früh eingegangene Ehe mit Jim, der sich – als sie als Haus- und Kindermädchen bei einer reichen weißen Familie in Connecticut die Familie ernährte – mit einer anderen Frau vergnügte, gescheitert ist, sucht sie zusammen mit ihrem Sohn Bubb eine Wohnung. Schon diese Auftaktszene zeigt Petrys Kunst, Elend und Leid dem Leser fast körperlich nahe zu bringen. Die kleinen, überteuerten Wohnungen in Harlem sind heruntergekommene Verschläge, trostlose Quartiere, für die man dankbar sein muss, obwohl sie keinen Dollar wert sind.

American Dream?

Von all dem lässt sich Lutie nicht unterkriegen, verhängnisvollerweise dem "amerikanischen Traum" anhängend, den der demokratische Präsidentschaftskandidat Adlai Stevenson einst auf diese Formel brachte: "Die Amerikaner gehen unbewusst immer davon aus, dass jede Geschichte zu einem Happy End führen müsse."

Schaurige Figuren

Autos stehen vor einem Nachtclub in Harlem
Ein Nachtclub in Harlem, 1940 Bildrechte: imago images/Everett Collection

Lutie bildet sich weiter, dreht jeden Cent zweimal um, bevor sie ihn ausgibt, kümmert sich um ihren aufgeweckten Sohn und setzt lange darauf, aus eigener Kraft ihr Schicksal zu meistern und einer leuchtenden Zukunft entgegenzugehen. An Widerständen mangelt es dabei nicht: Da wird sie, als ihr eine Karriere als Nachtclub-Sängerin in Aussicht gestellt wird, schamlos betrogen. Da begegnen ihr Weiße, die in jeder gutaussehenden schwarzen Frau automatisch ein Flittchen sehen. Da ist das abgewirtschaftete Harlem, wo es in Metzgereien nur das Fleisch gibt, das woanders keine Abnehmer findet, und da muss sie sich der dreisten Zudringlichkeiten gleich mehrerer "Verehrer" erwehren.

"Die Straße" ist ein packend zu lesendes Buch mit einem schaurigen Figurenarsenal. Hauswart Jones zum Beispiel, der die Wohnungsnot von Frauen ausnutzt, danach giert, mit Lutie ins Bett zu gehen, und ihren Sohn zum Kleinkriminellen machen will, oder Mrs. Hedges, die heimliche Regentin des Mietshauses, die ein Bordell betreibt, macht Ann Petry zu unvergesslichen Gestalten, denen sie bei aller Durchtriebenheit immer wieder eine Spur von Verständnis entgegenbringt.

Furioses Finale

Ann Petry „Die Straße“
Ann Petry "Die Straße Bildrechte: Nagel & Kimche

Ann Petry – das ist zu spüren – hat ihr Handwerk gelernt. Sie greift, manchmal nah an der Kolportage, auf Elemente des Gangster- und Kriminalromans zurück, errichtet einen in einem furiosen Finale endenden Spannungsbogen und skizziert Milieus, deren Atmosphäre sie in jedem Satz zu spiegeln weiß.

Die Straße, das ist ein alles verschlingender, gelegentlich symbolisch überblendeter Schicksalsraum und Ann Petrys gleichnamiger Roman eine der großen Wiederentdeckungen dieses Bücherfrühlings.

Infos zum Buch Ann Petry "Die Straße" Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Udo Strätling
Mit einem Nachwort von Tayari Jones

Nagel & Kimche Verlag, München 2020

383 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-312-01160-5

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Mai 2020 | 08:10 Uhr