Sängerinnen und Sänger auf der Bühne
Gemeinsam einsam: "Bastien und Bastienne" an der Oper Halle. Bildrechte: Oper Halle/ Foto: Falk Wenzel

"Bastien & Bastienne" / "Eine florentinische Tragödie" Oper Halle liefert mit Kurzopern großes Kino

An der Oper Halle haben an einem Abend gleich zwei Kurzopern Premiere gefeiert: Tobias Kratzer inszenierte Mozarts "Bastien und Bastienne" sowie Zemlinskys "Eine florentinische Tragödie". Funktioniert das?

von MDR KULTUR-Opernredakeurin Bettina Volksdorf

Sängerinnen und Sänger auf der Bühne
Gemeinsam einsam: "Bastien und Bastienne" an der Oper Halle. Bildrechte: Oper Halle/ Foto: Falk Wenzel

Kurzopern findet man eher selten im Repertoire der Opernhäuser. Regisseur Tobias Kratzer wollte die Einakter aber genau in dieser Konstellation machen, da in beiden seiner Meinung nach desolate Paarbeziehungen beleuchtet werden, wobei stets ein Dritter im Spiel ist. Auch wenn diese Dreiecksgeschichten stilistisch nicht unterschiedlicher sein könnten: Hier die Schäfer-Idylle des 12-jährigen Mozart, dort der orchestral-rauschhafte, hoch-emotionale Zemlinsky. 

Nach dem gestrigen Abend plädiere ich heftig für mehr Einakter im Repertoire! Dies zumal, wenn man vielleicht erst beginnt, sich mit Oper zu beschäftigen. Denn einerseits dürfte die Kürze manchem den Einstieg erleichtern - ich sah zahlreiche junge Leute in der nicht ausverkauften Premiere -, andererseits weil Kratzer konkret für diese beiden Werke eine klare Konzeption und stringente Erzählweise gefunden hat: Er vermag menschliche Seelenwelten auf beeindruckend-subtile Weise zu analysieren und ist zudem ein Regisseur, der sein Handwerk aus dem Effeff beherrscht. Für mich ist dies eine der bislang überzeugendsten Produktionen in der noch jungen Ära von Intendant Florian Lutz, der die Oper Halle bekanntlich seit 2016 künstlerisch-ästhetisch geöffnet hat. 

Mozart digital

Schauspieler telefoniert mit dem Handy
Robert Sellier gibt den Bastien. Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH Halle/Falk Wenzel

In seiner Inszenierung stellt Kratzer nun einen Zusammenhang zwischen dem hierzulande gesellschaftlich-etablierten Leistungsprinzip und heutigen Beziehungskonzepten her, wobei er Liebe in beiden Opern jeglicher Idealisierung entkleidet. Bei "Bastien und Bastienne" steht das Konkurrenzprinzip im Vordergrund: "awesome" steht auf Bastiens T-Shirt - grossartig, beeindruckend also sei sein Träger. Und nach genau diesem Prinzip wird Mozarts Schäferspiel in die digitale Gegenwart geholt: Da wird gechattet und geskypt, dass es kracht. Folgerichtig holt Bastienne sich auch Rat im Netz, als sie vermutet, ihr Freund würde fremd gehen.

Dort stößt sie auf den unverschämt gut aussehenden Dr. Colas, der sich in der Realität als ungepflegter, Nachos-verschlingender Nerd entpuppt: Der junge Bassist Michael Zehe macht eine herrliche Charakterstudie aus diesem Netz-Voyeur! Und dieses Konzept, junge Leute von heute zu zeigen, deren  Kommunikation gefühlt zu 98% über Smartphone und Tablet läuft, zieht Kratzer konsequent, bis hin zu einer Masturbationsszene durch. Das heisst, die drei Sänger agieren isoliert voneinander auf drei Podesten, denen grosse Videoleinwände vorgeschaltet sind. Eine bildhaft-überzeugende Übersetzung der alltäglich-praktizierten Beziehungslosigkeit.

