Album-Empfehlung "Letter to You" – das wunderbare neue Album von Bruce Springsteen

Seit Freitag gibt es eine neue Bruce Springsteen-Platte, "Letter To You". Es ist das 20. Album des Musikers und das erste seit langer Zeit, welches wieder mit der E Street Band eingespielt wurde. Die vorab veröffentlichten Singles "Letter To You", der Titelsong, und "Ghost" konnten schon mal ein bisschen Appetit machen. Der Boss ist immer noch gut bei Stimme und zweitens mit der E Street Band ganz schön rockig aufgelegt. Da stellt sich die Frage: kann das restliche Material mithalten? Absolut!

Ja, ich bin rundum einverstanden mit dem, was Springsteen da abgeliefert hat: eine tolle Platte. Wir haben damit vielleicht sogar eine 2020er-Version seiner frühen Klassiker wie "Born To Run" oder "Greetings from Asbury Park". Schnörkelloser, gerader Bruce-Springsteen-Rock – das ist ja schon fast eine eigene Musikgattung mit einigen zartperlenden Folk-Tupfern und elegischen Band-Arrangements an beiden Polen. Aufgenommen wurde das Album übrigens live in nur ganz wenigen Tagen im November 2019 mit seinen "Arbeitskollegen" – ich nenne sie wirklich Arbeitskollegen – denn seit 50 Jahren arbeitet er ja mit der E Street Band zusammen.

Einer der wichtigsten Musiker unserer Zeit

Bruce Springsteen
Bruce Springsteen mit Band Bildrechte: Rob De Martin

Dieses Album zeigt auf, warum Bruce Springsteen einer der vielleicht wichtigsten Musiker seiner Zeit ist und was seine Fans lieben. Alles befindet sich auf einer künstlerischen, neuen Ebene – ich möchte ich mal sagen, auf einer neuen Bruce-Springsteen-E-Street-Band-Ebene. Sie klingen vital, krachend, voller Kraft, beherrschen aber eben auch die Fähigkeiten, Springsteen bei Geschichtenliedern, wie zum Beispiel dem "Song for Orphans", einen Soundtrack zu liefern, der das ganze erzählerische Potenzial des Boss' auch nochmal so zum Scheinen bringt.

Die Veröffentlichung wird von zahlreichen Aktionen flankiert, die ein wenig aussehen, als ob hier jemand sein Lebenswerk abrunden will: Ein Dokumentarfilm, eine Radioshow-Serie, wo er sich mit alten Weggefährten unterhalten hat und dann ein sehr, sehr ausführliches Interview – als ob der 71-Jährige noch mal ganz viel an persönlichen Erinnerungen loswerden möchte.

Begleitwerke zum Album

Aber ich glaube, es geht eher darum, dass er jetzt richtig verstanden werden möchte. Sein Buch ist eine wunderbare Begleitlektüre zu diesem Album – nehmen wir zum Beispiel den Song "Last Man Standing": Der Song handelt von seinem Freund George Theiss, der in seiner ersten Band "The Castiles" gespielt hat. Wenn man diesen Song hört, sich dazu das Buch nimmt und das Kapitel über "The Castiles" liest, dann ist das wie eine wunderbare Zeitreise, in die uns Springsteen mitnimmt. Ein anderer Song vom Album "Letter to You" heißt "House of A Thousand Guitars", ein imaginärer Ort der tausend Gitarren, wo sich die gegangenen und die jetzigen Freunde treffen, um gemeinsam zu musizieren – quasi ein virtueller, geistiger, spiritueller Proberaum. Das ist schon sehr ergreifend und es wird klar, Springsteen will erzählen, was er erlebt hat.

Bruce Springsteen
Bruce Springsteen Bildrechte: Rob De Martin

Er will vor allen Dingen seine wichtigste Bruce Springsteen-Botschaft aussenden: Dass man jetzt im Moment leben muss und dabei aber auch den Schmerz, den Verlust, die Freuden und die Liebe nicht vergessen darf.

Jan Kubon über Bruce Springsteen

All das ist für Bruce Springsteen der Kern des Rock'n'Roll. Das ist das, was uns zu Menschen macht. Springsteen ist ein spiritueller, ein gläubiger Mensch – kein religiöser, was er auch selbst in Interviews immer wieder betont.

