Patti Smith
Patti Smith Bildrechte: imago/Future Image

Buchkritik "Hingabe" von Patti Smith: Rock'n'Roll in Buchform

Die Rockmusikerin Patti Smith hat Ende der 60er-Jahre als Dichterin angefangen. Erst ab Mitte der Siebziger wechselte sie zum Rock'n'Roll und nahm äußerst erfolgreiche Platten auf. Mittlerweile ist die Diva der Punk-Poesie 72 Jahre alt und wird auch als Autorin gefeiert. Gerade ist ihr neues Buch "Hingabe" erschienen. Eine Kritik.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Patti Smith
Patti Smith Bildrechte: imago/Future Image

"M-Train", das letzte ins Deutsche übersetzte Buch von Patti Smith, begann dort, wo alles begonnen hat für sie als Künstlerin – in ihrer Wohnung in Greenwich Village, New York City. Dort, wo sie in Buchläden gejobbt hat, wo sie ihre ersten Gedichte schrieb, wo sie Musiker wie Janis Joplin und Jimi Hendrix und die Beat-Poeten um Alan Ginsberg kennenlernte.

Doch die meisten ihrer Helden sind tot, ob ihr Mann – der MC5-Gitarrist Fred Sonic Smith, ob Kurt Cobain oder John Coltrane, Allen Ginsberg oder Arthur Rimbaud. Die Helden der Smith kennen wir schon lange aus ihrem Werk, beschrieben und besungen. Auch bei ihren Reisen und Erkundungen spielen diese Helden eine Rolle. So besucht sie die Gräber von Seelenverwandten wie Sylvia Plath oder Frida Kahlo, und nun in "Hingabe" fährt sie fort mit den Wallfahrten zu den verehrten Vorbildern.

Der Sound, der Ton, der Fluss, die Assoziationen, das kindlich Begeisterte, das manchmal verzweifelt Abgeklärte, das Aufbegehren, der Geist des Rock'n'Roll – all das ist Smith.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker
Patti Smith: "Hingabe"
"Hingabe" enthält die erste wirklich fiktionale Erzählung von Patti Smith. Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

"Das Telefon klingelt und bricht den Bann, mein Flug wurde storniert. Ich muss einen früheren nehmen. Ich beeile mich, rufe ein Taxi, stecke meinen Computer in seine Hülle, die Kamera in einen Beutel, der Rest wandert in den Koffer. Das Taxi kommt zu schnell, denn ich habe noch nicht entschieden, welche Bücher ich mitnehme. Die Aussicht, ohne Buch in ein Flugzeug zu steigen, erfüllt mich mit Panik. Das richtige Buch kann so etwas wie ein Mentor sein und die Atmosphäre einer Reise bestimmen oder gar ihren Verlauf."
Aus "Hingabe" von Patti Smith

Dieses Mal geht es ins Paris von Patrick Modiano, ans Grab von Simone Weil nach England und ins Haus von Albert Camus nach Südfrankreich. Vor allem aber geht es darum, sich der Frage zu nähern: Warum schreiben? Was festhalten? Was weglassen?

"Warum fühlt man sich zum Schreiben berufen? Um sich abzusetzen, einzuspinnen, versunken in Einsamkeit, trotz der Bedürfnisse anderer. Virginia Woolf hatte ihr Zimmer. Proust seine verriegelten Fenster. Marguerite Duras ihr stummes Haus. Dylan Thomas seinen bescheidenen Schuppen. Alle wollten eine Leere mit Worten füllen. Worten, die unberührtes Terrain durchdringen, ungeklärte Zusammenhänge ergründen, das Ungeheuerliche aussprechen."
Aus "Hingabe" von Patti Smith

Patti Smith bleibt die reisende Suchende

"Hingabe" besteht aus vier Abteilungen: "Wie der Verstand funktioniert", "Hingabe", "Ein Traum ist kein Traum" und "Written on a Train". Wobei die besondere Überraschung neben den essayistischen Texten die erste wirklich fiktionale Erzählung von Patti Smith ist: "Hingabe" erzählt die Geschichte einer geheimnisvollen Eisläuferin.

Die Übersetzung von Brigitte Jakobeit trifft genau die Sprachmelodie – ein Geschenk!

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

"Jedes Jahr fürchtete sie die Ankunft des Frühlings. Das Eis unter ihren Füßen wurde dann rissig und die Oberfläche brüchig: als wäre ein Handspiegel auf einen Marmorboden gefallen. Nur noch ein kleines bisschen länger, beschwor sie die Natur, nur eine Woche, ein paar Tage, noch ein paar Stunden. Sie kniete auf dem Eis. Noch war es nicht gefährlich, aber bald."
Aus "Hingabe" von Patti Smith

So geheimnisvoll hat Patti Smith immer geschrieben, so klingen auch ihre Liedtexte und Gedichte. Der Sound, der Ton, der Fluss, die Assoziationen, das kindlich Begeisterte, das manchmal verzweifelt Abgeklärte, das Aufbegehren, der Geist des Rock'n'Roll – all das ist Smith – "Forever the Queen of Cool" wie Michael Stipe von R.E.M. einmal sagte.

Eingestreute Gedichte und Schwarz-Weiß-Fotos

Patti Smith bleibt die reisende Suchende, die längst ihren Ton gefunden hat und trotzdem an der Verfeinerung arbeitet, so wie sie es auch immer in der Musik getan hat. Und die Übersetzung von Brigitte Jakobeit trifft genau diese Sprachmelodie – ein Geschenk! Die eingestreuten Gedichte und Schwarz-Weiß-Fotos von Patti Smith, die ihre Reisen illustrieren, künden mitunter von einer schon verschollen geglaubten Welt.

"Das Schicksal hat eine Hand, aber nicht alles im Griff. Ich suchte etwas und fand etwas anderes, den Trailer eines Films. Berührt von einer klangvollen, fremden Stimme, ergossen sich die Worte. Ich begab mich auf eine Reise, angelockt von einer glänzenden Jukebox, die eine ganze Sinfonie von Bezugspunkten heraufbeschwor."
Aus "Hingabe" von Patti Smith

Angaben zum Buch Patti Smith: "Hingabe"
aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Kiepenheuer & Witsch
112 Seiten, mit zahlreichen Fotos der Autorin
18 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2019, 11:02 Uhr

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