Inger-Maria Mahlke
Inger-Maria Mahlke ist in Lübeck und auf Teneriffa aufgewachsen. Bildrechte: dpa

Buch der Woche Teneriffa-Roman: Von der Urlaubsinsel zurück zum spanischen Bürgerkrieg

Der titelgebende "Archipel" in Inger-Maria Mahlkes Roman sind die kanarischen Inseln, genauer Teneriffa. Über ausgerechnet diese Insel ein Buch zu schreiben, ist ungewöhnlich. Die Autorin hat ihn mit viel spanischer Geschichte angereichert. Wie der Klappentext verrät, ist Mahlke nicht nur in Lübeck, sondern auch auf Teneriffa aufgewachsen.

von Gerrit Bartels

Inger-Maria Mahlke
Inger-Maria Mahlke ist in Lübeck und auf Teneriffa aufgewachsen. Bildrechte: dpa

"Archipel" erstreckt sich über hundert Jahre und umfasst die Geschichten mehrerer auf Teneriffa ansässiger Familien: den Bernadottes, den Bautes oder den Ruíz. Mahlke erzählt, wie der gescheiterte Militärputsch 1981 auf Teneriffa wahrgenommen wurde, der hier wie in ganz Spanien ununterbrochen vom Radio begleitet wurde. Oder wie Franco 1936 von Teneriffa aus seine "nationale Erhebung" organisierte und sich einen drei Jahre währenden Bürgerkrieg später zum Dikatator aufschwang. Oder wie die Insel zunächst nur davon lebte, Tomaten und Bananen zu exportieren und nach und nach der Tourismus immer wichtiger wurde.

Die Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke im Gespräch mit Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper
Inger-Maria Mahlke im Gespräch mit Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper. Teile von "Archipel" hat die Schriftstellerin als Stadtschreiberin der Landeshauptstadt verfasst. Bildrechte: Landeshauptstadt Magdeburg

Der Clou dieses Romans ist, dass Mahlke das Wagnis eingeht, ihn rückwärts zu erzählen: beginnend mit dem Jahr 2015 und endend 1919. Dadurch fallen viele Personen entweder aus der Lektüre heraus oder werden im Verlauf immer jünger. Mahlke organisiert ihr Figurentableau allerdings so geschickt, dass man viele Personen durch die Jahrzehnte begleiten kann, auch wenn natürlich von einer Entwicklung bei ihnen keine Rede sein kann. Manchmal hat man allerdings tatsächlich das Gefühl, dass es überhaupt keine Geschichte gibt, sondern nur einzelne Porträts oder Beziehungsgeflechte. Stattdessen konzentriert sich Mahlke auf die Beschreibungen von Straßenzügen, Häusern, Salons, Gärten oder Kleidung, sodass der Roman stillzustehen scheint und nur aus Atmosphäre besteht. Vieles bleibt vage, manches erschließt sich erst nach und nach, was natürlich mit dem Rückwärtserzählen zu tun hat.

Zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis

Vor Kurzem ist "Archipel" auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gewählt worden – zu Recht. Der Roman ist mutig in der Form, erzählt ein Kapitel europäischer Geschichte vom Rande her. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen des deskriptiven Furors ist "Archipel" ein sehr intensiver, nachhallender Roman. Am Ende stellt sich die Frage, ob man ihn nicht ein zweites Mal lesen sollte, um ihn in seiner ganzen großen Dimension zu erfassen – dann aber beginnend mit dem letzten Kapitel "La Mar Pequena", also von hinten nach vorn.

Inger-Maria Mahlke: "Archipel" Verlag: Rowohlt
Erscheinungstermin: 21. August 2018
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Preis: 20,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. August 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2018, 15:14 Uhr