Naturforscher Alfred Russel Wallace.
Der Roman "Wallace" von Anselm Oelze setzt dem Naturforscher Alfred Russel Wallace (1823-1913) ein spätes Denkmal. Bildrechte: imago images / Design Pics

Debüt "Wallace": Literarische Liebeserklärung an die Zuspätkommenden

Zeitgleich mit Darwin entdeckte Alfred Russel Wallace das Prinzip der natürlichen Auslese. Doch er veröffentlichte seine Forschungen zu spät, so ist er heute fast vergessen. Genau diese Tragik macht ihn für Anselm Oelze zum perfekten Helden. In seinem Debüt folgt er Wallace auf seinen Reisen, zugleich lässt er einen Museumswächter im Hier und Heute das Erbe des Forschers entdecken. Gelungen ist ihm ein philosophischer Abenteuerroman: "Wallace".

von Tino Dallmann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Naturforscher Alfred Russel Wallace.
Der Roman "Wallace" von Anselm Oelze setzt dem Naturforscher Alfred Russel Wallace (1823-1913) ein spätes Denkmal. Bildrechte: imago images / Design Pics

Brasilien in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Der Naturforscher Alfred Russel Wallace läuft durch die dunstig-feuchte Luft des Regenwalds. Schlingpflanzen hängen von den Ästen herab, zwischen den Baumkronen ist der Himmel kaum auszumachen. Inspiriert von den Reiseberichten Humboldts will Wallace Insekten und andere Tiere fangen und sie dann an Sammler verkaufen. Der wissenschaftliche und der finanzielle Erfolg seiner Mission sind alles andere als gewiss. Auf der Schiffsreise zurück sorgen seine Erklärungen deshalb für Spott unter den Matrosen.

Auszug aus "Wallace" von Anselm Oelze Auch als er erklärte, ihn interessiere gerade diese Vielfalt, die Vielfalt der Lebewesen auf dieser Erde, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede, ihr Werden und Vergehen, und es sei doch nun einmal ein sogenannter Zweck an sich, herauszufinden, was es mit dieser ganzen Vielfalt und ihrem Ursprung auf sich habe, belächelten ihn die Matrosen nur, gossen ihm ein Glas Zuckerrohrschnaps ein und forderten ihn auf, eine seiner abenteuerlichen Anekdoten zu erzählen.

Alfred Wallace ist eine tragische Figur der Wissenschaftsgeschichte. Zeitgleich mit Charles Darwin entdeckte er die Prinzipien der natürlichen Auslese. Weil er seine Forschungen aber später veröffentlichte, ist er heute nahezu in Vergessenheit geraten.

Genau diese Tragik macht ihn für Anselm Oelze zum perfekten Helden: "Bei Wallace war es so, dass sich diese Ironie aufdrängte – wegen der Theorie, die er entwickelt hat. Bei der geht es ja darum, im Bereich der Natur zu erklären, warum sind die einen erfolgreich und die anderen erfolglos. Und dass er aus dieser Entdeckung für seinen eigenen Erfolg keinen Profit geschlagen hat, das war für mich der Antrieb, genau darüber zu erzählen."

Abenteuer- und Ideenroman: Wie entsteht unser Bild von der Welt?

In seinem Debüt mischt Oelze Abenteuer- und Ideenroman: Einerseits folgt der Leser Wallace auf seinen historischen Forschungsreisen. Andererseits folgt er Albrecht Bromberg, einem Museumswächter im Hier und Heute. Bromberg stößt durch Zufall auf Wallace und beschließt, dem Forscher zu posthumer Berühmtheit zu verhelfen. Durch den Wechsel an Perspektiven gelingt es Oelze, seine Themen aus immer neuen Blickwinkeln zu beleuchten: Wie entsteht unser Bild von der Welt? Auf welche Weise lässt sich dieses Bild beeinflussen?

Ähnliche Fragen trieben auch Alfred Russel Wallace um, weiß Oelze:

Als ich mich mit seinem Leben beschäftigt habe, habe ich festgestellt, dass er sich sehr für die Sozialphilosophie interessiert hat. Für Ungerechtigkeiten innerhalb von Gesellschaften. Da war er teilweise sehr visionär. Man kann ja sagen, in der Natur läuft alles nach der natürlichen Selektion ab. Diesem Zwang unterliegt man in der Gesellschaft nicht notwendig.

Anselm Oelze über Naturforscher Alfred Russel Wallace

Spannendes und stilsicheres Debüt

Mit "Wallace" hat Oelze ein stilsicheres und spannendes Debüt vorgelegt, dem man die Lust am Abenteuer anmerkt. Die Gedankenfäden, die er in seinem Roman spinnt, führen nur selten zu den Debatten von heute. Das unterscheidet ihn von anderen abenteuerlustigen Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur, etwa von Christian Kracht oder Kenah Cusanit. Dafür ist Oelzes Roman eine literarische Liebeserklärung an die Zuspätkommenden: "Es gibt genug Fälle, in denen ein und dieselbe Entdeckung von zwei verschiedenen Menschen gemacht wurde. Nimm nur die Technik der Infinitesimalrechnung, unabhängig voneinander entwickelt von Leibniz und Newton, wobei Leibniz sein Kalkül zuerst veröffentlichte, sich dann aber dem Vorwurf ausgesetzt sah, durch einen früheren Austausch bei Newton plagiiert zu haben."

Kurz gesagt: Es lassen sich ohne große Mühe genug Beispiele von unglücklichen Zweiten in der Geschichte finden.

Anselm Oelze, Buchautor

Anselm Oelze beweist in "Wallace" nicht nur ein Gespür für seine Figuren und Stimmungen, sondern auch für Ironie. Denn letzten Endes funktioniert auch unsere Erinnerung nach dem Prinzip der Auslese. Wenn die Wissenschaft ein Wettrennen ist, dann bleibt der Erstplatzierte im Gedächtnis. Der Zweitplatzierte eben nicht. Auch wenn er sich noch so tapfer durch den Regenwald gekämpft hat.

Anselm Oelze: Wallace / Buchcover
Cover des Romans "Wallace" Bildrechte: Schöffling & Co.

Angaben zum Buch Anselm Oelze: "Wallace"
264 Seiten, gebunden
Schöffling Verlag, 2019
ISBN: 978-3-8956-1132-2
22,00 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 26. März 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2019, 04:00 Uhr

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