Ausstellung in Leipzig Wie Bach und Beethoven zum Klassiker wurden

"Bach und Beethoven – Wahre Kunst bleibt unvergänglich", so heißt die neue Sonderausstellung im Leipziger Bach-Museum. Der Titel ist Programm, denn deutlich werden soll, wie Bach und Beethoven zu "Klassikern" wurden, obwohl das zeitgenössische Publikum oft noch ein bisschen überfordert von ihren Kompositionen war. Gezeigt wird, welche große Rolle das rege Leipziger Verlags- und Musikleben spielte. Und dass Bachs Musik Beethoven beeinflusste, ist auch zu hören!

Die Ausstellung über Bach und Beethoven 7 min
Bildrechte: Bach-Archiv Leipzig

Bis Oktober steht die Sonderausstellung „Bach und Beethoven – Wahre Kunst bleibt unvergänglich“ im Leipizger Bach-Museum. Claus Fischer gibt einen ersten Einblick.

MDR KLASSIK Do 28.05.2020 09:10Uhr 06:56 min

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Beethoven bezeichnete Bach in einem Brief an Franz Anton Hoffmeister als den "Urvater der Harmonie"", erzählt Kuratorin Henrike Rucker vom Leipziger Bach-Museum und zeigt das Schreiben mit der typisch-chaotischen Handschrift des Komponisten. Im gleichen Atemzug betont sie, dass das bekannteste Zitat Beethovens "Nicht Bach, Meer soll er heißen" dagegen nicht belegt sei. Seine Zeitgenossen überlieferten es. Aber es gebe andere aussagestarke Quellen, z.B. Notenautographe.

Beethoven schreibt ab bei Bach

Eine Frau versucht den Text der Kantate "Mein Herze schwimmt im Blut" zu lesen, aus deren Noten ein Mundschutz für eine Bach-Büste im Bach-Archiv vor der Ausstellung «Bach und Beethoven gefertigt wurde
Mundschutz auch für die Bach-Büste, mit dem Text der Kantate "Mein Herze schwimmt im Blut" Bildrechte: dpa

Beethoven studierte Bachs Kompositionsweise, indem er seine Werke abschrieb. Ein Highlight der Schau ist Beethovens Abschrift zweier Bach-Inventionen für Klavier aus dem Beethovenhaus Bonn. Besonders im Spätwerk trete der Einfluss Bachs zutage, in den Klaviersonaten und Streichquartetten, erklärt Rucker. Das mache die Ausstellung für die Besucher an einer großen Hörwand erlebbar. So könne man direkte Vergleiche ziehen zwischen der Musik von Bach und Beethoven.

Interessante Briefe an den Verleger in Leipzig

Deutlich wird beim Rundgang durch die Ausstellung, wie sehr Beethoven mit der Stadt Leipzig verbunden war, obwohl er sie nur einmal kurz als junger "No-Name" besucht hat. Das lag vor allem am Verlagshaus Breitkopf & Härtel, das in Leipzig seinen Gründungsort hatte. Der Kontrakt, also der Vertrag, den der Komponist mit der Leitung des Hauses geschlossen hat, ist in der Ausstellung erstmals öffentlich zu sehen. Er stammt aus dem Archiv des Verlags, das sich heute in Wiesbaden befindet. Eine ganze Reihe bahnbrechender Werke hat Beethoven bei Breitkopf veröffentlicht, darunter, die 5. Sinfonie, das 5. Klavierkonzert und das Tripelkonzert, welches im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt wurde. Nachvollziehbar wird diese intensive Geschäftsbeziehung durch einen Brief Beethovens an den Verleger Härtel.

Die fünfzig Dukaten sind angekommen. Aber ich war noch nicht hier – und der Briefträger wollte sie niemandem Anderen anvertrauen, ich werde mich gleich erkundigen. Mit nächster Post gehen alle anderen Kompositionen, die zu schicken, an Sie ab. Sie können also mir die übrigen hundert Dukaten und noch dreißig Taler in Konventionsgeld übermachen.

