Rezension Warum die Semperopern-Premiere "Ariadne auf Naxos" nur musikalisch überzeugt

Mit einer Starbesetzung wollte die Semperoper Dresden bei der Premiere von "Ariadne auf Naxos" glänzen. Richard Strauss gilt immerhin als Hausgott und Dirigent Christian Thielemann als kongenialer Interpret. MDR KULTUR-Kritiker Uwe Friedrich lobt denn auch die musikalische Seite über alle Maßen, doch die Inszenierung der Geschichte um Liebe, Tod und Verwandlung setzt zu sehr auf simple Pointen, findet er.

MDR KULTUR: Es geht um Theater auf dem Theater, um einen reichen Mann in Wien, der befiehlt, dass eine Komödie und eine Tragödie durcheinander aufgeführt werden sollen, um Liebe, Tod und Verwandlung. Die Handlung gilt als einigermaßen verworren, da muss ein Regisseur für Ordnung sorgen. Was macht nun David Hermann an der Dresdner Semperoper aus der Geschichte?

Uwe Friedrich: Er trennt die Bestandteile - gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Paul Zoller. Im Vorspiel sehen wir drei Garderobentüren, einen Flur, aus dem dann die Protagonisten von Oper und Commedia dell'Arte immer mal wieder kommen, um vorne an der Rampe miteinander zu streiten: Der Komponist ist verzweifelt, weil er sein Werk noch mal umarbeiten und stark kürzen muss ... Immer wenn die Türen aufgehen, öffnet sich dahinter ein anderer Raum. Das ist eine sehr charmante Idee. Da sieht man zum Beispiel die Dusche des Tenors. Da sieht man ein Kühlhaus, in dem der Komponist vermeintlich den Freitod sucht. Da sieht man auch schon mal mit einem Blick die wüste Insel, die für den zweiten Teil der Oper aufgebaut ist.

Daniela Sindram (Komponist), Daniela Fally (Zerbinetta) an der Semperoper Dresden
Blick in die heitere Welt der Zerbinetta (Daniela Fally) Bildrechte: Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Auch hier werden die Sphären streng getrennt voneinander, einmal in die heitere Welt der Zerbinetta - das ist so ein Rokoko-Idyll mit Fragonard-Schaukel und Figuren wie Watteaus Pierrot. Also es wird ein bisschen in die Kunstgeschichte geguckt links auf der Bühne. Rechts auf der Bühne aber ist es schwarz - und eine Treppe wird von den Gehilfinnen der Ariadne -Najade, Dryade und Echo - zwanghaft geschrubbt. Da denkt natürlich der geübte Operngänger, der Strauss- und Hugo von Hoffmannsthal-Fan sofort an "Elektra" - und hier sind wir beim echten Problem des Abends: Es wird wild assoziiert durch die Mythen, durch die Stoffe. Und Regisseur David Hermann geht immer auf die simple Lösung, im ersten Teil auf die simple Pointe: Der Friseur ist natürlich schwul und ziemlich tuntig. Er trägt einen ziemlich bescheuerten Irokesen-Schnitt. Der Tenor kommt selbstverständlich im offenen Bademantel aus der Dusche. Und im zweiten Teil schleppt dann Ariadne auch noch das Beil über die Bühne, das Elektra ihrem Bruder Orest nicht geben konnte.

Das ist alles nicht ganz zu Ende gedacht und am Ende doch ein bisschen simpel. Denn in dieser Oper geht es ja darum, dass sich die Sphären vermischen, dass was Neues passiert, auf einer so streng getrennten Bühne ist das nicht möglich. Es wird auch verblüffend wenig gespielt unter den Protagonisten und dann muss ich sagen - ich liebe diese Oper heiß und innig - szenisch zieht es sich dann doch ein bisschen. Das Finale wirkt etwas angeklebt.

Das klingt so, als würde sich David Hermann assoziationsreich einmal quer durch den Mythengarten pflügen. Also gar keine neuen Erkenntnisse auf der Bühne?