Sein Glaube ist tatsächlich der Glaube an die Menschen mit all ihren Fehlern, aber auch ihren Vorzügen. Und diese Idee ist ein zentraler Bestandteil.

Jan Kubon über das neue Bruce Springsteen-Album "Letter to You"

Und ja, es gibt eine Radioserie, wo er sich mit seinem alten Manager trifft, mit seinem ersten Plattenboss, mit John Landau und Dave Grohl von den Foo Fighters. Und er spricht mit ihnen über das Phänomen "Bruce Springsteen". Ich glaube, er ist einer der wenigen Musiker, der sich mit anderen über sich selbst unterhalten kann, ohne dass es peinlich wird. Wie schafft er das? Pathos ist ihm ja nicht fremd, und Pathos kann peinlich sein. Aber bei Bruce Springsteen ist es ganz selten peinlich.

Keine Angst vor Pathos

Auf "Letter to You" hat er es tatsächlich geschafft, diese Klippe sauber zu umschiffen. Man muss immer im Kopf haben, dass einer von Springsteens Ansprüchen ist, immer die beste Version seiner selbst zu sein, was er auch in letzter Zeit in Interviews betont hat.

Er ist ein akribischer Analyst. Wenn Pathos bei Bruce Springsteen dazugehört, dann kann es eben auch mal sein, dass es sehr pathetisch wird. Und dann kann es auch sein, dass der eine oder andere intellektuelle Musikkritiker der Meinung ist, das sei möglicherweise ein bisschen peinlich. Ich finde, das muss man ihm verzeihen, weil das gehört zu Bruce Springsteen dazu. Er hat ganz klare Werte, zu denen er steht. Das sind vielleicht nicht die die fein ziseliertesten, aber es sind Werte – Ehrlichkeit, Menschlichkeit, Liebe. Es geht auch darum, zu sagen "Guck mal, ich bin Bruce Springsteen. Ich mache das so wie ich das denke. Und ich bin vielleicht eine gute Alternative für dich."

Ein musikalischer Gruß an sein jüngeres Ich

Cover des neuen Albums «Letter To You» von Bruce Springsteen
Cover des neuen Albums "Letter To You" von Bruce Springsteen Bildrechte: dpa

Beim Song "Janey Needs a Shooter" erklärt Bruce Springsteen, warum all die Liebhaber, die Janey hat, im Vergleich zu ihm eigentlich wirklich absolute Gefühlsluschen sind. Man könnte dazu sagen, dass das maskulin ist und vielleicht nicht mehr unbedingt 2020. Man kann aber auch sagen, dass es ein Rock'n'Roll-Song in der Tradition von Chuck Berry und Jerry Lewis ist. Oder man kann es vor allen Dingen auch begreifen als Gruß des 22-jährigen Bruce Springsteen, der er war, als er diesen Song geschrieben hat, an den 71-Jährigen, der er heute ist.

Diese alten Werke, die auf diesem Album zu finden sind, fügen sich gut ein – man merkt, sie stechen heraus. Er erklärt, dass die Songs zur selben Zeit entstanden sind wie "Born to run" vom Album "Greeting from Asbury Park". Das zeichnet sich durch viele Klavierintros aus, weil er damals gerade ein Klavier besaß. Seine Songs sind auch sehr wortreich, gerade bei "Song for Orphans" – man hat das Gefühl, Springsteen wird nach Worten bezahlt – ähnlich wie bei "Blinded by the Light".

Ein klassisches E-Street-Band-Album

Es ist eine Reflektion von Bruce Springsteen und der E Street Band. Da sie die Songs nie gespielt haben, sind es neue Songs für mich. Ich finde, "Letter To You" ist ein ganz wunderbares Bruce Springsteen-Album und ein wunderbares E-Street-Band-Album mit einigen musikalischen Abstrichen, welche aber jeder selbst raushören sollte.

Es ist ein im besten Sinne klassisches E-Street-Band-Album, das die alten Herren um Steven Van Zandt und Max Weinberg in perfekter musikalischer Symbiose zeigen. Es ist ein Album, das Spaß macht, welches auch eine Verbeugung vor der E Street Band, vor den Freunden, der Familie von Bruce Springsteen und vor der Kernidee des Rock 'n' Rolls ist.

Das Album Bruce Springsteen: "Letter to You" (2020)
Columbia / Sony Music Entertainment

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2020 | 08:10 Uhr