Grabsteine, Nacht, ein Rabe im Mondschein, gruselige Stimmung
In seinem Roman spielt David Mitchell mit den Versatzstücken des Horror-Genre. Bildrechte: colourbox

Buch-Empfehlung: "Slade House" David Mitchell spielt mit dem Horror

Nachgelegte Geisterstunde: David Mitchells neuer Roman "Slade House" ist ein Spin-off seines letzten großen Buches "Die Knochenuhren" – und funktioniert als Schauerstück genauso wie als Eintrittstor für sein Werk. Ein ebenso gelehrtes wie trashiges Vergnügen.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Grabsteine, Nacht, ein Rabe im Mondschein, gruselige Stimmung
In seinem Roman spielt David Mitchell mit den Versatzstücken des Horror-Genre. Bildrechte: colourbox

Alle neun Jahre, am letzten Sonntag des Oktobers erscheint sie: Die kleine Eisentür in der Backsteinmauer der Slade Alley, die zu einem geheimnisvollen Herrenhaus inmitten eines prachtvollen Gartens führt. Immer ist es der schönste aller vorstellbaren Gärten. Immer ist es die beste aller möglichen Welten, die den Unglücklichen erwartet, der zufällig und doch geheimnisvoll gelenkt durch die Eisentür tritt. Und immer ist es das eigene Porträt, was er dort am Ende der Treppe ins Obergeschoss vorfindet – kurz bevor er auf die Herrschaft des Hauses trifft, die diabolischen Zwillinge, die dem Besucher längst das tödliche Seelex verabreicht haben...

Bekanntes Terrain für Mitchell-Kenner

Ein kleiner Junge im Jahr 1979, ein Polizeibeamter 1988, und zwei ungleiche Schwestern 1997 und 2006 haben das Pech, zur richtigen Zeit am falschen Ort zu sein. Und Kenner David Mitchells wissen, worum es geht: die Anachoreten sind wieder los, die Seelenfresser, deren Kosmos der Autor vor zwei Jahren in seinem Roman "Die Knochenuhren" deftigst beschrieben hat. Intertextualität ist sein Markenzeichen. Der britische Schriftsteller David Mitchell hat sich mit Büchern wie "Der Wolkenatlas" oder jüngst "Die Knochenuhren" einen Namen gemacht – unter anderem als Erbauer eines facettenreichen selbstbezüglichen Kosmos. Längst werden Bachelorarbeiten über seine literarischen Texturen und den Spinnfäden zwischen ihnen geschrieben. Im Wolkenatlas etwa hat Mitchell in sechs Episoden sechs unterschiedliche Genres bespielt, von Tagebuchaufzeichnung, Kriminalroman, Briefwechsel bis zu Schauerstück. Literarische Etüden? Sicherlich. Und doch meint Mitchell mehr als eine Fingerübung.

Fünf fantastische Episoden

Die erste Geschichte des in fünf Episoden geteilten neuen Romanes "Slade House" etwa ist eine Twitterfortsetzungsgeschichte, die David Mitchell schon 2014 entwickelt hat. Das erklärt auch die unheimliche Dichte und Rasanz, mit der das Buch startet. In den Kurven seiner Geisterbahn liegen magische Füchse und Ebereschen, Fantasyrollenspiele und der Alltag einer Familie, die im Oxfam-Secondhandbuchladen kauft. Da ist ein Vater abwesend und eine Mutter Pianistin, allein mit einem Sohn, der an ihren Valiumtabletten nascht. Kurz kann man sich sogar in eine drogenumnebelte Erklärung des fantastischen Geschehens zurücklehnen – doch diese Sicherheit der Rationalität ist nicht von Dauer.

Geschult durch die Ikonen des Genre

Dieses neue Buch ist ein typisches Mitchell-Monster der Verspieltheit und Anspielungen, der überbordenden Kulissenschieberei und Rückgriffe. Natürlich öffnet sich die kleine Tür in der Mauer pünktlich zwischen Allerheiligen und Allerseelen. Natürlich gibt es jugendliche Nerds, die dem Geheimnis des Slade House auf den Grund gehen müssen und dabei Horrorfilmspielregelgerecht scheitern. Intelligenter Budenzauber par excellence: nicht zuletzt die im Effekt wahnsinnig witzige Detailverliebtheit und ihr reflektierender Subtext erzählt davon, dass der Autor selbst unendlichen Spaß am Verfertigen gehabt haben muss. David Mitchell ist Jahrgang 1969, geschult an der Gänsehaut der Popliteratur – von Anne Rice bis Stephen King oder Stepheny Meyer. Und hat als studierter Komparatist das Genre in seinen historischen und globalen Tiefen im festen Blick.

Eintrittstor zu alten Werken

 "Slade House" saugt also seine Seelen aus der Literatur und Kulturgeschichte der Schauerromantik. Ist dabei Genreparodie ebenso wie ein gelehrtes und trashiges Vergnügen. Als ein Spin-off aus den "Knochenuhren" nimmt der Roman Fäden auf und erzählt sie weiter. Aber auch rückwärts funktioniert dieses Buch wie ein Eintrittstor in Mitchells Schauerromantikwelt – wer die früheren Geschichten nicht gelesen hat, wird sie zur Hand nehmen. Nicht unbedingt müssen, sondern wollen: Die kleine Eisentür in der Backsteinmauer der Slade Road, sie steht sperrangelweit offen.

Angaben zum Buch David Mitchell: Slade House
erscheint im Rowohlt Verlag am 15. Mai 2018.
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Gebundene Ausgabe, 240 Seiten, 20 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Mai 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 08:21 Uhr

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