Im weiteren Verlauf des Schreibens äußert Beethoven interessante Wünsche an seinen Leipziger Verleger. So möchte er alle Werke von Carl Philipp Emanuel Bach, die bei Breitkopf verlegt wurden! "Nebstbei von Johann Sebastian Bach eine Missa, darin sich folgendes "Kruzifixus" mit einem Basso ostinato, der ihnen gleichen soll, befinden soll." Beethoven notiert die erwähnte Stelle in Notenschrift.

Livia Freges Chorverein macht sich für Bach und Beethoven stark

Die Ausstellung über Bach und Beethoven
Rund 50 Exponate, darunter Autographe und Hörstationen Bildrechte: Bach-Archiv Leipzig

Die Austellung geht der Frage nach, wie Bach und Beethoven zu den berühmten "Klassikern" wurden. Obwohl Beethovens Zeitgenossen seine Musik zunächst schwierig und irritierend fanden. Auch Bach war etwas für Spezialisten. Zugleich macht die Schau deutlich, dass im 19. Jahrhundert viele Verbindungslinien in Leipzig zusammenliefen. 1798 wurde dort die "Allgemeine Musicalische Zeitung". Sie erschien ebenfalls im Verlag Breitkopf & Härtel. Wie Rucker erzählt, war E.T.A. Hoffmann einer ihrer Autoren: "Der nannte Bach einen 'gewaltigen Genius', Mozart und Haydn die "Schöpfer der neueren Instrumentalmusik' und Beethoven deren Vollender. Damit legte er quasi das Grundgerüst eines Kanons der klassischen Meister, wie wir ihn noch heute kennen."!  

Verbreitet wurde diese Sichtweise vor allem in den musikalischen Salons in Leipzig, etwa dem der Bankierstochter und Sängerin Livia Frege. Sie organisierte mit ihrem eigenen Chorverein die erste Wiederaufführung von Bachs h-Moll-Messe und brachte auch Beethovens "Fidelio" zur Aufführung. Auch die Leipziger Pianistin Henriette Voigt war eine glühende Verehrerin von Beethovens Musik. Ihr Konterfei ist auf einem kunstvoll gestalteten Medaillon mit Goldrand zu bewundern, daneben ihr Tagebuch. Aufgeschlagen ist der Eintrag vom 11. Januar 1833. Darin schildert sie den Besuch des Musikschriftstellers Friedrich Rochlitz: "Die Erscheinung dieses ebenso geist- als wie gemütvollen Mannes machte einen gewaltigen Eindruck auf mich! Er erzählte uns erst viel von Musik, von seinem Umgang mit Beethoven, was ihn selbst so ergriff, dass die Tränen hervortraten, die meine Wangen längst netzten!"

Überirdisch: B&B als Goldstandard ins All

Eine Frau betrachtet eine Nachbildung der "Voyager Golden Record", der goldenen Schallplatte mit Daten über die Menschheit und mit Musikstücken von Bach und Beethoven, die an Bord der Raumsonde Voyager auf einen Flug ins All geschickt wurde
Nachbildung der "Voyager Golden Record", der goldenen Schallplatte mit Daten über die Menschheit und mit Musikstücken von Bach und Beethoven Bildrechte: dpa

Die Kanonisierung der "Heroen" Bachs und Beethoven findet am Ende des Rundgangs sichtbaren Ausdruck in Form einer goldenen Schallplatte, die die NASA 1977 mit den beiden "Voyager"-Raumsonden ins Weltall schickte. Sie enthält Botschaften für eine mögliche Begegnung mit Außerirdischen. Enthalten sind Ausschnitte aus Bachs h-Moll-Messe und Beethovens Neunter Sinfonie. Beide wurden 2001 in das Verzeichnis des "Weltdokumentenerbes" aufgenommen.

Die Ausstellung über Bach und Beethoven
Blick in die Schau Bildrechte: Bach-Archiv Leipzig

Angaben zur Ausstellung  "Wahre Kunst bleibt unvergänglich – Bach und Beethoven“
Bach-Museum Leipzig hat
Bis 18. Oktober 2020
Di-So: 10-18 Uhr

Um die Abstandsregeln einzuhalten, können maximal 5 Personen gleichzeitig die Ausstellung besuchen. Eine telefonische Anmeldung unter 0341/9137-202 wird empfohlen.
Außerdem sollte man für die Hörstationen einen eigenen Kopfhörer mitbringen!

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Mai 2020 | 18:50 Uhr