Buchvorstellung Jonas Eikas Erzählungen: ein ganz neuer Ton in der Gegenwartsliteratur

Jonas Eika: Nach der Sonne 6 min
Bildrechte: Hanser Berlin

Als ein literarisches Wunderkind wurde der 1991 geborene Däne Jonas Eika für seinen Erzählungsband "Nach der Sonne" gefeiert. Fünf Erzählungen, die in Europa sowie in Mittel- und Nordamerika spielen und tatsächlich einen neuen Ton in die europäische Gegenwartsliteratur einbringen. Eika erzählt von Rausch und Ausbeutung, vom Überschreiten moralischer und körperlich-sexueller Grenzen, von mexikanischer Hitze und skandinavischer Geschäftigkeit.

Für dieses Buch wurde Jonas Eika im Jahr 2019 der in Skandinavien äußerst prestigeträchtige Literaturpreis des Nordischen Rates verliehen. Und diese Preisverleihung ist mittlerweile auch schon ein Stück Literaturgeschichte. In seiner Dankesrede griff Jonas Eika die im Saal anwesende dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen an und kritisierte sie und den Staat Dänemark für ihren "staatlichen Rassismus". 

Literatur mit politischer Haltung, aber ohne Parteipolitik

Das Verblüffende und Umwerfende an Eikas Erzählungen aber ist, wie gekonnt der gerade Dreißigjährige politische Haltungen nun auch in seine Literatur hineinträgt – und wie sich daraus dann eine weite, flimmernde und selbstzerstörerische Attacke auf die europäische Mittelstands-Gemütlichkeit entwickelt.

Eikas Erzählungen heißen zum Beispiel "Alvin" oder "Bad Mexican Dog" oder "Ich, Rory und Aurora". Und immer geht es darin um Menschen, die sich in Zwischen- oder sogar Unterwelten einrichten müssen, weil sie entweder da hineingeboren oder da hinein abgerutscht sind, etwa nach schweren persönlichen Einschnitten.

Die längste und härteste Geschichte ist die vom Bad Mexican Dog, in der ein mexikanischer Beach Boy von seinem Dienerleben in einer mexikanischen Ferienanlage erzählt. Diese Beach Boys müssen die Europäer oder Amerikaner eincremen, ihnen Drinks bringen, und sie bieten einsamen Europäerinnen auch sexuelle Dienstleistungen an.  Hier folgt Jonas Eika zunächst also bekannten Ereignismustern – ehe sich seine Erzählung allmählich aufheizt und auflädt.

Das Verblüffende und Umwerfende an Eikas Erzählungen aber ist, wie gekonnt der gerade Dreißigjährige politische Haltungen in seine Literatur hineinträgt.

Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Abnorme Handlungen beschreibt Eika in abnormer Sprache

Es sind phantastische Details und Rituale, über die sich die mexikanischen Stranddiener in eine neue, kosmische Gemeinschaft einbinden. Sie, in ihrer ganzen deklassierten und beinahe sklavenhaften Existenz, können ihre Freiheit nur in dem Raum entfalten, in dem sie zugleich eingeschlossen sind. Und also erfinden und halluzinieren sie … Wobei "erfinden" zu harmlos klingt – man muss es sich eher wie einen Rausch, eine auch schmerzvolle Entgrenzung vorstellen.

Die Beach Boys treffen sich nach der Arbeit und tauchen oder schweben durch gemeinsame sexuelle Spielanordnungen und Rituale, und das Bittere ist hier nun: Die Freiheit verwirklicht sich bei ihnen nur noch in Handlungen, die den gewöhnlichen Menschen zutiefst pervers, kriminell oder zumindest abnorm erscheinen müssen.

Jonas Eika pflanzt dieses Abnorme bis in die Sprache hinein. Eine Satzfügung, die die Geschichte vom Bad Mexican Dog durchzieht, ist etwa: "Als wir auf der Umkleidebank sitzen, orange funkelnde Messer in Orange die Sonne versunken in Booten und Meer" – und damit leuchtet ein weiterer wichtiger Körper dieser Erzählung auf, die Sonne nämlich.

Bewusstseinserweiterungen spielen eine große Rolle

Während die Urlauber sich den ganzen Tag bräunen lassen, ist die Sonne für die Beach Boys so etwas wie eine Waffe, eine metallisch flackernde Verbündete. Solche Bewusstseinserweiterungen, die manchmal sogar in körperliche Verwandlungen übergehen, zeichnen auch die anderen Erzählungen aus. In diesem Zusammenhang unbedingt mit zu loben: Übersetzerin Ursel Allenstein.

In Eikas Geschichten erzählt sich eine politische Botschaft. Das ist nun sicher keine parteipolitische, sondern eine, die sich mit Begriffen wie "Entgrenzung" und "Überschreitung" umschreiben lässt. All das, was den Kapitalismus, die Warenwirtschaft, die kolonialen Verhältnisse stützt, das kritisiert Eika nicht im Rahmen von Gegenrede oder Verbesserungsvorschlag, nicht in politischen Argumenten.

Stattdessen attackiert er das Persönlichkeitsbild, das den modernen westeuropäischen Menschen kennzeichnet: das Maßvolle, das Satte und Zufriedene, das sich eben gern mal einen Schwips antrinkt, im Urlaub auch einen Flirt riskiert, sich dabei aber immer auf der sicheren Seite weiß. Auf der Seite der Wohlhabenden und derjenigen, die den Lauf der Welt bestimmen und die Normen setzen.

Angaben zum Buch Jonas Eika: "Nach der Sonne"

aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Hanser Berlin
160 Seiten
20 Euro (fester Einband)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2020 | 08:40 Uhr

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