Bild aus dem Fim "Chris The Swiss"
Der Film setzt auch auf gezeichnete Elemente Bildrechte: RealFiction

Kino "Chris the Swiss" – Wie ein Journalist zum Krieger wurde

Ein junger Schweizer reist in den 90er-Jahren in den Balkankrieg, um darüber journalistisch zu berichten. Doch dann wechselt er die Seiten, kämpft und stirbt auf der Seite einer obskuren Söldnertruppe. Die Regisseurin berührt das Thema hautnah, Chris war ihr Cousin.

Knut Elstermann
Bildrechte: Jochen Saupe

von Knut Elstermann, MDR KULTUR-Filmkritiker

Bild aus dem Fim "Chris The Swiss"
Der Film setzt auch auf gezeichnete Elemente Bildrechte: RealFiction

Der Balkankrieg ist seit über 20 Jahren zu Ende, doch nicht nur dort, in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien sind seine Spannungen, seine Verwundungen noch immer spürbar. Die Schweizer Regisseurin Anja Kofmel verlor in diesem Krieg ihren Cousin, Christian Würtenberg, einen faszinierenden jungen Mann mit einer welterfahrenen Aura, den sie liebte und bewunderte. Nur wenig blieb von ihm, einige sehr lückenhafte Aufzeichnungen, kaum ein paar Bilder.

Bild aus dem Fim "Chris The Swiss"
Christian Würtenberg ließ sich in den Strudel des Krieges hineinziehen. Bildrechte: RealFiction

Die Suche nach den Gründen für seinen rätselhaften Tod trieb sie zu diesem großartigen, in Cannes gefeierten Recherchefilm. Sie reiste auf den Spuren von Christian nach Kroatien, wo er die Seiten wechselte, vom Journalisten zum Kämpfer wurde. Als man die Leiche des Ermordeten fand, trug er die Uniform einer erzkatholischen, obskuren Söldnertruppe. Warum griff er in das Kriegsgeschehen ein, warum ausgerechnet auf dieser Seite? Wer tötete ihn?

Anja Kofmel befragt Zeugen und einstige Kameraden, durchbricht die Mauer des Schweigens und verwendet dort, wo es keine Bilder gibt, düstere, eindrucksvolle Animationen. Die Mittel des Zeichentrickfilms werden so klug und effektvoll für das dokumentarische Erzählen verwendet, dass sie nicht nur fehlendes Filmmaterial ersetzen: Sie ermöglichen einen tiefen Blick in die Innenwelten eines idealistischen, jungen Mannes, der sich in einen grausamen Krieg verstrickte, über den er zunächst nur berichten wollte.

Genre: Dokudrama
Regie: Anja Kofmel
Darsteller: Anja Kofmel u.a.
Im deutschen Kino ab: 31.01.2019
Produktionsland: Schweiz, Kroatien, Deutschland, Finnland
Bewertung: ★ ★ ★ ★ ☆ (4 von 5 Sternen)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Januar 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2019, 08:10 Uhr

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