Kurze Antwort: Nein, das ist wirklich schade, weil das Interessante eigentlich ist, wie sich die Figuren entwickeln, wie sie zueinanderstehen. Er bringt so ein paar Ideenansätze, würde ich mal sagen, das etwa der Komponist, der scheinbar den Freitod gesucht hat, dann im zweiten Teil doch wieder auftaucht - der hat sich mit Zerbinetta ja ein wenig ausgesöhnt, vielleicht ein Techtelmechtel begonnen: Also während der Oper kommt er mit der Partitur noch einmal auf die Bühne und ist dann doch recht zufrieden, was da passiert. Aber was in der Todeserwartung der Ariadne passiert, wenn Bacchus kommt - und sie stirbt dann doch nicht - da passiert musikalisch eine Menge, das ist musikalisch ganz großartig gemacht, aber szenisch ist das nicht wirklich beglaubigt.

Die Partien der Ariadne, des Bacchus und der Zerbinetta sind mörderisch anspruchsvoll. Kann die Dresdner Besetzung überzeugen?

Im Prinzip schon, mit dem kleinen Abstrich, dass ich meine, eine Premieren-Nervosität gespürt zu haben. Stephen Gould ist sicher der erfahrenste Bacchus, den man im Moment haben kann. Er singt das unglaublich souverän. Auch mit der nötigen Kraft auch bis zum Ende hin, dieses lange Finale, wo beide noch mal richtig ranmüssen. Und auch Krassimira Stoyanova findet diese sowohl leisen, todessehnsüchtigen Klänge als auch dann den auftrumpfenden Gestus im Finale. Und Daniela Fally präsentiert auch die Kolloraturen zum großen Vergnügen des Dresdner Publikums. Ihnen allen fehlt nach meiner Einschätzung die allerletzte Freiheit, die großen Töne noch mal richtig in den Saal fluten zu lassen. das mag Premierennervosität gewesen sein, das kann sich ändern in den nächsten Aufführungen.

Am Pult stand Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, der sich in der Oper ziemlich rar macht. Er ist ausgewiesener Strauss- und Wagner-Experte. War es das erhoffte Fest?

Also ganz klar: Das kann er wie kaum ein anderer: Diese Mischungen in dieser wunderbaren Partitur des eigentlich kleinen Orchesters, das groß aufrauscht. Dass die Klänge aufeinander abgestimmt sind. Hinreißend. Andererseits ist Christian Thielemann auch jemand, der immer die absolute Kontrolle haben möchte und dadurch wirkt das Ganze sehr kontrolliert, ziemlich kühl und glatt. Wenn er allen - auf der Bühne als auch im Graben - einen Tick mehr Freiheit gönnen würde, dann könnten die Sänger auch richtig Luft unter die Flügel kriegen und mit den großen Tönen fliegen. Sie müssten nicht immer gucken, ob er immer noch da ist. Das war nämlich ein ganz interessantes Phänomen, dass alle immer wieder auf den Dirigenten schauten, als bestünde die Gefahr, dass Christian Thielemann türmt. Aber natürlich ist er bis zum Schluss gebleiben und es war ein Triumph.

Service-Info: Strauss im Doppel-Pack Richard Strauss
Ariadne auf Naxos
Oper in einem Aufzug nebst einem Vorspiel
Text von Hugo von Hofmannsthal

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Wenn der Auftraggeber zum Impressario wird: Weil ihm die tragische Oper um die von ihrem Geliebten Theseus verlassene Ariadne nicht unterhaltsam genug ist, wird zusätzlich eine Komödiantentruppe eingeladen, die parallel zum Trauerspiel ihre Possen aufführt ...

Weitere Aufführungstermine:
05.12. / 08.12./12.12./14.12.2018 | 19:00 Uhr

Und außerdem:

Richard Strauss:
Arabella

Oper in drei Aufzügen
Libretto von Hugo von Hofmannsthal

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

"Arabella", uraufgeführt am 1. Juli 1933 in Dresden, erzählt die Geschichte des Grafen Waldner und seiner Familie, die kurz vor dem finanziellen Ruin steht. Diese Strauss-Oper feiert jetzt ebenfalls Premiere:

07.12. / 10.12./13.12.2018 | 19:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2018, 14:41 Uhr

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