Annie Ernaux
Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux Bildrechte: imago/Pacific Press Agency

Rezension "Eine Frau": Bestseller-Autorin Annie Ernaux nimmt Abschied von ihrer Mutter

Das ganze Werk von Annie Ernaux ist autobiografisch geprägt. In "Der Platz" spürt die französische Schriftstellerin dem Leben ihres Vaters nach, "Eine Frau" erscheint jetzt auf Deutsch und widmet sich der Geschichte ihrer Mutter. Begonnen hatte Ernaux damit kurz nach deren Tod im Alter von 78 Jahren. Dabei ist ihr Buch nicht nur das zärtliche Porträt eines geliebten Menschen und Dokument der Trauer, sondern auch Spiegel einer Epoche.

von Susanne von Schenk, MDR KULTUR

Annie Ernaux
Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux Bildrechte: imago/Pacific Press Agency

Auch heute, gut 30 Jahre später, wirkt Annie Ernaux sichtlich bewegt, wenn sie über den Tod ihrer Mutter spricht. Vor Kurzem ist die französische Schriftstellerin 79 Jahre alt geworden, genauso alt, wie ihre Mutter war, als sie 1986 in einem Altersheim bei Paris starb. Die kleine, zarte Frau mit halblangen Haaren, wachen Augen und großer Präsenz erzählt: "Ich höre immer noch den Krankenpfleger, der mir nicht gerade sehr einfühlsam den Tod meiner Mutter am Telefon mitteilt. Ich war am Boden zerstört und begann bald mit dem Buch über sie. Es ist so, als hätte mir das Schreiben geholfen, meine Mutter zur Welt zu bringen. Das ist eine Umkehrung, eine Inversion."

Knapp, schnörkellos und doch zärtlich

"Eine Frau" setzt mit der Todesnachricht ein. Nüchtern und sachlich, zugleich distanziert, wie unter Schock, beschreibt Annie Ernaux, wie die Mutter in die Leichenhalle gebracht und wenige Tage darauf im kleinen Familienkreis bestattet wird. Knapp zwei Wochen später beginnt sie mit dem Buch über ihre Mutter.

Sie ist die einzige Frau, die mir ernsthaft etwas bedeutet hat, und sie war zwei Jahre dement.

Annie Ernaux Aus: "Eine Frau"

Der Stil des Buches ist knapp, schnörkellos und dennoch voller Zärtlichkeit. Unterbrochen von selbstreflektierenden Einschüben erzählt Annie Ernaux das Leben ihrer Mutter weitgehend chronologisch: Geboren wird sie 1906 in der Normandie, wo sie den Großteil ihres Lebens verbringt. Eine Kindheit mit zahlreichen Geschwistern, geprägt von Entbehrungen. Schon als Zwölfjährige arbeitet sie in einer Margarinefabrik. 1928 heiratet sie, wenige Jahre später eröffnet sie einen kleinen Lebensmittelladen. Das erste Kind stirbt. 1940 kommt Annie zur Welt, und die Autorin notiert später darüber in "Eine Frau":

Jetzt habe ich das Gefühl, als schriebe ich über meine Mutter, um sie dadurch zur Welt zu bringen.

Annie Ernaux Aus: "Eine Frau"

Komplexe Mutter-Tochter -Beziehung

"Eine Frau", das neue Buch von Annie Ernaux
"Eine Frau" ist jetzt auf Deutsch erschienen Bildrechte: Suhrkamp

Sie ist ganz anders als der Vater, der in seinem Milieu und an "seinem Platz" bleibt – ihr Buch über ihn hat Annie Ernaux deshalb auch "Der Platz" genannt. Die lebensbejahende, bildungshungrige Mutter schickt die Tochter aufs Gymnasium. Büchern gegenüber verhält sie sich geradezu ehrfürchtig, erinnert sich Annie Ernaux: "Erst lehnt sie es ab: 'Oh nein, warte, dass ich mir die Hände wasche' – als ob es ein heiliger Gegenstand wäre. Und was ich dann realisiert habe: Sie will, dass ich Bücher schreibe."

Wie viele Mutter-Tochter Beziehungen ist auch diese komplex und kompliziert, zugleich ist sie, das wird beim Lesen schnell deutlich, auch von großer Nähe geprägt. Annie studiert, wird Lehrerin, zieht mit Mann und Kindern weg. Sie bricht mit ihrem Herkunftsmilieu, für die Autorin, die sich als Klassenflüchtling bezeichnet, wird das zum Lebensthema:

Manchmal stand ihr in Gestalt ihrer Tochter der Klassenfeind gegenüber.

Annie Ernaux Aus: "Eine Frau"

Buch der Trauer und des Abschieds

1979 wird die Mutter von einem Auto angefahren und kommt ins Krankenhaus. Ihr Verhalten ändert sich. Die Autorin beschreibt überzeugend ihre Ratlosigkeit, wenn die Mutter auf Züge wartet, die längst abgefahren sind, einkaufen geht, obwohl die Geschäfte schon geschlossen haben oder ständig Schlüssel verliert. Sie leidet an Alzheimer. Von dem Moment an fällt Annie Ernaux das Schreiben schwer, weil die Mutter zu einer Fremden wird:

Ich habe den Eindruck, dass sie verrückt wird, ihre ganze Persönlichkeit ist vollkommen verändert. Sie wird zu einer anderen Frau, und das ist ein großer Schmerz. Ich trage ihn in mir, in all den Jahren.

Annie Ernaux Aus: "Eine Frau"

Das ganze Werk von Annie Ernaux ist autobiografisch geprägt. "Eine Frau" ist vielleicht der berührendste, persönlichste Text, ein Buch des Abschieds und der Trauer. Für die Autorin endet mit dem Tod der Mutter auch die Verbindung zu ihrem Ursprungsmilieu – und das macht es für sie doppelt schmerzlich: "Mir kommt es vor, als würde ich noch hören, wie sie die Türe zu meinem Arbeitszimmer öffnet und hereinkommt. All das will ich festhalten, weil ich weiß, dass es verlöschen wird. Denn ich ahnte über all die Jahre: Es sind ihre Gesten, ihre Worte, es ist ihr Körper, die mich mit der Welt verbanden, aus der ich stamme."

Angaben zum Buch Annie Ernaux: Eine Frau
Suhrkamp Verlag
Aus dem Französischen übersetzt von Sonja Fink
Gebunden, 88 Seiten
ISBN: 978-3-518-22512-7
Preis: 18 Euro

Angaben zum Hörbuch Annie Ernaux: "Die Jahre"
Hörspiel von Luise Voigt
erschienen bei Der Audioverlag
Länge: 78 Minuten
ISBN: 978-3-7424-1032-0

Getragen wird das Hörspiel ganz wesentlich von den Schauspielerinnen Nicole Heesters, Constanze Becker und Corinna Harfouch, die mit ihren ganz unterschiedlichen Temperamenten die Altersperioden von Annie Ernaux symbolisieren.

Der Deutsche Hörspielpreis der ARD für die beste schauspielerische Leistung in einem Hörspiel 2019 ging gerade an Nicole Heesters für ihre Sprecherrolle in der Produktion des Hessischen Rundfunks. 2Aus ihrer Interpretation der literarischen Vorlage sprechen Weisheit und Warmherzigkeit genauso wie eine bodenlose Coolness", urteilte die Jury.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2019, 04:00 Uhr

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