Buchvorstellung "Die Schauspielerin": Ein großartiger Roman über die Sehnsucht nach Anerkennung

Die Irin Anne Enright lässt eine fiktive Schriftstellerin das Leben ihrer Mutter erzählen, einer Filmdiva. "Die Schauspielerin" ist ein Buch mit sehr überzeugenden Figuren – und ein vielschichtiger Roman über die Kunst, findet unsere Kritikerin.

Anne Enright
Die irische Autorin Anne Enright. Bildrechte: dpa

Sie ist eine Urszene der Literatur: Die Lebensgeschichte eines Helden, einer Heldin, erzählt in ihren Höhen und Tiefen, von der Wiege bis zur Bahre, durch alle Untiefen hindurch. Derzeit werden Frauenleben so erzählt, ob bei Elena Ferrante oder Rachel Cusk, Annie Ernaux, Siri Hustvedt – es sind Frauenbiografien, fiktional oder historisch, die gut verkauft werden.

Ein Trend? Nun, hat es vielleicht damit zu tun, dass wohl noch nie in der Geschichte ein Frauenleben so viele Richtungen nehmen konnte wie heute? Dass wir so viele Freiheiten haben und dabei so viele komplizierte Abzweige nehmen können, die wiederum mit Unfreiheiten zu tun haben?

Frausein in der Gesellschaft als Sujet für die Literatur

Das Frausein in der Gesellschaft ist im Moment so kontingent und noch gar nicht so richtig ausgehandelt, hat so viel mit Verletzungen, Brüchen, mit Emanzipation und im gleichen Moment Orientierungslosigkeit zu tun wie vielleicht noch nie. Die Literatur forscht dem nach, stellt ihre Experimente an – wie in diesem neuen Roman der großen Irin Anne Enright. Hier versucht eine Künstlerin ihren Weg zu finden, taumelt, wird verletzt, und wird gespiegelt von ihrer Tochter, die eine ganz andere Version der Kunst für sich entdeckt.

 Anne Enright: "Die Schauspielerin"
Anne Enright: "Die Schauspielerin" Bildrechte: Penguin

"Die Schauspielerin" ist die Mutter der Ich-Erzählerin. Katherine O'Dell heißt sie, und sie ist nicht irgendeine Mutter, sondern die bekannteste Schauspielerin Irlands. Rothaarig, divenhaft, Volksheldin und zugleich Hollywood-Schönheit.

Katherine O'Dell, diese fiktive Größe, wird 1928 geboren, steht schon als Zwölfjährige auf der Bühne und wird als Naturtalent entdeckt – in dem ersten Drittel des Buches etwa erfahren wir, wie ihr Stern steigt, und es ist faszinierend beschrieben, wie sie lernt zu spielen, wie sie die Bühne überglänzt mit ihrem Können, schließlich die Leinwand.

Doch hier weiß man schon, dass irgendwas schief gelaufen sein muss. Gleich zu Anfang des Buches wird berichtet, wie Katherine O'Dell an einem Moment, an dem sie am Ende ihrer Karriere und ihres Lebens ist, keine Rollen mehr bekommt und jüngere Diven an ihr vorbeiziehen, eine Pistole nehmen wird und einem Produzenten in den Fuß schießt. 

Ein Roman über Mutter und Tochter

Die Ich-Erzählerin ist auf der Suche nach einem Grund für den Schuss ihrer Mutter. Norah, wie sie heißt, hat allerdings noch viel größere Geheimnisse zu durchstehen. Wer ihr Vater ist, hat ihre Mutter ihr nie verraten. Sie weiß wenig von dem Liebesleben ihrer Mutter – weiß aber andererseits viel über ihre Mutter, das andere nicht wissen. 

Dass Katherine O'Dell eigentlich keine Irin, sondern in London geboren ist. Dass die ikonischen roten Haare gefärbt sind. Dass sie unglaublich viel dafür bezahlt hat, ein Star zu sein und vor allem lange zu bleiben: Erniedrigungen, Stärke, Vergewaltigungen. Norah lebt mit ihrer Mutter in einer Art Symbiose, wird von ihr als Gesellschafterin benutzt, die beiden rauchen Schachtelweise stumm ihre Zigaretten am Abend, und wenn ihre Tochter mal Freunde mit nach Hause nimmt, dann ist das die Gelegenheit für Katherine nochmal ganz große Auftritte zu veranstalten.

Norah entschließt sich schließlich Schriftstellerin zu werden – und irgendwann, als ihre Mutter längst tot ist und sie in etwa in dem Alter, in dem ihre Mutter gestorben ist, beginnt sie diesen Roman, diese Erforschung des Mutterlebens, und damit auch ihres eigenen Lebens.

Fiktive Biografie und Roman über die Kunst zugleich

Es ist eine bemerkenswerte Aufstellung, die Anne Enright hier literarisch betreibt – sie schreibt von einem Aufwachsen im Schatten einer expressiven Mutter. Norah kann man sich zunächst als eine Art Mauerblümchen an der Fassade ihrer Mutter vorstellen – doch hinter dieser Erzählung steht eine weitere.

Denn "Die Schauspielerin" ist ein Roman über die Kunst. Zwei Künstlerinnen sind gegeneinander aufgebaut: Schauspielerin und Schriftstellerin, eine nach außen, eine nach innen, Exaltiertheit und Introvertiertheit. Authentizität und Trugbild. Und eine arbeitet gegen die Zeit an, die andere arbeitet mit der Zeit.

Norah schreibt an einer Stelle: "Die Tage sind öde, die Jahre nicht und die Jahrzehnte ein Wunder", und dies schreibt sie als Schriftstellerin, ganz in der Tradition von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", aus der auch ein Motto des Buches stammt. Das ganze Gegenteil ist bei ihrer Mutter der Fall: Für Katherine O'Dell ist die Zeit eine Katastrophe. Für sie gibt es immer nur den einen Moment, in dem sie schön sein muss und ihre Kunst feiern kann als Schauspielerin.

Kunstvoll, traurig und dennoch teils witzig erzählt

Während die Mutter stets damit zu tun hat, die Zeit und das Älterwerden zu verneinen, hat sich ihre Tochter genau den Beruf gesucht, der die Zeit vollkommen bejaht: nämlich das Schreiben.

All dies ist kunstvoll erzählt. Nuanciert, lakonisch, traurig und teils sehr witzig. Beim Lesen wird man so in die psychischen Verstrickungen und Beschreibungen hineingezogen, dass man es kaum glauben will, hier keinen autobiografischen Bericht vor sich zu haben.

Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Bis in die Nebenfiguren stimmt dieses Buch. Eine Journalistin nervt Norah immerzu mit Recherchen über ihre Mutter, über sie schreibt sie:

Auszug aus "Die Schauspielerin" von Anne Enright

"Holly Devane schreibt mir, inzwischen sehe sie meine Mutter als große irische Feministin. Meine Mutter, möchte ich Holly antworten, war eine große irische Katastrophe. Ein Ausbund an Leid, Wahn und Trauer. Und, ganz nebenbei bemerkt, nicht irisch."

Vor solchen Absätzen lässt sich niederknien, vor allem in der sehr feinen Übersetzung von Eva Bonné. Einmal mehr ein großartiger Roman der Irin Anne Enright.

Informationen zum Buch Die Schauspielerin
von Anne Enright
Aus dem Englischen von Eva Bonné
304 Seiten
Penguin Verlag
22 Euro
ISBN: 978-3-328-60134-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2020 | 08:10 Uhr