Dynamisch-anregender Mozart

Man erlebt, wie Bastien permanent mit jungen Mädchen chattet, wie er mit Statussymbolen wie grossen Autos oder einer Rolex prahlt, aber auch wie er kneift, wenns mal ernst werden sollte. Selbstoptimierung und Konkurrenzprinzipien greifen da ineinander und wirken offenbar bis in unser Intimleben hinein - das wiederum von ganz jungen Sängern sehr authentisch gespielt.

Michael Zehe nannte ich schon, Vanessa Waldhart ist ein Hingucker als Bastienne, die sie mit kleiner, feiner Stimme sehr überzeugend im Sinne der Figurengestaltung singt, Robert Sellier als Bastien ist spielerisch ganz auf der Höhe, sängerisch ist dieser lyrische Tenor für mich zu wenig fokussiert, auch etwas unflexibel in der Tongebung -  insgesamt aber wurde von der Staatskapelle Halle unter der Leitung von Christopher Sprenger ein luftiger, dynamisch anregender Mozart gespielt! Zum Glück verzichtet Regisseur Kratzer auf die verzopften Dialoge, lässt sie vielmehr als Chat-Dialoge visualisieren und durch Emojis sowie Kammermusik von Mozart anreichern - das tut der Sache gut! 

Der zweite Teil des Abends

Schauspieler auf einer Bühne
Szene aus "Eine florentinische Tragödie". Bildrechte: Falk Wenzel

Dann folgt der Sprung: Von der Teenager-Mozart-Oper ins Jahr 1917, wir landen bei Alexander von Zemlinskys "Florentinischer Tragödie" nach Oscar Wilde, der bekanntlich selbst erotisch-vielseitig unterwegs war. Auch dieser spät-romantischen Dreiecksgeschichte nähert Tobias Kratzer sich mit einer klaren Erzählhaltung: Er zeigt drei Menschen im emotionalen Ausnahmezustand!

Gespielt wird in einem Schlafzimmer, das zu Beginn Ort ekstatischen Begehrens ist. Anke Berndt als Bianca und Matthias Koziorowski als Prinz Barde spielen das hinreissend lustvoll, bis der Geschäfts- und Ehemann Gerd Vogel die beiden ertappt und sich dieser Raum in einen Käfig geradezu grotesker Leidenschaften und Psychospielchen zu verwandeln scheint. 

Großes Kino in der Oper

Schauspieler auf einer Bühne
"Eine florentinische Tragödie" - großes Kino menschlicher Leidenschaften. Bildrechte: Falk Wenzel

Was Kratzer hier an Begierde, Erotik, aber auch an Selbstverleumdung, gegenseitiger Verachtung, sadomasochistischer Demütigungen und Gewaltbereitschaft herausarbeitet, das ist großes Kino menschlicher Leidenschaften auf der Opernbühne. Wenn dann noch Zemlinskys illustrativ-rauschhafte Musik mit der Intensität gespielt wird, wie dies in Halle der Fall ist, dann entwickeln Bühne und Graben einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Das hat viel damit zu tun, wie die drei Protagonisten sich ins Zeug werfen, wie ihre Stimmen, die mitunter bei diesem groß besetzten Orchester an ihre Grenzen kommen, dann doch leidenschaftlich aufblühen. 

Ich empfehle deswegen unbedingt einen Besuch dieser beiden Einakter. Nicht zuletzt deshalb, weil Tobias Kratzer auch diese Tragödie wieder sehr klar durchdacht und nach der Tötung des Nebenbuhlers durch den Ehemann noch eine Überraschung zu bieten hat. Welche, das sollte man sich am besten vor Ort ansehen und anhören!

Informationen zu den Stücken Doppelabend:
"Bastien und Bastienne" von Wolfgang Amadeus Mozart/
"Eine florentinische Tragödie" von Alexander Zemlinsky

Musikalische Leitung: Christopher Sprenger
Regie: Tobias Kratzer

Empfohlen wird ein Besuch ab 16 Jahren.

Nächste Aufführungstermine:
02. Dezember 2018, 16 Uhr
29. Dezember 2018, 19.30 Uhr
01. Februar 2019, 19.30 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. November 2018 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2018, 11:13 Uhr