Die französische Autorin Annie Ernaux
Annie Ernaux in einer Aufnahme aus den 80er-Jahren. Bildrechte: IMAGO

"Erinnerung eines Mädchens" Annie Ernaux' und das Gedächtnis der Scham

Wie schon in ihrem letzten Roman "Die Jahre" behandelt Annie Ernaux auch in ihrem neuen Werk "Erinnerung eines Mädchens" ihre eigene Geschichte. Dieses Mal reist die Autorin zurück ans Ende der 50er-Jahre und verarbeitet mit schonungsloser Genauigkeit ihre erste sexuelle Begegnung – mit Macht, Ohnmacht und Unterwerfung. Es sind schmerzhafte Erinnerungen, aber große Literatur.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR

Die französische Autorin Annie Ernaux
Annie Ernaux in einer Aufnahme aus den 80er-Jahren. Bildrechte: IMAGO

Nichts kann so fremd sein und so aufdringlich wie ein früheres Ich. Hat man sich nur weit genug vom eigenen jüngeren Ego entfernt, kann der Erinnerungsdruck gleichzeitig umso größer werden. So heißt es in Annie Ernaux' neuestem Buch "Erinnerung eines Mädchens":

Auszug aus: "Erinnerung eines Mädchens" "Ich wollte dieses Mädchen auch vergessen. Sie wirklich vergessen, das heißt, nicht mehr das Bedürfnis haben, über sie zu schreiben. Nicht mehr denken, ich muss über sie schreiben, über ihr Begehren, ihren Wahn, ihre Idiotie, ihren Hunger und ihr versiegtes Blut. Es ist mir nie gelungen."

Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt

Annie Ernaux
Mit dem Buch verarbeitet Ernaux eigene Erfahrungen. Bildrechte: imago/Pacific Press Agency

Tatsächlich ist das Schreibvorhaben "lebensnotwendig". Der Gedanke zu sterben, bevor sie über das Mädchen geschrieben hat, lässt der Autorin Annie Ernaux keine Ruhe. Das Mädchen heißt damals noch mit ihrem Mädchennamen Annie Duchesne. Im Sommer 1958, in dem viele junge Rekruten nach Algerien geschickt werden, ist diese Annie 18 Jahre alt. Sie stammt aus einer kleinbürgerlichen normannischen Familie, und es ist neu für sie, alleine von zu Hause wegzufahren, in eine der vielen Ferienkolonien in Frankreich, um Kinder zu betreuen. Es ist ein Aufbruch in eine andere Lebensphase – im Buch umschrieben:

Auszug aus: "Erinnerung eines Mädchens" "Wohin es auch ging, die Mädchen legten eine Packung Damenbinden in ihre Koffer und fragten sich mit einer Mischung aus Angst und Begehren, ob sie in diesem Sommer zum ersten Mal mit einem Jungen schlafen würden."

Memoiren der Scham

Annie ist hübsch, sie gerät in eine Welt des Begehrens und der Macht. Die Jungs geben sich als Männer. Die Mädchen versuchen, ihre Grenzen auszutesten. Annie findet Gefallen am Chefbetreuer H., und der nutzt seine Stellung aus: Es kommt zu Intimitäten, und für Annie ist diese Annäherung eine Mischung aus geheimen Wunschvorstellungen und Überwältigung. Was schließlich zwischen den beiden passiert, lässt sich von einer Vergewaltigung kaum unterscheiden, auch wenn Annie ihre Jungfräulichkeit nicht verliert.

Annie Ernaux, Erinnerung eines Mädchens, Buchcover
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Nach dieser Nacht beachtet H. die junge Frau nicht mehr; es ist eine Demütigung, die Annie auf masochistische Weise an H. bindet. Sie lässt sich schließlich auf andere Jungs ein, gilt bald als "Schlampe". Die Tage in der Ferienkolonie werden zu einer Urszene; es entsteht ein "Gedächtnis der Scham", um das Annie Ernaux' Schreiben immer kreist und auf das sie in "Erinnerung eines Mädchens" mehr als 50 Jahre später zurückkommt. Es ist eine Rückbesinnung, eine Einfühlung in die Gegenwärtigkeit jedes Augenblicks im Jahr 1958. Sie schreibt, wie sie zum ersten Mal tiefe Befriedigung empfinde, wenn sie über die Nacht vom 16. auf den 17. August schreibe. Ihr scheine es, dass sie der "Wirklichkeit nicht näher kommen könnte."

Auszug aus: "Erinnerung eines Mädchens" "Sie war weder schrecklich noch beschämend. Sie war nur Gehorsamkeit gegenüber dem, was geschah, und die Tatsache, dass das, was geschah, nichts bedeutete. Ich kann nicht weiter gehen bei dieser bewussten Reise in mein gerade achtzehnjähriges Ich, das nicht weiß, was an diesem Sonntagmorgen auf es zukommt."

Eine schmerzhafte Reise in die eigene Vergangenheit

Anhand von Tagebucheinträgen und Fotografien versetzt sich Ernaux zurück in die Vergangenheit. Ganz nüchtern, aber umso eindringlicher versucht sie die Gefühle der Lust, der Erniedrigung, der Verwirrung ihres jüngeren Ich zu beschreiben. Ernaux, die in Frankreich ein Literaturstar jenseits des Literaturbetriebs ist und seit dem im letzten Jahr veröffentlichten Roman „Die Jahre“ auch in Deutschland gefeiert wird, hat eine herausragende Gabe: Sie verschränkt Memoir und Essay, Erzählung und Zeitgeschichte zu einer eindrücklichen Prosa, die ganz auf literarischen Zauber verzichtet. Stattdessen ist da eine Sachlichkeit, in der gleichwohl Schönheit und Poesie stecken.

Darin verbirgt sich eine große Wahrhaftigkeit. Selten wurden so deutlich die Gegensätze männlichen und weiblichen Erlebens und In-die-Welt-kommens aufgezeichnet. Ernaux hat sich als "Ethnologin ihrer selbst" beschrieben, und tatsächlich dringt sie in ihren Texten in gefährliche Tiefenschichten des Innern vor. Schmerzhafte, schambehaftete Erinnerungen werden zu Tage gefördert. Das hat nichts Voyeuristisches, eher etwas Soziologisches. Und es ist zugleich große Literatur.

Infos zum Buch Erinnerung eines Mädchens
Annie Ernaux
Aus dem Französischen von Sonja Finck
168 Seiten
Suhrkamp Verlag
20,00 €
ISBN: 978-3-518-42792-7

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. November 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2018, 14:56 Uhr

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