Kunsthaus Apolda Avantgarde Feininger-Ausstellung "Traumstadt": Der Wanderer zwischen den Welten

Der Bauhaus-Meister Lyonel Feininger lebte vor hundert Jahren und war damals schon, ganz untypisch für seine Zeit, ein Globetrotter: Denn Feininger wuchs in den USA abwechselnd in New York und im ländlichen Connecticut auf. Später lebte er in Deutschland, wo er immer wieder das Weimarer Land besuchte und dort arbeitete. Die Gegensätze zwischen Land und Stadt faszinierten ihn – und wurden zu wichtigen Motiven in seinen Werken. Eine Ausstellung im Kunsthaus Apolda nimmt dies nun in den Fokus.

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Bild von Lyonel Feininger
Grüne Brücke II, 1916, Öl a. Lwd., North Carolina Museum of Art, Raleigh Bildrechte: VG Bild-

Eine Brücke in zartem Türkis gehalten, dahinter Häuser in verschiedenen violett-Tönen, im Mittelpunkt des Bildes eine Straße, auf der verschiedene Menschen unterwegs sind – vielleicht tänzeln sie auch, oder schweben: Das Bild "Grüne Brücke II" von Lyonel Feininger strahlt mit seinen satten Farben in unzähligen Schattierungen eine große Magie aus. Im Kunsthaus Apolda hängt es an einer in tiefem Königsblau gestrichenen Wand, und zieht so alle Blicke auf sich. Die Grüne Brücke war eines der favorisierten Themen Lyonel Feiningers, er malte sie oft und verewigte sie in Drucken und Zeichnungen.

In dieser Version des Motivs wird der Einfluss des Kubismus deutlich, sowohl die Architektur als auch die Figuren im Bild setzen sich aus unzähligen verschiedenen Schattierungen zusammen. Hier erkennt man die kristalline, transparente Lichtmalerei wieder, die Feininger weltberühmt machte. Dabei lagen seine Anfänge als Künstler ganz woanders, denn einen Namen machte er sich zunächst als Karikaturist und Comicmaler. Die Ausstellung in Apolda zeichnet nun diesen künstlerischen Lebensweg nach, mit Werken aus den Jahren 1890 bis 1955. "Wenn man oberflächlich auf Feininger schaut, hat man oft das Gefühl, Feininger hätte komplett voneinander abgetrennte Phasen durchlaufen", erklärt Kurator Tom Beege: "Aber diese Phasen bauen aufeinander auf, es ist eine Entwicklung. Und es gibt eine große Einheit in Feiningers Werk."

Einblicke in die Ausstellung

Bild von Lyonel Feininger
Rue St. Jacques, 1953, Öl a. Lwd.Marlborough International Fine Art, London Bildrechte: VG Bild-
Bild von Lyonel Feininger
Rue St. Jacques, 1953, Öl a. Lwd.Marlborough International Fine Art, London Bildrechte: VG Bild-
Bild von Lyonel Feininger
Grüne Brücke II, 1916, Öl a. Lwd., North Carolina Museum of Art, Raleigh Bildrechte: VG Bild-
Bild von Lyonel Feininger
Promenade, 1914, Kohle und Tusche auf Papier, Kunstsammlung Klaus u. Erika
Hegewisch gemeinnützige GmbH
Bildrechte: VG Bild-
Bild von Lyonel Feininger
Das verhängnisvolle Automobil (auch bekannt als:
Die Hochzeitsreise im Automobil) | 1900 | Feder über Bleistift und
Wasserfarben auf Papier | 29,8 x 24,3 cm | bez. u. r.: Feininger gez.,
u. l.: Seinem lieben Fritz in herzlichster Freudschaft! d. 28. Dez. 1900
Leo. | Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Bildrechte: VG Bild-
Bild von Lyonel Feininger
Dorf (Markwippach), 1927, Öl a. Lwd., The Phillips Collection, Washington, D.C Bildrechte: VG Bild-
Bild von Lyonel Feininger
Lustige Blätter, Es ist da…, 1900, Farbradierung, Bayerische Staatsbibliothek München Bildrechte: VG Bild-
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Bilder voller Leben

Verschiedene künstlerische Phasen, die doch miteinander in Verbindung stehen. Da ist beispielsweise die Dynamik in den Motiven, die sich in den abstrakten Skizzen der späteren Jahre genau so wiederfindet wie in detailraichen Karikaturen vom Beginn seiner Karriere. Die Zeichnung "Das verhängnisvolle Automobil" von 1900 etwa gleicht einem Wimmelbild: Ein frisch vermähltes Paar sitzt in einem Auto, küsst sich, selbstvergessen - und das Auto überfährt in diesem Moment einen Mann. Aus Panik klettern drei Passanten flugs an einer Straßenlaterne hoch, ein Kindermädchen mit Kinderwagen tritt die Flucht an - überall ist hier Bewegung.

Bild von Lyonel Feininger
Das verhängnisvolle Automobil (auch bekannt als: Die Hochzeitsreise im Automobil) | 1900 | Feder über Bleistift und Wasserfarben auf Papier | 29,8 x 24,3 cm | Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett Bildrechte: VG Bild-

Von New York nach Gelmeroda

Noch eine weitere Sache verbindet die verschiedenen Schaffensphasen Feiningers: die Motive von Stadt und Land, die in der Ausstellung nun im Fokus stehen. Feininger war zeit seines Lebens sowohl fasziniert von der rasanten Entwicklung der Großstädte, wie auch von der puren Romantik ländlicher Idylle, die er etwa im Weimarer Land vorfand. 1906 kam Feininger erstmals in diese Region, als er seine künftige Frau Julia Berg besuchte. Im Liebestaumel waren die jahrhundertealten Dorfkerne eine Offenbarung für den in New York Aufgewachsenen, sagt Kuratorin Andrea Fromm. "Diese Dörfer waren für ihn das Ursprüngliche, das Urtümliche, in das er sich immer wieder zurückzog. Und sie waren letztlich auch Symbol seiner inneren Fantasiewelt."

Dieser romantisierten, alten Welt fühlte Feininger sich auch in seinen Jahren am Bauhaus verbunden. Es habe immer zwei Feiningers gegeben, so umschreibt es Kuratorin Fromm heute: den Nostalgiker auf der einen, und den technikbegeisterten Pragmatiker auf der anderen Seite. Lyonel Feininger war ein Mensch voller Widersprüche und ein ungeheuer vielseitiger Künstler - das macht die Ausstellung in Apolda deutlich. Ein sehr sehenswerter Blick über den Tellerrand im aktuellen Bauhausjahr.

Die Ausstellung "Traumstadt - Lyonel Feininger und seine Dörfer"

Kunsthaus Apolda Avantgarde
15. September bis 15. Dezember 2019
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. September 2019 | 07:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2019, 04:00 Uhr